21.12.2015
Erschienen in: 12/ 2015 FLUG REVUE

Risiken im BlickBundeswehr-Rüstungsprogramme

Der Anfang Oktober vom Verteidigungsministerium vorgelegte zweite „Bericht zu Rüstungsangelegenheiten” brachte wieder interessante Details zu den Problemen aktueller Beschaffungs- und Entwicklungsprojekte.

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Euro Hawk von Northrop Grumman. Foto und Copyright: Northrop Grumman  

 

Eine „umfassende Information von Parlament und Öffentlichkeit“ und eine „transparente Unterstützung des parlamentarischen Entscheidungsprozesses im Blick auf die Haushaltsdebatte für das kommende Jahr“ soll der neue Rüstungsbericht aus dem Hause von der Leyen bieten. Da die Methodik gegenüber dem März-Bericht „substanziell weiterentwickelt“ wurde und zum Beispiel in den nun 19 betrachteten Projekten sehr unterschiedliche Terminpunkte als Referenz benutzt werden, sorgen die Erläuterungen allerdings öfters eher für Verwirrung. Allgemeine Angaben wie eine Reduzierung der durchschnittlichen Verzögerung um zehn auf 41 Monate oder eine Kostenüberschreitung von „nahezu unverändert … 28 Prozent“ sind daher mit Skepsis zu betrachten. 

Immerhin bieten die „projektbezogenen Informationen“ im öffentlich zugänglichen Teil 1 des Berichts wieder einige aufschlussreiche Details über die nach wie vor sehr zahlreich vorhandenen Risiken. Laut Verteidigungsministerium sind es derzeit „rund 330 Risiken und Probleme – dabei 80 Risiken, die als hoch eingestuft werden“.

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Die AESA-Radarentwicklung für den Eurofighter wird erst Mitte 2021 abgeschlossen sein. Foto und Copyright: Eurofighter  

 

Besonders undurchsichtig scheint die Lage beim Transportflugzeug A400M zu sein, wo bis Anfang Oktober „kein Lieferplan mit Fähigkeitsbezug“ vorhanden war. „Bestehende Fragestellungen zur Produktqualität lassen weitere Verzögerungen in der Auslieferung der Luftfahrzeuge erwarten. Aufgrund der hohen Anzahl der durch den Hersteller zu vertretenden gravierenden Risiken ist der Fähigkeitsaufwuchs A400M auf der Zeitlinie nicht mehr zuverlässig ausplanbar. Gelingt es nicht, die Risiken im Bereich Entwicklung und Produktion einzudämmen, besteht die Gefahr, dass trotz Weiterbetrieb der Transall Fähigkeitseinschränkungen und damit Einschränkungen in der Einsatzbereitschaft für den Taktischen und Operativen Lufttransport auftreten werden.“ Die volle Einsatzbereitschaft der A400M wird 2019 und damit 107 Monate später als zu Beginn geplant erwartet.

Als Verzögerung beim Kampfhubschrauber Tiger gibt das Verteidigungsministerium nun 80 Monate an – bezogen auf die für 2018 erwartete letzte Auslieferung. Entsprechend der am 3. Juni unterzeichneten 4. Änderung des Serienvertrags sollen nun 68 Helikopter geliefert werden. Um die Flottengröße von 40 zu erreichen, wurde bereits mit der Ausphasung von Luftfahrzeugen begonnen. Laut Ministerium ist beabsichtigt, weitere 33 Hubschrauber in die ASGARD-Konfiguration umzurüsten, die sich „im Einsatz bewährt hat“.

Sea Lions sollen ab 2019 kommen

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Die Auslieferungsverzögerungen bei der A400M bleiben unkalkulierbar. Foto und Copyright: Joris van Boven  

 

Beim NH90 TTH des Heeres wird nun erwartet, dass NH Industries den „ersten NH90 mit allen Fähigkeiten (FOC-Standard) im Oktober 2016 für zusätzliche Qualifikationstests ausliefert“ – 152 Monate nach dem ursprünglichen Termin. Bei der am 10. Juni beauftragten Beschaffung von 18 NH90 NTH (Navy Transport Helicopter/Sea Lion) gibt es noch keine Planabweichungen – jedenfalls nicht bis zur kritischen Entwurfsüberprüfung 2016. Die Lieferungen sollen 2019 beginnen. Ein Problem beim NH90 ist die Sicherstellung der materiellen Einsatzbereitschaft. Dazu sind eine „schnelle Bereitstellung der erforderlichen Ersatzteile und damit verbunden ein aktives Obsoleszenzmanagement unbedingt notwendig“.

Als drittes Hubschrauberprogramm taucht die CH-53G neu im Rüstungsbericht auf. Hier wird für die CH-53GA eine Verzögerung von 31 Monaten bis zur letzten Auslieferung 2016 konstatiert. Die neue Variante sei aufgrund „derzeit nicht kompatibler Einsatzausrüstung und fehlender Reichweitenverlängerung (Außenzusatztank) von geringerer Einsatzrelevanz als die Versionen GS/GE”, so das Ministerium.

Der Eurofighter geriet zuletzt wegen erneut auftretender Fertigungsmängel (fehlende Entgratung bei Bohrungen im Heckbauteil) einmal mehr in die Negativschlagzeilen. „Die Untersuchungen für eine technische Lösung dauern an“, stellt das Ministerium fest. Darüber hinaus wirkten sich Probleme bei der Typenzulassung der Tranche 3a „auf die Zulassungsaktivitäten für die Rollenanpassung (Luft-Boden) aus. … Sondermaßnahmen wurden eingeleitet, um die Verschiebungen in den verschiedenen Weiterentwicklungsprogrammen (auch Integration Meteor) so gering wie möglich zu halten.“ Die diversen Risiken haben „Auswirkungen auf die derzeit geplante nationale und der NATO angezeigte Fähigkeitsgestellung“, warnt das Ministerium.

Mit dem im Juli gestarteten Modernisierungsprogramm wurde die P-3C Orion der Marine in den Rüstungsbericht aufgenommen. Hier gibt es noch keine Verzögerungen, aber bei den Programmanteilen Missionsavionik (plus 62 Mio. Euro) und Austausch der Tragflächen (plus 53 Mio. Euro) bereits Mehrkosten. Die Maßnahmen seien „alternativlos“, damit die „einsatzrelevante Fähigkeit zur Seefernaufklärung bis mindestens 2035 … sichergestellt werden kann“. Um die weitreichende, in diesem Fall elektronische Aufklärung geht es auch beim Projekt SLWÜA. Nächster Schritt ist hier die „Stufe 2“, das heißt die Wiederaufnahme des Flugbetriebs mit dem Euro Hawk. Dieser dient der weiteren Entwicklung des Aufklärungssystems ISIS „und unterstützt damit die prioritäre Verfolgung des Lösungsvorschlags 5“, der Installation von ISIS in die MQ-5C Triton von Northrop Grumman. Der Euro Hawk wird nun wohl statt im April 2016 erst wieder Anfang 2017 fliegen, da die „amts- und industrieseitigen Personalressourcen“ unzureichend seien und neue Vorgaben zur Qualitätssicherung eingehalten werden müssten.

Für die Triton könnte ein neues Zulassungsverfahren, die „dauerhafte Flugfreigabe“ angewendet werden, das sich derzeit in der Erarbeitung befindet. Es soll „die Zusammenarbeit in der Beschaffung und im Betrieb mit außereuropäischen Partnern erleichtern und die der Bundeswehr durch das Luftverkehrsgesetz eingeräumten Abweichungsrechte ausgestalten“.

Die Kostenüberschreitungen der Flugzeugprogramme

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Die Lieferungen der CH-53GA haben sich deutlich verzögert. Foto und Copyright: Airbus Helicopters  

 

Airbus A400M: + 1470 Mio. Euro (+ 18 %)
Airbus Helicopters Tiger: + 981 Mio. Euro (+ 24 %)
Eurofighter: + 6889 Mio. Euro (+ 39 %)
Eurofighter AESA-Radar: + 85 Mio. Euro (+ 25 %)
Lockheed P-3C Orion: + 115 Mio. Euro (ca. + 22 %)
Diehl Defence IRIS-T: + 47 Mio. Euro (+ 7 %)
MBDA Meteor: + 3 Mio. Euro (+ 0,6 %)
NH Industries NH90 TTH: + 218 Mio. Euro (+ 4 %)
NH Industries NH90 NTH: 0 Mio. Euro
Sikorsky CH-53GS: + 102 Mio. Euro (+ 20 %)

Quelle: Verteidigungsministerium Die Angaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der parlamentarischen Genehmigung des jeweiligen Programms. Sie sind schwer vergleichbar und teils irreführend, da zum Beispiel bei NH90 TTH (122 auf 82) und beim Eurofighter (180 auf 143) die Stückzahl reduziert wurde.

FLUG REVUE Ausgabe 12/2015



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