24.11.2015
Erschienen in: 11/ 2015 FLUG REVUE

Taxi für die RaumstationBoeing CST-100 Starliner

Während der Bau der ersten Orion-Kapsel recht zügig vorangeht, verstärkt auch Boeing die Bemühungen, das eigene Crew-Transportvehikel real werden zu lassen. Einen klangvollen Namen gibt es bereits.

fr 11-2015 Boeing Raumkapsel CST-100 Starliner (01)

Die CST-100 ist größer als die Orion, und kleiner als die Apollo. Foto und Copyright: Boeing  

 

Den Namen für ein Raumschiff gab es schon einmal, und zwar in einem Science-Fiction-Film aus Hollywood, Anfang der siebziger Jahre. Ein Überschall-Passagierflugzeug namens Starliner geriet da in Folge des Zusammenstoßes mit einer Raketenstufe auf eine Erdumlaufbahn, wo es eigentlich gar nicht hingehörte. Das Ganze war nichts, was man sich merken müsste, aber der Name Starliner ist geblieben, auch wenn die CST-100 niemals zu den Sternen fliegen, sondern ganz normale Taxiflüge zur Internationalen Raumstation und zurück durchführen wird.

Anfang Februar 2010 meldete Boeing, das Unternehmen sei von der NASA ausgewählt worden, „kritische Technologien für das Programm CCDev zu entwickeln“. Anders ausgedrückt hieß das, Boeing hatte der NASA vorgeschlagen, eine bemannte Raumkapsel für die Initiative Commercial Crew Development zu bauen, und auch bereits Entwürfe vorgelegt.

Die NASA wiederum zeigte sich diesen Entwürfen gegenüber nicht abgeneigt, und weil man ohnehin den Wettbewerb in diesem Segment des bemannten Raumtransports fördern wollte, erhielt Boeing die Genehmigung für die Entwicklung plus 18 Millionen Dollar Starthilfe. Also war nicht nur dieses Unternehmen „ausgewählt“ worden, sondern es durften sich auch noch einige Konkurrenten Hoffnungen auf spätere lukrative Transportaufträge machen.  Die NASA benötigte nämlich nach dem Ende der Shuttle-Flüge neue Transportmittel für ihre Astronauten, und das möglichst schnell. Derzeit ist man nämlich von den Russen und ihren Sojus-Kapseln abhängig, wenn es darum geht, die eigenen Leute zur Internationalen Raumstation und wieder zurück zu transportieren. Das kostet inzwischen etwa 80 Millionen Dollar pro Astronaut.

Größer als Orion, kleiner als Apollo

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Ziemlich eng ist es im Starliner für sieben Crewmitglieder, aber die Flüge dauern ja auch nicht lange. Foto und Copyright: Boeing  

 

Im Juni 2010 benutzte Robert Bigelow, der Chef des Raumfahrtunternehmens Bigelow Aerospcae, erstmals die Bezeichnung CST-100 für die Kapsel, und kurz darauf verwendete auch Boeing diese Bezeichnung – während eines Pressebriefings auf der Airshow in Farnborough, das wiederum von Bigelow veranstaltet wurde. Die Abkürzung stand dabei für Crew Space Transportation, während die Zahl die 100-Kilometer-Höhe bezeichnet, jene legendäre Kármán-Linie, über welcher die Erdatmosphäre endet und der Weltraum beginnt. Während Lockheed also die große Orion-Kapsel bauen würde, welche mindestens bis in die 2030er Jahre fliegen und sogar Astronauten zum Mars bringen soll, war Boeing für ein Mittelding zwischen Apollo und Orion zuständig, gemeinsam übrigens mit SpaceX und Sierra Nevada, die damals ebenfalls mit im Rennen waren.

Maß- beziehungsweise Gewichtsangaben wurden übrigens erst relativ spät veröffentlicht, sodass man das CST anfangs oft mit der künftigen Orion-Kapsel verwechselte, wozu sicherlich auch die äußere Ähnlichkeit beitrug. Allerdings wurde bald klar, dass das CST mit seiner ursprünglichen Kapazität von vier As-tronauten um einiges kleiner ausfallen würde als das Sieben-Mann-Raumschiff Orion. Die NASA indessen machte klar, dass sie eine solch kleine Kapsel, zumal im Hinblick auf die eventuell erforderliche Evakuierung einer kompletten ISS-Besatzung, nicht unterstützen würde – Boeing war also gezwungen, einige radikale Änderungen vorzunehmen.

Spätestens mit der jetzigen, reichlich spät erfolgten Taufe auf „Starliner“ dürften weitere Verwechslungen jedoch ausgeschlossen sein, und inzwischen gibt es auch einige technische Daten: Für den Transport von ebenfalls maximal sieben Astronauten in zwei übereinander liegenden Sitzreihen hat die kegelförmige Besatzungssektion einen Durchmesser von viereinhalb Metern.

Boeing kann beinahe frei über die Kapsel verfügen

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Als Transportmittel für die CST-100 soll die Atlas V dienen. Foto und Copyright: Boeing  

 

Viel mehr weiß man noch nicht über das Vehikel, außer dass es über vier Triebwerke RS-88 im Servicemodul verfügt, die nicht nur allen Bahn- und Lagekorrekturmanövern dienen, sondern im Notfall auch die Funktion von Rettungsraketen übernehmen sollen. Für die Beförderung ins All ist derzeit die Trägerrakete Atlas V vorgesehen, doch könnten auch die Delta IV oder die Falcon 9 als Transportmittel eingesetzt werden. Jede CST-100 soll zweieinhalb Tage autonom fliegen können und bis zu zehn Mal verwendbar sein.

Die NASA wird die Kapsel für eine bestimmte Zahl von Transportflügen zur ISS mieten, während es Boeing freigestellt ist, wofür die verbleibenden Kapazitäten genutzt werden. Bislang gibt es bereits Angebote für die kommerzielle Nutzung, beispielsweise für Privat- oder Industrieastronauten an Bord der geplanten privaten Raumstation von Bigelow. Dieser hatte bereits frühzeitig einen entsprechenden Kooperationsvertrag mit Boeing abgeschlossen. Auch Space Adventures zeigte sich schon interessiert daran, Weltraumtouristen an Bord der CST-100 in die Umlaufbahn  zu schicken. Preise wurden allerdings noch nicht genannt, denn Boeing will erst die Entwicklungsarbeiten beendet und die Gesamtkosten ermittelt haben.

Nach der ursprünglichen, wie üblich sehr optimistischen Planung sollte die Kapsel schon in diesem Jahr einsatzbereit, also erprobt und von der NASA zugelassen sein. Bei der Auftragsvergabe für die Realisierungsphase im September 2014 war dann von einem „Rettungstest 2016, einem unbemannten Flug Anfang 2017 und einem ersten (Test)flug zur ISS Mitte 2017“ die Rede – abhängig davon, ob die NASA die notwendigen Gelder in ihren Haushalten der kommenden Jahre bereitstellen kann.  Derzeit arbeiten immerhin allein rund 550 Arbeitskräfte in der früheren Shuttle Orbiter Processing Facility am Kennedy Space Center, die die NASA als Montagehalle für die CST-100 zur Verfügung gestellt hat.

Einen ersten Auftrag für einen regulären Versorgungsflug zur Internationalen Raumstation hat Boeing im Mai erhalten. Ob dieses wirklich die erste kommerzielle Crewtransportmission sein wird steht allerdings noch nicht fest. Die Konkurrenz schläft nämlich nicht. Neben Boeing (4,2 Mrd. Dollar) erhielt auch SpaceX (2,6 Mrd. Dollar) einen Auftrag für die Entwicklung ihrer vergleichbaren Kapsel „Crew Dragon“, die mit der Falcon-Rakete des Unternehmens gestartet wird. Einen Rettungstest nach dem Abheben hat das Unternehmen bereits im Mai absolviert.

FLUG REVUE Ausgabe 11/2015

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flugrevue.de/Matthias Gründer


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