03.05.2015
Erschienen in: 01/ 2015 FLUG REVUE

Der HerausfordererRoll-out der Embraer KC-390

Mit dem größten je in Südamerika entwickelten Flugzeug will sich Embraer seinen Anteil am Militärtransporter-Markt sichern. Nach dem Roll-out wird der erste Prototyp der KC-390 nun in Gavião Peixoto auf die Flugtests vorbereitet.

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Eine Militärkapelle war aufmarschiert, etwas Rauch in den Nationalfarben Gelb und Grün waberte um das Flugzeug, und einige Feuerwerksknaller durften auch nicht fehlen. Das Roll-out der KC-390 im Embraer-Werk Gavião Peixoto war keine Glitzershow, sondern eher ein Event im traditionellen Rahmen. Dem Stolz auf den „bedeutenden Schritt in der Geschichte von Embraer“ tat dies aber keinen Abbruch. Auch die Zahl der am 21. Oktober 2014 ins brasilianische Hinterland, gut 300 Kilometer nordwestlich von São Paulo eingeflogenen VIPs war beeindruckend. Neben Verteidigungsminister Celso Amorim und General Juniti Saito, dem Kommandeur der Forca Aérea Brasileira, waren die Verteidigungsminister der Programmpartner Argentinien und Portugal sowie der tschechische Luftwaffenchef anwesend.

Auch Vertreter von rund 30 weiteren Ländern, darunter Mexiko, Schweden, Polen, Katar, Saudi-Arabien und Kasachstan, wollten den neuen Militärtransporter in Augenschein nehmen. Embraer gab sich beim Roll-out zwar vorsichtig, was kurzfristige Bestellungen anging, jedoch auch selbstbewusst: „Wir respektieren die Hercules, aber wir bieten ein ganz neues Konzept“, betonte Jackson Schneider, Chef des Bereichs Verteidigung und Sicherheit. Bei einem prognostizierten Bedarf von 725 Flugzeugen in der mittleren Gewichtsklasse über die kommenden 20 Jahre hofft der brasilianische Hersteller auf einen Anteil von 15 bis 20 Prozent.

Die Kaufargumente listete Programm-Manager Paulo Gastao Silva auf. Da ist zum einen die deutlich höhere Marschgeschwindigkeit von 870 km/h gegenüber 660 km/h der C-130J Hercules, zum anderen die etwas höhere Zuladung von 23 Tonnen (gegenüber 21,7 t) in einem marginal größeren Frachtraum. Mit modernen Systemen will man zudem eine hohe Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit sicherstellen. Von Beginn an hat Embraer auf eine Komplettausstattung geachtet. Schon beim Prototyp sind zum Beispiel die Vorrichtungen für das umfassende elektronische Selbstschutzsystem (Radar- und Laserwarner, Lenkwaffendetektor, Abwehrlaser und Täuschkörperwerfer) vorhanden.

Die KC-390 verfügt über ein elektronisches Flugsteuersystem mit programmierten Begrenzungen und hat im Cockpit neben den üblichen großen Farbbildschirmen Head-up-Displays für beide Piloten. Hier lassen sich unter anderem die Bilder der in der Nase montierten Infrarotkamera des Enhanced Vision System einblenden. Entscheidend für die Leistungen der KC-390 sind aber die Triebwerke. Embraer setzt auf zwei V2500-Turbofans, wie sie auch im Airbus A320 verwendet werden. Probleme mit dieser Auslegung zum Beispiel beim Ausfall eines Triebwerks nach dem Start sieht Gastao Silva nicht. Auch beim Einsatz von unvorbereiteten Pisten aus sei man nicht anfälliger als die traditionellen Turboprops. Umfangreiche aerodynamische Berechnungen hätten gezeigt, dass die Lufteinläufe hoch genug liegen, und auch die Schubumkehr könne man so regeln, dass das Ansaugen von Fremdkörpern verhindert werde.

Ob sich diese Meinung bei potenziellen Kunden durchsetzt, wird man sehen. Die Forca Aérea Brasileira jedenfalls ist von den Qualitäten des Musters überzeugt, das bei Einsätzen „vom Amazonas bis in die Antarktis“ das Rückgrat der Transporterflotte bilden und die derzeit genutzten C-130 Hercules ersetzen soll. Das komplette Spektrum vom Materialtransport über Lastenabwürfe, das Absetzen von Fallschirmspringern, die Betankung von Flugzeugen und Hubschraubern bis hin zu Such- und Rettungsflügen soll abgedeckt werden. Die KC-390 entspricht dabei genau den Anforderungen der FAB, die auch das komplette Entwicklungsprogramm bezahlt: 4,9 Milliarden Real (1,53 Mrd. Euro) sind kalkuliert, und laut Jackson Schneider ist Embraer bisher im Zeit- und Kostenrahmen.

Damit das auch so bleibt, standen nach dem Roll-out weitere Systemüberprüfungen, die ersten Triebwerkstestläufe, Schwingungsversuche und sonstige Bodentests auf dem Plan – mit dem Ziel, die erste KC-390 noch vor Ende 2014 in die Luft zu bringen. Unterdessen entstehen in Gavião Peixoto auch der zweite fliegende Prototyp und die Zellen für Bruchversuche und Ermüdungstests. Mit nur zwei Maschinen will Embraer bis Ende 2016 die Zulassung erreichen, die auch eine zivile Zertifizierung mit einschließt. Danach beginnen die Lieferungen an die brasilianischen Luftstreitkräfte, die im Mai 2014 den erwarteten Auftrag für 28 KC-390 im Wert von 7,2 Milliarden Real (2,26 Mrd. Euro) unterzeichnet haben.

Wann die vorliegenden Absichtserklärungen von Argentinien (6), Chile (6), Kolumbien (12), Portugal (6) und Tschechien (2) in Festbestellungen umgewandelt werden, ist derzeit unklar. Der finanzielle Spielraum einiger Länder ist jedenfalls äußerst begrenzt, und gerade im Falle Tschechiens könnte man die Frage stellen, ob man nur pro forma unterschrieb, um Aero Vodochody eine Beteiligung am Programm zu sichern.

Wie bei seinen Regionaljets hat Embraer erhebliche Arbeitsanteile im Zellenbau wie auch bei den Systemen an zahlreiche Zulieferer vergeben. Dennoch sind in Gavião Peixoto und Eugenio de Melo rund 1500 Mitarbeiter mit der KC-390-Entwicklung beschäftigt. Für die Serienproduktion rechnet Embraer mit der Sicherung von 1100 Arbeitsplätzen. Vor allem soll ein Erfolg des modernen Militärtransporters helfen, eine bessere Balance zwischen dem zivilen und militärischen Geschäft zu erreichen.


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