03.08.2015
Erschienen in: 03/ 2015 FLUG REVUE

Raketenentwicklung Ariane 6 – Europas neue Trägerrakete

Die Entwicklung der Ariane 6 hat gerade erst begonnen, da gibt es schon Streit unter allen Beteiligten. Kein gutes Omen für das künftige Flaggschiff der europäischen Trägerfamilie.

fr 03-2015 Ariane 6 (01)

Der neue Träger soll eine „kostengünstige“ Mischung aus Ariane 5 und VEGA repräsentieren und flexibel mit Boostern versehen werden können. Foto und Copyright: ESA  

 

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Kaum zu glauben, aber vor vielen Jahren in Vor-DASA-Zeiten, als Dornier noch eine eigene Raumfahrtsparte hatte und die Ariane 5 gerade erst auf den Reißbrettern Gestalt annahm, machten sich Ingenieure bereits Gedanken über ein Nachfolgemodell. Vor allem wiederverwendbar sollte dieses sein und damit wirtschaftlicher als die bisherigen Wegwerfraketen, und die schönen bunten Bilder dieses Entwurfs lieferte die PR-Abteilung gleich mit.

Seither sind rund 30 Jahre vergangen, doch zwischen dem einstigen Traum und der heutigen Wirklichkeit klafft eine tiefe Lücke. Der große Träger Ariane 5, einst für den nie realisierten europäischen Raumgleiter Hermes entwickelt und später für prognostizierte Großsatelliten modifiziert, erwies sich im Laufe der Jahre als wenig effektiv und damit zu teuer. Auch diese Vorhersage der zu startenden Riesenflugkörper war schlichtweg falsch.

Obwohl sich die ESA-Mitgliedstaaten in den zurückliegenden Jahren immer zu eigenen Trägerraketen und damit zum autonomen Zugang ins All bekannt hatten, zeichnete sich längst ab, dass in absehbarer Zeit ein Ausweg aus dem Dilemma gesucht – und gefunden! – werden musste. Das Ziel war bekannt, der Weg dorthin indessen noch lange nicht. Die Gründe dafür waren die gleichen wie stets in solchen Fällen: der Streit um die Finanzierung und um die Programmführerschaft, also letztendlich die Frage, wer der Chef sein darf, Franzosen, Italiener oder Deutsche. Die Franzosen sehen die Ariane noch immer als ihr ureigenstes Produkt an und noch lange nicht als ein europäisches. Die anderen dürfen zwar Geld geben und auch ein wenig zuliefern, aber mehr auch nicht.

Noch immer wird den Deutschen übelgenommen, dass sie schon vor Jahren auf die industrielle Neustrukturierung des Programms gedrängt und die französische Raumfahrtbehörde CNES ihrer Oberaufsicht beraubt hatten, und dann ist da auch noch die Sache mit der Rockot. Diese russische Konversionsrakete für kleinere Nutzlasten wird von Deutschen und Russen erfolgreich vermarktet, aber das geschieht ohne französische Mitsprache.

Italien indessen fühlte sich als dritter großer Beitragszahler der ESA ohnehin schon seit langem im Trägerbereich unterrepräsentiert. Bereits seit den 60er Jahren erprobten die Italiener auf dem Testgelände Salto di Quirra auf Sardinien Feststoffmotoren der verschiedensten Zweckbestimmung, doch stets ohne praktische Nutzanwendung. Da kam es ihnen zupass, dass Antonio Rodotà, ein ehemaliger Manager von Alenia Spazio, von 1997 bis 2003 den Posten des ESA-Generaldirektors einnahm und die Anstrengungen seiner Landsleute kräftig förderte – die Geburtsstunde der VEGA (Vettore Europeo di Generazione Avanzate) hatte geschlagen. Italien stieg mit 65 Prozent Anteilen ein und holte die Franzosen mit 12,43 Prozent ins Boot, während die Deutschen vergeblich auf die bewährte Rockot verwiesen.

1998 bereits wurde die VEGA zum ESA-Projekt erklärt, und so kam es auch, dass sich beide Partner beim Entwurf der neuen Ariane 6 wieder für eine Feststofflösung starkmachten, wieder gegen den – letztlich erfolglosen – Widerstand der Deutschen, denn die bangten um ihre in den Jahren mühsam erworbene Oberstufenkompetenz. Das Problem ist zwar mittlerweile aus der Welt geschafft, aber warum jetzt schon wieder das CNES als nationale Raumfahrtagentur Frankreichs die Aufsicht über ein ESA-Trägerprogramm haben soll, ist nicht nachzuvollziehen.

Wenn der noch amtierende ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain dann auch noch sagt, es würden nur ernsthafte Angebote der Industrie geprüft und seinetwegen könnten die Deutschen die Ariane 6 bauen, wenn sie wettbewerbsfähige Angebote einreichten, dann klingt das in deren Ohren wie ein schlechter Scherz: Deutschland verfügt nämlich praktisch über keinerlei Feststoffkompetenzen.


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