23.05.2016
Erschienen in: 05/ 2016 FLUG REVUE

Langzeitmission auf der ISSErkenntnisse für den Flug zum Mars

Nach 340 Tagen auf der Internationalen Raumstation ISS sind der NASA-Astronaut Scott Kelly und sein russischer Kollege Michail Kornijenko am 1. März wieder auf der Erde gelandet. Doch ihre Mission ist noch nicht zu Ende.

Nach vielen Interviews und Pressekonferenzen machte NASA-Astronaut Scott Kelly etwas, was er auf der ISS nicht machen konnte: Er sprang angezogen in einen Swimmingpool. „Oh Mann, fühlt sich das gut an!“, sagte er, als er wieder auftauchte. „Fast ein Jahr lang hatte ich kein fließendes Wasser“, erklärte Kelly vor Journalisten in Houston seinen Sprung ins kalte Wasser. 340 Tage hat der 52-Jährige auf der ISS verbracht – so lange wie kein Amerikaner vor ihm. Direkt nach der Landung am 1. März in der kasachischen Wüste habe er sich besser gefühlt als nach seiner letzten Mission 2011, die 159 Tage dauerte. „Doch an einem bestimmten Punkt müssen sich die beiden Linien gekreuzt haben.“ Muskelermüdung und -schmerzen seien deutlich stärker als vor fünf Jahren. Zudem gibt es ein weiteres Problem: Seine Haut ist sehr empfindlich. „Immer wenn ich mich setze, hinlege oder laufe, brennt es.“

Kelly und der mit ihm zur ISS gestartete russische Kosmonaut Michail Kornijenko (55) sind so etwas wie menschliche Versuchskaninchen. Wie verkraftet der Körper die lange Zeit in der Schwerelosigkeit und der kosmischen Strahlung? Wie wirken sich Isolation und Stress auf die Psyche aus? Bisher gibt es laut NASA nur belastbare Daten für Aufenthalte im All bis zu einem halben Jahr. Wenn irgendwann einmal Menschen zu einer rund dreijährigen Reise zum Mars und zurück aufbrechen sollen, müssen solche Fragen geklärt sein. So kommt es nicht von ungefähr, dass Kelly und Kornienko während ihrer Mission eine Distanz von 231,5 Millionen Kilometern zurückgelegt haben – das entspricht etwa der durchschnittlichen Entfernung zwischen Erde und Mars.

Die Astronauten werden noch ein Jahr untersucht

In Form von medizinischen Untersuchungen begann die Mission schon ein Jahr vor dem Flug zur ISS am 27. März 2015. Damals wurden unter anderem Blut-, Urin- und Speichelproben genommen. Die gleichen Proben mussten Kelly und Kornienko regelmäßig im All abgeben. Ein Teil davon wird erst mit dem nächsten Versorgungsflug einer Dragon-Kapsel im Mai zur Erde gebracht.

Ein Langzeitaufenthalt im All ist eine enorme Belastung für den Körper, und noch ist unklar, ob die Astronauten bleibende Schäden davontragen. Im Fokus der Wissenschaftler standen sieben verschiedene Forschungsfelder. Neben dem Immunsystem, Mikroorganismen an und im Körper, Motorik und der physischen Leistungsfähigkeit wurden auch Flüssigkeitsverschiebungen unter Mikrogravitation untersucht. Diese bewirken eine Erhöhung des Augeninnendrucks und können so das Sehvermögen beeinträchtigen. Die ungewohnte Umgebung und die anspruchsvolle Arbeit an Bord der ISS wirken sich auf die Psyche aus und beeinflussen nicht nur die Stimmung, sondern auch logisches Denkvermögen und Reaktionszeit.

Unmittelbar nach ihrer Landung in Kasachstan wurden die Astronauten zudem daraufhin untersucht, ob sie in der Lage sind, grundlegende Aufgaben zu erledigen, beispielsweise aufzustehen oder ohne Hilfe über Hindernisse zu gehen. Denn auch das könnte für künftige Langzeitmissionen zu anderen Planeten wichtig sein. Besonders interessant dürften die Ergebnisse der Zwillingsstudie sein. Während Scott Kelly auf der ISS unter Beobachtung der Forscher stand, wurde sein eineiiger Zwillingsbruder Mark Kelly, ein ehemaliger NASA-Astronaut, auf der Erde untersucht. Die Studie soll ergänzend zu den anderen Untersuchungen Antworten auf medizinische Fragestellungen liefern, beispielsweise zum erhöhten Hirndruck in Mikrogravitation, zum Muskel- und Knochenschwund, aber auch zu den Auswirkungen langer Weltraumaufenthalte auf biomolekularer Ebene. Untersucht werden sollen unter anderem die Chromosomen-Enden der Zwillinge, sogenannte Telomere. Wenn sie sich mit zunehmendem Alter und Stress verkleinern, bieten sie den Chromosomen keinen Schutz mehr, was unter anderem zu Krebs führen kann. Umwelteinflüsse im Weltraum könnten nach Ansicht der Forscher diese Telomere direkt schädigen. Hinzu kommt die Strahlungsbelastung. Nach ihrer Rückkehr zur Erde werden Kelly und Kornienko mindestens ein weiteres Jahr lang untersucht. Ebenso lang wird es nach Angaben der NASA dauern, bis die ersten Ergebnisse veröffentlicht werden. Bei den verschiedenen Experimenten seien große Datenmengen gesammelt worden.

Auch wenn Kelly am Ende seiner 340 Tage auf der ISS froh war, wieder auf der Erde zu sein, so hätte er es nach eigenen Angaben auch länger ausgehalten. „Wenn eine Mission zum Mars zwei oder zweieinhalb Jahre dauert, ist das machbar“, sagte er. Er selbst wird allerdings nicht noch einmal ins All aufbrechen: Kurz nach seiner Rückkehr auf die Erde gab Kelly bekannt, dass er in den Ruhestand geht.

Rekordaufenthalte im All

  • Walery Poljakow 438 Tage (8. Jan. 1994 bis 22. Mär. 1995) Raumstation: MIR
  • Sergei Awdejew 380 Tage (13. Aug. 1998 bis 28. Aug. 1999) Raumstation: MIR
  • Wladimir Titow  366 Tage (21. Dez. 1987 bis 21. Dez. 1988) Raumstation: MIR
  • Musa Manarow 366 Tage (21. Dez. 1987 bis 21. Dez. 1988) Raumstation: MIR
  • Scott Kelly 340 Tage (27. Mär. 2015 bis 01. März 2016) Raumstation: ISS
  • Mikhail Kornienko 340 Tage (27. Mär. 2015 bis 01. März 2016) Raumstation: ISS


FLUG REVUE Ausgabe 05/2016

www.flugrevue.de/Ulrike Ebner


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