09.09.2014
FLUG REVUE

Rückblick KometenforschungQuo vadis, Rosetta?

Nach mehr als zehnjähriger Flugzeit hat die ESA-Raumsonde Rosetta endlich ihr Ziel, den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, erreicht. Ein Jahr vor dem Start veröffentlichte die FLUG REVUE den nachfolgend wiedergegebenen Artikel zu dieser anspruchsvollen Mission.

IN DIESEM ARTIKEL

Als vor fast 20 Jahren die Idee zur Mission Rosetta erstmals formuliert wurde, waren Astronomen und Planetologen begeistert von der kühnen Vision, die dem Projekt zugrunde lag. Ihre Realisierung würde europäische Ingenieure und Forscher in die erste Reihe der Weltraumwissenschaften katapultieren, auch wenn Pessimisten glaubten, ein solch ehrgeiziges Ziel sei nicht zu erreichen: der Flug zu einem Kometen in einer Entfernung von der Sonne, wo er sich noch nicht zum Schweifstern entwickelt hat, und als Krönung der Mission gar das Absetzen eines Landekörpers auf der Oberfläche des „schmutzigen Schneeballs“ aus Eis und dem Urstaub des Universums.

Als Ziel hatten sich die Wissenschaftler den Kometen Wirtanen ausgesucht, dessen Bahn günstig genug lag, um ihn ab November 2011 auf Höhe der Jupiterbahn „abzufangen“ und dann für die Untersuchungen zu begleiten. Eine solche Mission stellt für Planetologen eine aufregende Reise in die Urzeit unseres Sonnensystems dar, denn sie gehen davon aus, dass das Material im Inneren der Schweifsterne seit ihrer Entstehung vor rund 4,6 Milliarden Jahren unverändert blieb. Ein solches tief gefrorenes Archiv des Universums sollte nun entschlüsselt werden, mit enormem Erkenntnisgewinn für die Menschheit.

Die Sonde selbst besteht aus zwei Einheiten, der den Kometen umkreisenden Hauptsonde und dem Lander, der auf dem Himmelskörper niedergehen soll. Beide werden den Kometen bis zu seinem Ende begleiten – wenn er entweder in ferner Zukunft auseinanderfällt oder mit einem Planeten zusammenstößt.

Rosetta trägt für alle Zeiten eine Botschaft mit sich: An der Außenseite der Sonde ist eine kleine Nickelscheibe befestigt, in der die ersten drei Kapitel der Genesis in tausend Sprachen eingraviert sind. Hergestellt hat sie das in San Francisco ansässige Rosetta-Project zur Rettung der Sprachenvielfalt. Die dortigen Sprachwissenschaftler befürchten, dass noch in diesem Jahrhundert 95 Prozent aller menschlichen Sprachen aussterben und viele von ihnen nicht einmal mehr lesbar sein werden. Darum setzten sie sich das Ziel, einen „globalen Stein von Rosetta“ zu schaffen, auf dem verschiedene Texte in allen bekannten Sprachen vorhanden sind, die zu beliebigen Zeiten wieder entschlüsselt werden können.
Der originale Stein von Rosette schließlich war das Vorbild für beide – das Sprachenprojekt und die Sonde. Auf dem 760 Kilogramm schweren Basaltblock, den ein Soldat der napoleonischen Armee 1799 in Rosette entdeckte, ist ein Text in drei verschiedenen Sprachen eingraviert: in Griechisch, in sumerischer Keilschrift und in ägyptischen Hieroglyphen. Die ersten beiden waren der Wissenschaft bekannt, während die Hieroglyphen bis dahin ein unentwirrbares Rätsel blieben. Anhand des Steines konnte man plötzlich diese alte Bilderschrift lesen, was völlig neue Erkenntnisse über eine der Hochkulturen der Menschheit eröffnete.


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