25.04.2016
Erschienen in: 04/ 2016 FLUG REVUE

Gefragter KämpferAirbus Helicopters Tiger

Ob in Afghanistan, Libyen oder Mali – der Kampfhubschrauber Tiger ist für die Unterstützung der Bodentruppen ein wichtiges Einsatzmittel. Damit dies so bleibt, diskutieren die vier Kunden Möglichkeiten für ein Modernisierungsprogramm.

Staubige Plätze, hohe Temperaturen und große Distanzen machen den Hubschraubereinsatz in der Sahelzone schwierig. Mit Zusatztanks kommen die Tiger der ALAT (französische Heeresflieger) schon einmal auf Flugzeiten von über vier Stunden, um die weiten Gebiete nach Terrorgruppen abzusuchen. Dabei müssen die Crews auf der Hut sein, denn schon öfters gerieten die Kampfhubschrauber unter Beschuss und mussten Treffer einstecken. Bisher haben die Tiger solche Beschädigungen aber gut überstanden und konnten jeweils zur Basis zurückkehren.

Mali und die Zentralafrikanische Republik sind seit Januar 2013 die Einsatzgebiete der französischen Kampfhubschrauber, die erstmals 2009 ins Ausland verlegt wurden. Damals ging es nach Afghanistan, wo sich die Tiger trotz der Höhenlage und der hohen Temperaturen gut bewährten. Mit ihrer schwenkbaren, sehr präzisen 30-mm-Kanone leisteten die Hubschrauber bei vielfältigen Missionen wertvolle Unterstützung für die Bodentruppen. Auch bei den Kampfhandlungen in Libyen 2011 brachten die Franzosen ihre Tiger zum Einsatz. Zwei Helikopter flogen von den Schiffen „Mistral“ und „Tonnerre“ aus, die vor der Küste kreuzten.

Insgesamt hat die ALAT die meiste Einsatzerfahrung mit dem Tiger, denn allein in Afrika kamen inzwischen über 2000 Flugstunden zusammen. Aber auch die anderen europäischen Nutzer haben ihre Hubschrauber schon für heiße Einsätze verwendet. Die Heeresflieger zum Beispiel schickten im Dezember 2012 vier auf die ASGARD-Konfiguration umgerüstete Maschinen nach Masar-e Scharif. Eineinhalb Jahre lang leistete das Einsatzgeschwader bewaffnete Unterstützung aus der Luft, führte Operationen zur Sicherung und Räumung von Straßen durch oder half einheimischen Kräften. Bei 260 Einsatzflügen und annähernd 1860 Flugstunden kam der Tiger „ohne die Abgabe eines scharfen Schusses im Gefecht“ aus, so die Bundeswehr.

Unterschiedliche Bauzustände

Spaniens Heeresflieger (FAMET) verlegten im März 2013 drei Tiger HAP nach Herat im Westen Afghanistans, um den schrittweisen Truppenabzug zu unterstützen. Einzig die Tiger der australischen Heeresflieger sind somit noch nicht „kampferprobt“.

Die durchweg positiven Berichte aus den Einsatzgebieten können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Einführung des Tigers bei allen Kunden ein mühsamer Prozess war und die geforderten Fähigkeiten erst nach und nach zur Verfügung standen. Auch über zehn Jahre nach der ersten Lieferung an das deutsche Heer wird der Unterstützungshubschrauber zum Beispiel vom Verteidigungsministerium nur als „ein bedingt einsatzreifes Waffensystem“ bewertet. Laut dem aktuellsten Bericht zu den wichtigsten Waffensystemen liegen die Ursachen der geringen materiellen Einsatzbereitschaft „in der Uneinheitlichkeit der Flotte mit sechs zum Teil erheblich unterschiedlichen Bauzuständen, dem Fehlen von Ersatz- und Austauschteilen sowie Personalthemen begründet“.

Für einen möglichen Einsatz stehen dem Heer im Bauzustand ASGARD-F maximal 13 Tiger sowie in der vertragsgemäßen Konfiguration Step 2GCOM maximal 17 Tiger zur Verfügung. Immerhin sollen eine Vereinheitlichung der Flotte durch Umrüstung weiterer Hubschrauber auf die ASGARD-Konfiguration sowie Maßnahmen, wie die Beschleunigung der Versorgung mit Ersatz- und Austauschteilen und die Umstellung des Inspektionssystems, mittel- und langfristig „einen positiven Effekt auf die materielle Einsatzbereitschaft und die Verfügbarkeit des Waffensystems haben“.

Dies ist notwendig, denn die Einsatzflotte wird nach der Übereinkunft mit der Industrie über die Stückzahlreduzierung bei 40 Hubschraubern bleiben. Diese sind alle beim Kampfhubschrauberregiment 36 in Fritzlar stationiert. Die „Kurhessen“ bereiten sich derzeit auf ihren Einsatz in der EU-Battlegroup von Juli bis Dezember 2016 vor. Sie haben die Federführung für Aufstellung, Vorbereitung und Ausbildung der gemischten Heeresfliegerstaffel übernommen. Dazu werden dann auch die Transporthubschrauber aus Faßberg und Niederstetten gehören. Nach einigen nationalen Übungen folgt im April in der Übung „European Spirit“ die internationale Zertifizierung.

Obwohl die Stückzahl gegenüber den ursprünglichen Plänen arg geschrumpft ist, müssen die Tiger der Heeresflieger ein breites Einsatzspektrum abdecken. Es reicht von der Unterstützung der Bodenkräfte über den Begleitschutz von Bodenkräften und Hubschraubern bis hin zur Panzerabwehr, der bewaffneten Aufklärung und der Bekämpfung von Hochwertzielen.

Dazu werden über die Jahre Verbesserungen bei den Systemen und der Bewaffnung notwendig sein. Diesbezüglich hat die zuständige Rüstungsagentur OCCAR am 31. Juli 2015 einen Vertrag mit Airbus Helicopters unterschrieben, der Studien über mögliche Modernisierungsmaßnahmen beinhaltet. Aus den Vorschlägen sollen die Betreibernationen dann ein Paket für ein Midlife Upgrade auswählen, das Anfang der 2020er Jahre realisiert werden könnte. Neben Leistungssteigerungen spielen dabei Aspekte wie eine vereinfachte Wartung und niedrigere Betriebskosten eine wichtige Rolle.

Für den Tiger „Mark 3“ werden unter anderem ein neues, einheitliches Feuerleitsystem, die Integration von Link 16, der Einbau eines Millimeterwellenradars oder die Fähigkeit, unbemannte Fluggeräte zu kontrollieren, diskutiert. Auch neue Displays für die Crew stehen auf der Agenda. Ein zentrales Anliegen ist zudem die Vereinheitlichung der Bewaffnung durch die Einführung einer gemeinsamen Lenkwaffe, die Muster wie HOT, Spike LR und Hellfire ersetzen könnte. Australien arbeitet darüber hinaus bereits an der Integration von lasergelenkten Raketen, in diesem Fall der APKWS von BAE Systems.

Die Tiger in Deutschland, Frankreich, Spanien und Australien haben also noch eine lange Dienstzeit vor sich. Dabei liegen die Anfänge des Programms schon über 30 Jahre zurück: Nach vielen Diskussionen einigten sich Deutschland und Frankreich 1984 auf die gemeinsame Entwicklung eines Kampfhubschraubers. Schwerpunkt aus Sicht des Heeres war damals noch die Panzerabwehr, weshalb auf Basis einer einheitlichen Zelle von Anfang an unterschiedliche Varianten entwickelt wurden. So fehlt den deutschen Kampfhubschraubern die schwenkbare Bugkanone, während sie als einzige mit der schweren PARS-3LR-Lenkwaffe bestückt sind. Solche Grundsatzentscheidungen, die noch aus den Zeiten des Kalten Kriegs stammen, lassen sich nur schwer ändern. Die Auslegung des Tigers ist aber flexibel genug, sich neuen Anforderungen anzupassen.

Die Nutzer

Tiger – die Nutzer

Australien

22 Hubschrauber (ARH-Version)

Australian Army Aviation

• 1st Aviation Regiment, 161 und 162 Reconnaissance Squadron in Darwin

Deutschland

68 Hubschrauber (UHT). Davon werden allerdings nur 40 im Einsatzverband im Dienst sein. 22 werden für die Ersatzteilgewinnung genutzt, vier für die Ausbildung und einer für die Erprobung. Ein Tiger ist bisher abgestürzt.

Heeresflieger
• Kampfhubschrauberregiment 36 „Kurhessen” in Fritzlar
• Deutsch-Französisches Heeresfliegerausbildungszentrum Tiger in Le Cannet-des-Maures

Frankreich

67 Hubschrauber (31 HAD und 36 HAP,
die später auch auf den HAD-Standard gebracht werden)

ALAT (Aviation légère de l´Armée de Terre)

• 3e Régiment d´Helicoptères de Combat
(3 RHC) in Phalsbourg
• 5e Régiment d´Helicoptères de Combat
(5 RHC) in Pau
• Deutsch-Französisches Heeresfliegerausbildungszentrum Tiger in Le Cannet-des-Maures

Spanien

24 Hubschrauber (6 HAP und 18 HAD-E)

FAMET (Fuerzas Aeromóviles del Ejercito de Tierra)

• Batallón de Helicópteros de Ataque I
in Ciudad Real

Historie – Tiger fliegt seit 25 Jahren

fr 04-2016 Airbus Helicopters Tiger (06)

Der Tiger hob im April 1991 in Marignane zum Jungfernflug ab. Foto und Copyright: Aerospatiale  

 

1984: Deutschland und Frankreich vereinbaren die gemeinsame Entwicklung eines Kampfhubschraubers
September 1985: MBB und Aérospatiale gründen die Eurocopter Tiger GmbH zur Abwicklung eines möglichen Programms.
Dezember 1987: Die Entwicklung wird genehmigt.
30. November 1989: Der Entwicklungsauftrag für den Tiger wird erteilt. Er umfasst den Bau von fünf Prototypen.
Februar 1991: Roll-out des Prototyps PT1.
27. April 1991: Erstflug des Tiger-Protoyps mit den Piloten Etienne Herrenschmidt und Andrew Warner in Marignane.
21. Februar 1996: Erstflug des fünften Prototyps, ca. 1000 Flugstunden bisher erreicht.
18. Juni 1999: Unterzeichnung einer Serienvereinbarung zum Bau von zunächst je 80 Hubschraubern für Deutschland und Frankreich.
14. August 2001: Australien wählt als erster Exportkunde den Tiger.
2. August 2002: Erstflug der ersten Serienmaschine in Deutschland.
5. September 2003: Die spanische Regierung beschließt die Beteiligung am Tiger-Programm und bestellt 24 Helikopter.
15. Dezember 2004: Australien übernimmt in Oakey seine ersten beiden Tiger.
6. April 2005: Übergabe des ersten Serienhubschraubers an die Bundeswehr. Frankreich erhält seinen ersten Helikopter am 18. März.
17. April 2007: Spanien erhält nach der Pilotenausbildung in Le Luc seine ersten drei Tiger HAD.
26. Juli 2009: Die französischen Heeresflieger bringen den Tiger in Afghanistan in den Einsatz.
Dezember 2012: Die Heeresflieger verlegen vier Tiger nach Afghanistan. Sie sind bis Mitte 2014 im Einsatz.
30. Juli 2013: Der erste in Spanien montierte Tiger (HAD-E-Version) startet in Albacete zum Jungfernflug.

FLUG REVUE Ausgabe 04/2016



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