13.02.2012
FLUG REVUE

Herzlichen Glückwunsch, Sigmund Jähn!

Als am 26. August 1978 das Raumschiff Sojus 31 vom Kosmodrom Baikonur startete, avancierte ein DDR-Bürger wider Willen zum Mega-Star: Sigmund Jähn.

Wer den 189stündigen Raumflug vom 26. August bis zum 3. September 1978 mitverfolgen konnte, wird die Anteilnahme, die Wogen der Begeisterung wie gestern empfinden. Der erste Deutsche im All! Nun wird er 75 und blickt auf ein spannendes und erfülltes Leben zurück.

Sein Entwicklungsweg liest sich wie eine alltägliche DDR-Karriere: Als Sohn eines Sägewerkarbeiters und einer Näherin wurde Sigmund am 13. Februar 1937 im vogtländischen Rautenkranz geboren. Der bodenständige Jähn wollte ursprünglich Lokomotivführer oder Förster werden, erlernte aber dann den Beruf eines Buchdruckers, ging 1955 als Freiwilliger zur Offiziersschule, wurde Flugzeugführer (1958), Kommandeur eines Jagdfliegergeschwaders (1963), absolvierte die Militärakademie der Luftstreitkräfte in Monino bei Moskau (1966 bis 1970) und nahm ab 1970 verschiedene verantwortliche Dienststellungen bei den Luftstreitkräften der ehemaligen DDR ein.

Am Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück bei Dresden erfolgte die Auslese der Kandidaten für den Raumflug, bis schließlich vier übrig blieben: Rolf Berger, Eberhard Golbs, Sigmund Jähn und Eberhard Köllner. Im nahe Moskau gelegenen Sternenstädtchen führten dann im Kosmonautenausbildungszentrum „Juri Gagarin“ sowjetische Spezialisten zwei Wochen intensive Tests und Untersuchungen mit den Kandidaten durch. In die entscheidende nächste Auswahlrunde kamen Sigmund Jähn und Eberhard Köllner.

Bereits am 6. Dezember 1976 begann die fast 20monatige Ausbildung zum Kosmonauten. Zusammen mit ihrem jeweiligen sowjetischen Kommandanten bildeten Jähn und Köllner zwei Mannschaften, die die Ausbildung gleichberechtigt absolvierten: Waleri Bykowski mit Sigmund Jähn sowie Wiktor Gorbatko mit Eberhard Köllner. Damit war zugleich klar, dass die Entscheidung zum Flug nicht zwischen Einzelpersonen sondern zwischen zwei Mannschaften getroffen werden würde.

Die Stunde der Wahrheit schlug einen Tag vor dem Start. Am Abend des 25. August 1978 verkündete die Staatliche Kommission die Flug- und Ersatzbesatzungen für den Flug von Sojus 31. Am nächsten Tag sollte Sigmund Jähn als weltweit 90. Raumfahrer, Interkosmonaut Nummer Drei sowie als erster Deutscher im All in die Annalen der Geschichte eingehen. Nach seinem Flug wurde er mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft und musste für die Politik als „Vorzeige-DDR-Bürger“ herhalten, eine Rolle, die ihm gar nicht lag. Er erfüllte auch diese Aufgabe mit Charme und Bescheidenheit.

Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde der „staatsnahe" Jähn 1990 entlassen, was seinen weiteren Berufsweg jedoch nur kurz unterbrochen hat. Westeuropa, allen voran die ESA, wollten mit Russland enger kooperieren und westeuropäische Astronauten zur MIR-Station schicken. Da war ein Erfahrungsträger wie Sigmund Jähn zur Unterstützung der Astronautenausbildung gefragt. So konnte er seine Kompetenz als Dolmetscher, Ausbilder und Berater für die Flüge mit deutschen und europäischen Raumfahrern einbringen. Die „Neuen" durchliefen alle die „Schule Jähn“. Schnell avancierte er zu einem von Ost und West gleichermaßen anerkannten und unentbehrlichen Vermittler, zu einem geschätzten „Mann für alle Fälle" bei allen nur denkbaren Weltraum-Fragen.

Heute hat der Vorreiter der bemannten deutschen Raumfahrt nicht nur im neuen Deutschland, sondern auch im zusammenwachsenden Europa einen festen Platz gefunden. Aus dem DDR-Bürger Sigmund Jähn ist eine in Ost und West anerkannte Institution für Raumfahrt und Menschlichkeit geworden. Seit dem 1. März 2002 befindet sich Sigmund Jähn offiziell im Ruhestand.

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flugrevue.de/Matthias Gründer



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