15.03.2015
Erschienen in: 12/ 2014 FLUG REVUE

Volle Fahrt vorausSikorsky S-97 Raider

Mit Koaxialrotor und Schubpropeller will Sikorsky neue Geschwindigkeitsmaßstäbe im Militärhubschrauberbau setzen. Das jetzt fertiggestellte Versuchsmuster S-97 soll das Potenzial des Konzepts demonstrieren.

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Bevor im Sikorsky-Entwicklungszentrum in West Palm Beach der Vorhang zur Seite gezogen und die erste S-97 Raider (Angreifer) enthüllt wurde, brachte Chris Van Buiten die Stimmung auf den Punkt: „In diesem Klima (Budgetprobleme beim US-Militär, Anm. d. Red.) wäre es einfach, nur stillzusitzen und abzuwarten. Stattdessen sind Sikorsky und alle Partner aktiv geworden und nach vorn gegangen, haben das Risiko auf sich genommen, um einen neuen Weg zu gehen … Die S-97 ist unsere Vision für die Zukunft der amerikanischen Heeresflieger”, so der für Zukunftstechnologien zuständige Topmanager.

Und diese Zukunft aus Sicht von Sikorsky sieht eine Marschgeschwindigkeit von 220 kts (405 km/h) vor, eine große Agilität sowohl bei hohen wie auch niedrigen Geschwindigkeiten, ein relativ geringes Geräuschniveau und beste Flugleistungen auch bei Hitze und in großer Höhe. Der Vorstoß in eine völlig neue Klasse basiert dabei noch nicht einmal auf genialen neuen Erfindungen, sondern auf der geschickten Integration heute verfügbarer Technologien, um die Probleme der Verbundhubschrauber-Prototypen aus den 1970er Jahren zu beseitigen. Schon damals erreichte Sikorsky mit der XH-59A zwar über 480 km/h, aber zwei Düsentriebwerke für den Vortrieb schluckten enorm viel Sprit, der Lärm war höllisch, und das ganze Vehikel vibrierte bedenklich.

Bei der Raider soll dies anders sein, denn heute hat man dank ausgefeilter 3D-Entwurfswerkzeuge und detaillierter Simulationen die Möglichkeit, den Entwurf schon vor dem Erstflug zu überprüfen und zu optimieren. Dies gilt auch für das Herzstück der S-97, den Koaxialrotor mit extrem steifen, lagerlos montierten Blättern, die in einem relativ geringen Abstand übereinander drehen. Eine längliche Verkleidung des Rotormasts und der Steuerstangen minimiert den Widerstand.

Kombiniert wird der Koaxialrotor mit einem über eine lange Welle angetriebenen Propeller im Heck, der für den Vortrieb bei höheren Geschwindigkeiten sorgt und so den Rotor entlastet. Er ermöglicht auch verschiedene ungewöhnliche Flugmanöver. Diesbezüglich hat Sikorsky mit aktiven Militärpiloten umfangreiche Analysen durchgeführt, wie solche Manöver Vorteile im realen Einsatz bringen könnten.

Natürlich ist die Raider mit einer elektronischen Flugsteuerung (Fly-by-Wire) ausgerüstet und verfügt über modernste Avionik. Die Zelle besteht fast ausschließlich aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff. Sie wurde von Aurora Flight Sciences in Bridgeport, West Virginia, gebaut. Für den Blitzschutz wird zum Teil die UltraConductive-Beschichtung von Lord verwendet. Das YT706-GE-700R-Triebwerk stammt von GE Aviation. Es gehört zur T700/CT7-Familie und leistet um die 1950 Kilowatt.

Insgesamt hat sich Sikorsky 53 wesentliche Zulieferfirmen mit an Bord geholt, die etwa ein Viertel der auf 200 Millionen Dollar (160 Mio. Euro) geschätzten Entwicklungskosten beisteuern. Der traditionsreiche Hubschrauberhersteller hat viel Arbeit ausgelagert und konzentriert sich vor allem auf das Systemmanagement. Besonderer Wert wurde auf den durchgehend einheitlichen Einsatz von 3D-Entwicklungswerkzeugen gelegt. Alle Teammitglieder arbeiten auf Basis einer zentralen Datenbank.

„Mit der Raider hat Sikorsky innovative Ideen in jeden Aspekt des Entwurfsprozesses eingebracht“, betonte Mark Miller, Vice President für Forschung und Technik. „Wir haben sehr darauf geachtet, die Entwicklungs-, Produktions- und Betriebskosten zu senken und gleichzeitig die Produktivität und die Qualität zu erhöhen.“ Zwar ist die Raider nicht entsprechend militärischen Serienstandards konstruiert, doch Sikorsky betont, man könne einen bewaffneten Beobachtungshubschrauber auf Basis der S-97 für rund 15 Millionen Dollar (12 Mio. Euro) anbieten.

Mit einer maximalen Abflugmasse von 5220 Kilogramm und Platz für sechs Soldaten ist die Raider von der Auslegung her schon sehr nahe an einem Einsatzmuster. Ursprünglich zielte der im Oktober 2010 vorgestellte Entwurf auf den AAS-Wettbewerb der US Army. Wegen Sparmaßnahmen musste das amerikanische Heer die Pläne für einen Nachfolger der OH-58 Kiowa aber aufgeben. Momentan gibt es keinen konkreten Bedarf für ein Raider-Serienmodell.

Nach dem Beginn der Flugerprobung hofft Sikorsky trotzdem, mit zwei S-97 die herausragenden Fähigkeiten des Entwurfs so überzeugend zu demonstrieren, dass die Special Operations Forces kaufen wollen. Ansonsten ist das investierte Geld aber nicht verloren: Man gewinnt weitere wertvolle Erfahrung mit der Verbundhubschrauberkonfiguration. Diese wird von Boeing und Sikorsky auch beim Demonstratorprogramm JHL-TD  verwendet. Ein von der Army mitfinanzierter Prototyp unter dem Namen „Defiant“ soll 2017 fliegen. 


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