Lufthansa spielt Beinaheunfall bei Germanwings herunter
Am 19. Dezember 2010 funkte ein Germanwings Airbus A319 im Anflug auf Köln-Bonn wegen starker Geruchsentwicklung im Cockpit Mayday. Die Luftnotlage von Flug 4U-753 war der bislang wohl ernsteste Vorfall mit kontaminierter Kabinenluft.
Obwohl das Geschehen zwei Jahre zurückliegt war das Medienecho groß. Lufthansa wollte jetzt "für mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Diskussion" sorgen - und tat sich damit keinen Gefallen.
Der Konzern wehrt sich gegen die Darstellung einer Zeitung, dass der Flug von Wien nach Köln/Bonn "offenbar nur knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt" sei und die Piloten nur "unter Aufbietung letzter Reserven" landen konnten. Hierzu lud der Konzern Journalisten zu einem Pressetermin am 26. Oktober nach Frankfurt ein.
Vor den geladenen Medienvertretern habe der Kapitän des Flugs laut Mitarbeiterzeitschrift "Lufthanseat" seine Eindrücke "aus erster Hand" geschildert. Ein "stark verbrannter, etwas süßlicher Geruch" habe zu einem "Kribbeln in Händen und Füßen" geführt, berichtete der 36-jährige. Nach dem reflexartigen Aufsetzen der Sauerstoffmaske "war ich wieder Herr meiner Sinne", zitiert der "Lufthanseat" den Kapitän.
Also alles halb so schlimm?
Gegenüber der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) beschrieben die Piloten ihren Zustand kurz vor der Landung als "surrealistisch und wie in einem Traum", wie dem aktuellen Zwischenbericht der BFU zu entnehmen ist. Die Behörde stuft den Vorfall als "Schwere Störung" ein.
Am Montag legte die Zeitung "Die WELT" nach. Das Blatt veröffentlichte im Internet die vollständigen Erlebnisberichte, die Kapitän und Erster Offizier kurz nach dem Zwischenfall einreichten.
"Während des gesamten Anflugs fühlte ich mich körperlich sehr schlecht", protokollierte der Kapitän darin. "Mein Eindruck war, dass ich allein mit dem manuellen Fliegen im Flight Director an der Obergrenze dessen arbeitete, was mir momentan überhaupt möglich war." Er habe "kaum noch einen klaren Gedanken fassen" können.
Der Erste Offizier schilderte einen Zustand der Orientierungslosigkeit und weitgehenden Handlungsunfähigkeit: "Scheiße ey, hoffentlich schaffen wir das, ich kann nicht mehr, ich weiß nicht wo wir sind, oh Gott bitte lass uns heil landen, bitte lass uns das überleben. Verdammt, was kann ich noch machen?"
Erst nach der Zufuhr frischen Sauerstoffs trat bei Kapitän und Erstem Offizier Besserung ein. Bemerkenswert: Der Kapitän erinnert sich, dass ein Sanitäter bei ihm kurz nach der Landung eine kritische Sauerstoffkonzentration im Blut "von deutlich unter 80 Prozent" feststellte. Lufthansa spricht im aktuellen "Lufthanseat" hingegen von einer Normalsättigung von 99 Prozent und verweist auf ein Einsatzprotokoll.
Nach einer Untersuchung der A319 wurde der Zwischenfall von Lufthansa-Technikern auf Enteisungsmittel in der Klimaanlage zurückgeführt. Die Maschine ging kurze Zeit später wieder in den Linienbetrieb und blieb unauffällig.
Verunreinigte Kabinenluft ist ein Branchenthema
Zwei Jahre nach dem Vorfall übt sich Lufthansa in Schadensbegrenzung. Die jetzt von "WELT" als Reaktion auf den Bericht im "Lufthanseat" öffentlich gemachten Erlebnisberichte rücken die Geschehnisse aber in ein neues Licht. Flug 4U-753 entging wohl tatsächlich nur sehr knapp der Katastrophe einer nicht mehr handlungsfähigen Cockpitcrew.
Verunreinigte Kabinenluft ist das derzeit wichtigste, sicherheitsrelevante Branchenthema - es betrifft alle Airlines und ist nicht auf einen Flugzeugtyp beschränkt. TUIfly hatte 2011 gleich zwei Zwischenfälle, bei denen verunreinigte Kabinenluft eine Rolle spielte. Dem Vernehmen nach will eine große deutsche Fluggesellschaft eine 737 wegen anhaltender Probleme mit Öldämpfen inzwischen sogar an den Hersteller zurückgeben.
Lufthansa reagierte mit Triebwerkswechseln an ihren A380 auf wahrnehmbare Geruchsentwicklung in der Kabine. Die Airline nimmt zudem einen Messkoffer des Fraunhofer Instituts mit an Bords, um das Phänomen mit eigenen Daten zu untersuchen. Beim Triebwerksstart verzichten A380-Crews der Lufthansa inzwischen auf die Abnahme von Zapfluft. Hersteller Rolls-Royce hat auf Initivative der Lufthansa zudem ein spezielles Abweisungsblech für die Antriebe entwickelt.
Die weitgehend im Stillen durchgeführten Maßnahmen unterstreichen, wie ernst man bei Lufthansa das Problem nimmt. Umso unverständlicher ist, wenn Zwischenfälle wie der von Flug 4U-753 öffentlich heruntergepielt werden.
Airbus A319 von Germanwings - hier die Version mit zwei Notausgangstüren pro Seite über den Tragflächen. (C) Germanwings Foto
aero.de / Dennis Dahlenburg 06.11.2012
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