15.04.2017
Erschienen in: 04/ 2017 FLUG REVUE

Recaro-SitzeFlugzeugsitze: Hightech unterm Hintern

Über den Sitz tritt der Passagier wohl am unmittelbarsten in Kontakt mit einem Flugzeug. Doch bevor Fluggäste schließlich darauf Platz nehmen, steht ein langer Prozess.

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Es gibt sie in allen Formen, Farben und Materialien: Flugzeugsitze sind wesentlich dafür, ob Passagiere einen Flug als angenehm empfinden. Für Airlines sind sie ein wichtiges Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb. Und ein verhältnismäßig günstiges noch dazu. „Bezogen auf den Kaufpreis eines Flugzeugs machen die Sitze weniger als fünf Prozent der Kosten aus“, sagt Dr. Mark Hiller, geschäftsführender Gesellschafter bei Recaro Aircraft Seating. Der Hersteller aus Schwäbisch Hall hat bei Sitzen für die Kurz- und Mittelstrecke einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent, seit wenigen Jahren verstärkt Recaro den Fokus auf die lukrative Business Class. Und mit der Premium Economy, einer Zwischenklasse mit mehr Beinfreiheit und Komfort als in der Economy, hat sich in den vergangenen Jahren ein weiteres Feld ergeben. Das Familienunternehmen mit weltweit 2200 Mitarbeitern gehört neben der französischen Konkurrenz Zo-diac Aerospace und der US-Firma B/E Aerospace zu den drei größten Sitzanbietern weltweit. Rund 100 Fluggesellschaften zählt Recaro zu seinen Kunden, darunter Lufthansa, airberlin, Singapore Airlines und TAP Portugal.

Über eine Million Sitze hat Recaro in seiner mehr als 40-jährigen Firmengeschichte schon produziert und verkauft. Für jede Airline wird allerdings – auf der Basis von aktuell zwölf verschiedenen Plattformen – ein ganz individuelles Produkt entwickelt und gefertigt.

Doch worauf kommt es nun bei einem Flugzeugsitz an? Letztlich ist es immer ein Kompromiss: Der Passagier will bequem sitzen, die Airline legt zudem Wert auf die Kosten, und die Wartung wünscht sich einen Sitz mit möglichst wenigen Teilen, die defekt sein können. Hiller fasst das Spannungsfeld zusammen: „Es geht darum, besten Komfort bei höchster Raumeffizienz und geringstem Gewicht zu bieten.“
Bis zu zwei Jahre dauert es, bis ein komplett neuer Sitz entwickelt ist. Beteiligt sind neben Ingenieuren, Ergonomen und Designern unter anderem auch Modellbauer sowie Experten aus der Produktion. Am aktuellen Recaro-Bestseller CL3710, einem Economy-Class-Sitz für die Langstrecke, hat beispielsweise ein mehr als 50-köpfiges Team gearbeitet. Auch wenn die Entwicklung nicht auf einen konkreten Auftrag zurückgeht, werden Airlines schon in einer frühen Phase eingebunden. So wird sichergestellt, dass am Ende ein Sitz herauskommt, der Chancen auf dem Markt hat.

Dabei ist der Entwurf für einen Business-Class-Sitz aufwendiger als für einen Economy-Class-Stuhl. „Das fängt schon mit der Anzahl der behördlichen Regularien an, die zu erfüllen sind. Bei unserem Business-Class-Sitz CL6710 für die Langstrecke sind wir bei fast 100 000 Einzelanforderungen“, erklärt René Dankwerth, Ressortleiter Forschung und Entwicklung. Dabei geht es in erster Linie um Sicherheit: Beispielsweise dürfen Materialien im Brandfall keine giftigen Dämpfe entwickeln oder in Flammen aufgehen. Die Hersteller müssen auch durch Tests nachweisen, dass die Sitzstruktur Kräfte von 16 g nach vorne und 14 g nach unten aushält. „Diese Anforderungen decken mehr als das ab, was im seltenen Fall einer harten Landung auftritt“, so Dankwerth. Zudem sind Business-Class-Sitze, gerade für die Langstrecke, komplexe mechatronische Produkte mit eigener Stromversorgung sowie einer Vielzahl von Aktuatoren und Mechanik zur Steuerung. „Und wenn Sie sich die Umhausung anschauen, ist das schon fast Möbelbau“, sagt Joachim Ley, Ressortleiter Supply Chain.


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Ulrike Ebner


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