15.09.2016
Erschienen in: 09/ 2016 FLUG REVUE

Embraer KC-390Testprogramm kommt in Fahrt

Mit nun zwei Prototypen unternimmt Embraer alle Anstrengungen, seinen neuen Militärtransporter KC-390 bis Ende 2017 zuzulassen und 2018 mit den Lieferungen an die brasilianischen Luftstreitkräfte zu beginnen.

Letztes Jahr sah es nicht gut aus für die KC-390, denn nach dem Erstflug im Februar sorgten ausbleibende Zahlungen des brasilianischen Verteidigungsministeriums dafür, dass der erste Prototyp über acht Monate am Boden blieb. Seit dem 26. Oktober 2015 wurden nun aber schon über 350 Flugstunden absolviert. „Allein mit der zweiten Maschine (Erstflug 28. April) schafften wir innerhalb von vier Wochen 40 Stunden“, berichtete Projektleiter Paulo Gastão Silva auf der Luftfahrtschau in Farnborough, wo der Militärtransporter sein internationales Debüt gab.

Fallschirmspringer und Luftbetankungsbehälter

Gerade in den letzten drei Monaten erreichte das Testprogramm Meilensteine, so Paulo Gastão Silva. So wurden am 21. Juni mit Hilfe der Fuerza Aérea Brasileira (FAB) die ersten Fallschirmabsprünge durchgeführt. Freifaller stiegen in 3660 Metern Höhe sowohl von der aufgeklappten Rampe im Heck als auch durch die seitlichen Türen aus. Seither wurden auch Versuche mit Automatikschirmen durchgeführt, wobei es laut Embraer keine Probleme beim Verlassen des Flugzeugs gab. Bereits im Mai gab es von Gavião Peixoto aus erste Tests mit den Luftbetankungsbehältern 912E von Cobham. Dabei wurden Fangkörbe für hohe und niedrige Geschwindigkeiten (Hub­­schrauberbetankung) getestet und die Windkanalergebnisse bezüglich der Stabilität der ausgefahrenen Schläuche bestätigt, heißt es. Trotz Jetantrieb ist die KC-390 in der Lage, bei der Betankung bis auf 220 km/h herunterzu­gehen. Die Geschwindigkeit beim Abset­zen von Fallschirmspringern soll bei 340 km/h liegen.

Möglich werden die guten Langsamflugeigenschaften durch die Fly-by-Wire-Steuerung sowie die durchgehenden Doppelspaltklappen, die je nach Flugzustand und Gewicht gradgenau bis zu 40 Grad ausgefahren werden können. Alle Konfigurationen wurden laut Embraer inzwischen überprüft. Auch der Flugbereich bis Mach 0.8 und einer Flughöhe von 10 975 Metern wurde erflogen. Abgehakt sind laut Embraer ebenfalls die Wiederstartversuche mit den V2500-Triebwerken und der Hilfsgasturbine.

Für die anstehenden Zulassungs­flüge, die auch eine zivile Zertifizierung nach Part 25 einschließen, wurden inzwischen Piloten der zuständigen militärischen Zulassungsbehörde IFI geschult. Vor dem Flug nach Europa wurde auch die Avionik hinsichtlich ihrer Leistungen für die RVSM-Zulassung geprüft.

Die Promotiontour nach Europa begann in Portugal, wo Teile der KC-390 gebaut werden und Embraer auch eigene Werke hat. Piloten der portugiesischen Luftstreitkräfte – die Streitkräfte erteilten eine Absichtserklärung für sechs KC-390 –  konnten sich ein Bild von dem Transporter machen. Nach der Woche in Farnborough standen ein Besuch in Tschechien (Aero Vodochody liefert Teile) sowie Vorführungen in drei weiteren Ländern in Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten auf dem Plan.

Nach der Rückkehr ins Werk Gavião Peixoto wird auch der erste Prototyp wieder voll in das Flugtestprogramm eingespannt sein. In diesem Jahr sind noch Querwindversuche in Chile und Vereisungstests vorgesehen. Insgesamt hat Embraer etwa 2000 Stunden angesetzt. Nach der notwendigen Neuplanung durch die Verzögerung im letzten Jahr geht der Hersteller nun davon aus, die Zulassung bis Ende 2017 zu erreichen und mit den Lieferungen an die FAB im ersten Halbjahr 2018 zu beginnen. Zwischenzeitlich sind auch die Zellen für die Bruchversuche und die Ermüdungstests im Bau.

Trotz der Wirtschaftskrise in Brasilien scheint das Programm, dessen Entwicklung allein vier Milliarden Real (1,1 Mrd. Euro) verschlingt, vorerst gesichert. Schließlich handelt es sich bei der KC-390 um das bisher größte bei Embraer gebaute Flugzeug, das auch technologisch für den Hersteller sehr wichtig ist. Zudem soll die Produktion etwa 1100 direkte Arbeitsplätze sichern.

Über die 28 von Brasilien bestellten Maschinen hinaus erhofft sich Embraer gute Exportgeschäfte. Was die baldige Umwandlung der Absichtserklärungen von Argentinien (6), Chile (6), Kolumbien (12), der Tschechischen Republik (2) und Portugal (6) angeht, äußert sich Embraer momentan allerdings recht vorsichtig. Um die Verkaufschancen für den in der Klasse der C-130 Hercules angesiedelten Transporter zu erhöhen, hat Embraer sich mit Boeing verbündet. Das Unternehmen soll beim Marketing Unterstützung leisten. Ein Argument dabei sind die „sehr, sehr konkurrenzfähigen Kosten sowohl hinsichtlich der Beschaffung als auch im Betrieb“, so Embraer. Zudem sei die Maschine von Anfang an für viele Rollen ausgerüstet. Alle Flugzeuge erhalten zum Beispiel die Grundsysteme für Einsätze als Tanker.

Neben der Zusammenarbeit beim Marketing wird sich Boeing nach einer in Farnborough verkündeten Vereinbarung auch beim weltweiten Service unterstützend engagieren. Vom Erfolg der KC-390 profitiert auch Rheinmetall Defence. Das deutsche Unternehmen wurde für die Lieferung einer umfassenden Ausstattung von Ausbildungsgeräten ausgewählt. Dies könnte in den nächsten zehn bis 15 Jahren Umsätze von „deutlich über 100 Millionen Euro“ bringen.

FLUG REVUE Ausgabe 09/2016



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