07.08.2014
Erschienen in: 07/ 2013 FLUG REVUE

Reale TräumeKommerzialisierte Raumfahrt

Genaugenommen ist die Dragon-Kapsel auch „nur“ ein Transporter wie das europäische ATV, doch die NASA und SpaceX denken weiter: Bald wird der private Drache auch bemannt fliegen. Davon können die Europäer nur träumen.

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Wie überall in den USA findet man auch bei der NASA ein beinahe undurchdringliches Dickicht an Programmen und Projekten mit komplizierten Abkürzungen. Für Außenstehende ist es ziemlich schwierig, sich da einen Durchblick zu verschaffen, und die gegenwärtigen Bestrebungen zur Kommerzialisierung der bemannten Raumfahrt bilden da keine Ausnahme.

Nehmen wir zum Beispiel C3PO, was nicht etwa auf die Star-Wars-Filme hinweist, sondern für „Commercial Crew and Cargo Program Offi ce“ steht. Dieses hat die Aufgabe, die bemannte Raumfahrt mit Hilfe des Aufbaus einer kommerziellen Raumtransportindustrie abzusichern. Das soll dank zielgerichteter Investitionen beziehungsweise Förderungen geschehen, damit Transportkapazitäten für niedrige Erdumlaufbahnen, sprich für die Internationale Raumstation, entwickelt werden.

Zugleich will die Regierung politische Rahmenbedingungen werden, damit die beteiligten Unternehmen eine günstige Marktumgebung vorfinden. Um sich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen, werden vom Staat in Gestalt der NASA immer mehrere, jedoch mindestens zwei Bewerber unterstützt. Diese sollten möglichst auch weit voneinander entfernte Produktionsanlagen vorweisen, damit die USA bei einem möglichen Terroranschlag nicht ihrer sämtlichen Raumtransportmittel beraubt wären.

Gegenüber früheren NASA-Strategien ist die Agentur also jetzt nicht mehr Eigentümer der Raketen und/oder Raumkapseln, sondern nur noch Mieter. Auch wenn sie die Entwicklung und den Bau mit großzügigen Summen und technischer Hilfestellung fördert, stehen die industriellen Partner zum Schluss als alleinige Eigentümer da, so dass sie beim Einsatz relativ geringer Eigeninvestitionen recht schnell in die Gewinnzone gelangen. C3PO hat bislang Partnerschaftsvereinbarungen mit rund 800 Millionen Dollar für den Frachttransport und weiteren 50 Millionen für Studien zur Crewbeförderung unterstützt.

Die Entwicklung von Transportkapazitäten für Fracht, zuvörderst in Richtung ISS, wurde unter dem Begriff COTS zusammengefasst (Commercial Orbital Transportation Services), wonach die Partner in der Industrie trotz technischer Hilfe und finanzieller Förderung seitens des Staates die alleinige Verantwortung für ihre Produkte tragen. Die NASA forderte die Industrie auf, Transportmittel zu entwickeln, die folgende Bedingungen allein oder in Gesamtheit erfüllen:

A – Lieferung und abschließende Entfernung (Verglühen beim Rücksturz zur Erde) von Fracht in nicht druckbelüfteten Abteilen (Treibstoff, Wasser, Atemluft usw.),
B – das gleiche in begehbaren Drucksektionen (Lebensmittel, Experimente, Werkzeuge, Ersatzteile usw.),
C – das gleiche mit sicherer Rückführung von Fracht zur Erde, vor allem von Experimentproben, sowie
D – Crewtransport hin und zurück.

Innerhalb der COTS werden derzeit zwei Bewerber massiv gefördert, und zwar die Orbital Sciences Corp. mit der Trägerrakete Antares und der Raumkapsel Cygnus sowie SpaceX mit dem Raumtransportsystem Falcon 9/Dragon. Zumindest im Zeitplan hat SpaceX bereits weit die Nase vorn, denn die Dragon-Kapsel hat bereits einen Demonstrationsflug und zwei ganz reguläre Versorgungsmissionen zur ISS absolviert. Zudem ist Dragon auch größer und bietet damit mehr Frachtkapazität, doch wie bereits erwähnt: Die Größe allein ist nicht entscheidend für den Auftraggeber. Hauptsache, beide Systeme sind unabhängig voneinander verfügbar.

Für den Punkt D, der identisch ist mit dem zweiten, bemannten Arbeitsbereich von C3PO, fand man auch eine neue Abkürzung, nämlich CCDev – Commercial Crew Development. So bedeutete beispielsweise der offizielle Abschied der NASA von den Space Shuttles nicht automatisch den generellen Verzicht auf wieder verwendbare Raumgleiter, wie die Unterstützung des Projekts Dream Chaser der Sierra Nevada Corp. beweist. Finanzielle Unterstützung zur Entwicklung neuer Raketen, Raumfahrzeuge oder unterstützender Systeme ging an folgende Partner:

● SpaceX
● Orbital Sciences
● Blue Origin
● Boeing
● Paragon
● Sierra Nevada
● United Launch Alliance


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