12.08.2016
Erschienen in: 08/ 2016 FLUG REVUE

Alte Schale, neuer KernRoll-out der Saab Gripen E

Fast 30 Jahre nach dem ersten „Greif“ hat Saab mit der Gripen E die neue Generation seines Mehrzweck-Kampfflugzeugs vorgestellt. Aufträge aus Schweden und Brasilien bilden die Basis für weitere Verkaufsbemühungen.

Rund 500 Gäste hatte Saab zur Roll-out-Feier der Gripen E nach Linköping geladen. Als der Vorhang zur Seite gezogen war und der ganz in Grau lackierte Prototyp 39-8 im Scheinwerferlicht erstrahlte, mussten sie schon genau hinschauen, um die Unterschiede zu den Vorgängermodellen zu erkennen. Doch der erste Blick täuscht in diesem Fall, denn die neue Version wurde von Grund auf überarbeitet, um für die Bedrohungsszenarien der nächsten Jahrzehnte gerüstet zu sein. Billig allein ist für einen Fighter nämlich kein Verkaufsargument – er muss aus Sicht der schwedischen Luftstreitkräfte mit möglichen Gegnern wie der Su-35 oder der T-50 (PAK-FA) mithalten können.

Saab hat deshalb in der Gripen E nur die neuesten Systeme verbaut, die auf dem Markt greifbar sind. Im Bug arbeitet nun zum Beispiel ein Radar mit elektronischer Strahlschwenkung. Das ES-05 Raven kommt von Selex aus Großbritannien und ist bis auf die Antennengröße auf einem Niveau mit dem künftigen Captor-E des Eurofighters. Die ersten Testmodelle wurden bereits geliefert und in dem seit Mai 2008 fliegenden Gripen-Demon­strator (Doppelsitzer 39-7) in der Luft erprobt.

Gleiches gilt für das vor dem Cockpit installierte IRST (Infrarot-Such-und Zielverfolgungssystem), das ebenfalls von Selex stammt. Es ist in der Lage, gegnerische Flugzeuge ohne verräterische eigene Radaremissionen aufzuspüren. Zum Lagebild tragen zudem neue Sensoren für das EloKa-System (elektronische Kampfführung) bei, die unter anderem an den Wurzeln der Canards und in den Behältern an der Flügelspitze untergebracht sind.

Insgesamt wurde die Avionik auf den neuesten Stand gebracht. Hier ging Saab neue Wege, um in Zukunft die Verbesserungszyklen einfacher und schneller zu gestalten. Flugkritische Software wurde strikt von den Programmen für das Missionsmanagement getrennt. Damit hoffen die Entwickler, neue Fähigkeiten ohne langwierige Tests innerhalb von Monaten oder gar Wochen einführen zu können – ähnlich wie neue Apps bei einem Smartphone.

Aber nicht nur an den Systemen wurde gefeilt, auch die Zelle erfuhr eine Überarbeitung. Wie schon beim Gripen-Demonstrator wurden die Hauptfahrwerke aus dem Rumpf in die Flügelwurzel verlegt, was 40 Prozent mehr Kraftstoffvolumen bringt. Sonstige Änderungen und Verstärkungen sorgen für ein Mehrgewicht von 1200 Kilogramm, bei allerdings um 2500 auf 16500 Kilogramm erhöhter Abflugmasse. Dies schafft Spielraum für zusätzliche Waffenzuladung, für die auch weitere Außenlastträger unter dem Rumpf vorhanden sind. Damit die Leistungen nicht leiden, erhält die Gripen E ein stärkeres Triebwerk. Das F414 von GE Aviation mit einem Schub von 98 Kilonewton mit Nachbrenner ersetzt das RM12 (F404), das mit Nachbrenner 80,5 Kilonewton leistet.

Offiziell begann die Entwicklung der Gripen E mit der Auftragserteilung durch Schweden im Februar 2013. Schon zuvor wurden aber viele Aspekte des neuen Modells mit dem Demonstrator untersucht. Ein voll computergestütztes Design trug zum reibungslosen Ablauf bei. Die im vergangenen Jahr gestartete Montage des Prototyps 39-8 verlief laut Saab daher mit weniger Problemen als bei den Serienexemplaren der Gripen C/D.

Nach der Präsentation am 18. Mai wird das erste von drei Gripen-E-Versuchsflugzeugen nun auf den Erstflug vorbereitet; er soll auf jeden Fall noch in diesem Jahr erfolgen. Aufgrund ausgiebiger Simulationen und Testreihen am Boden geht man bei Saab davon aus, das Flugversuchsprogramm in einem Drittel der früher üblichen Zeit durchziehen zu können.

Auch die Schweiz ist noch nicht abgeschrieben

Die Lieferungen der 60 Flugzeuge an die Flygvapnet sollen 2019 beginnen und bis 2026 dauern. Zehn weitere Flugzeuge könnten folgen. Brasilien wird ab 2019 insgesamt 28 Einsitzer und acht Doppelsitzer (Gripen F) erhalten. Der Vertrag mit dem südamerikanischen Land trat im September 2015 in Kraft. Er sieht einen umfangreichen Technologietransfer und wertvolle Arbeitspakete für Embraer vor. Unter anderem sollen 350 brasilianische Ingenieure bei Saab geschult werden. In Gavião Peixoto ist die Endmontage von zunächst 15 Gripen E und F vorgesehen. Der Bedarf der Força Aérea Brasileira geht aber darüber hinaus. Vorerst muss allerdings die Wirtschaftskrise in Brasilien überwunden werden.

Knapp 100 Gripen E hat Saab also schon an den Mann gebracht, rund 300 weitere sollen in den nächsten 20 Jahren folgen, so die Hoffnung in Linköping. Dabei sind wohl auch die Gripen C/D eingerechnet, die für weniger zahlungskräftige Kunden nach wie vor angeboten werden. Auch Leasinggeschäfte sollen weiterhin möglich sein. Mit der Slowakei beispielsweise werden Gespräche über acht Leihflugzeuge geführt. Als mögliche Kunden für die Gripen E hat Saab Länder wie Finnland, Malaysia und Indonesien im Visier. Die Schweiz, die die Gripen E im September 2013 auswählte und dann wegen eines negativen Referendumsergebnisses doch nicht kaufen konnte, könnte ebenfalls wieder ins Spiel kommen. Auch Indien gehört zu den Kandidaten. Hier würde man ähnlich wie in Brasilien einen Technologietransfer und die Fertigung im Land anbieten. Insgesamt ist man in Linköping jedenfalls hoffnungsvoll. Schließlich habe man derzeit den neuesten Fighter im Angebot und ein Programm, das sich im Preis- und Zeitrahmen bewegt – was heute die große Ausnahme ist.

Technische Daten

Saab Gripen E

Allgemeine Angaben

Hersteller: Saab, Linköping, Schweden
Besatzung: 1 oder 2 (Gripen F)
Antrieb: 1 x GE Aviation F414-GE39
Schub: 98 kN mit Nachbrenner

Abmessungen
Länge: 15,20 m
Höhe: 4,50 m
Spannweite: 8,60 m

Massen
Einsatzleermasse: 8000 kg
max. Zuladung: 7200 kg
max. Kraftstoff: 3400 kg intern
max. Startmasse: 16 500 kg

Flugleistungen
max. Fluggeschwindigkeit: Mach 2, 1400 km/h in NN
Supercruise: über Mach 1.2
Dienstgipfelhöhe:16 000 m
Startstrecke: mindestens 500 m
Landestrecke: ca. 600 m
max. Reichweite mit Zusatztanks: 4000 km 
Lastvielfache: -3 /+ 9 g

Bewaffnung
Interne Kanone 27 mm Mauser. 10 Außenlaststationen für bis zu 6 IRIS-T, bis 7 AMRAAM oder Meteor, Bomben, Auf­klärungsbehälter, Seezielflugkörper, etc.

FLUG REVUE Ausgabe 08/2016



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