13.09.2016
Erschienen in: 09/ 2016 FLUG REVUE

60 Jahre FLUG REVUEFliegen im Jahr 1956

Condor feiert wie die FLUG REVUE ihr 60-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass haben wir mit zwei Zeitzeuginnen gesprochen und wagen die Rekonstruktion eines Fluges im Jahr 1956. Seitdem hat sich viel verändert.

Die Condor hat zu ihrem 60-jährigen Jubiläum einen Film veröffentlicht, der die Geschichte des Unternehmens seit den Anfängen 1956 nachzeichnet. Unsere Interviewpartnerin Margitta Weber kommt hier ebenfalls zu Wort. Copyright: Condor

Das Wort „Abflughalle“ ist 1956 am Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt noch zutreffend. Wer damals in den Urlaub fliegt, der läuft in eine große Halle, die nichts mit dem heutigen Komplex gemeinsam hat. Von der Condor befindet sich dort exakt ein Schalter, an dem das Ticket ausgegeben wird.

Bevor es in Richtung Flugzeug geht, kommen die Passagiere noch an einem Zeitungskiosk vorbei. An diesem findet man im Oktober 1956 die erste Ausgabe der FLUG REVUE. Es bahnt sich eine große Veränderung im Passagierverkehr an, wie auf Seite 18 des Heftes zu lesen ist: Autor Günther Molter schreibt über die sensationellen neuen Flugzeuge mit Düsenantrieb. Diese werden in ein bis zwei Jahren Flüge von Europa über den Atlantik nach Amerika in etwa sechs Stunden ermöglichen. Das ist ein großer Unterschied zu den Anfang der fünfziger Jahre üblichen Reisezeiten von rund 20 Stunden mit Zwischenlandungen. Im Heft wird der Mitarbeiter einer Fluggesellschaft nach seinem ersten Flug in einer Boeing 707 zitiert: „Wir flogen 13 Kilometer hoch mit einer Geschwindigkeit von über 900 Stundenkilometern. Über uns wölbte sich der Himmel mit einem intensiven und brillanten Blau, wie ich es nie zuvor gesehen habe. Der Blick reicht etwa 600 Kilometer weit.“

Doch im Geburtsjahr der FLUG REVUE fliegen in Europa noch massenhaft Propellerflugzeuge durch die Gegend. Durch eine Tür geht es in den Wartebereich der Abflughalle – von Sicherheitskontrolle keine Spur. Die Damen und Herren haben sich fein angezogen für das Erlebnis Fliegen nach Palma de Mallorca. Anzug und ein elegantes Kleid gehören zum guten Ton. Kinder sind kaum anzutreffen. Das verwundert auch kaum – schließlich hat der Flug auf die Mittelmeerinsel den Gegenwert eines VW-Käfers.

Zu Fuß zur Maschine

Als die Vickers Viking, das erste Flugzeug der Condor, zum Einsteigen bereit ist, geht es durch eine Tür direkt auf das Vorfeld, wo die Maschinen in Reih und Glied auf die Gäste warten. Den Weg zum Flugzeug legen die Passagiere zu Fuß über die Betonplatten zurück. An der Treppe des Flugzeugs begrüßen Stewardessen, die sorgfältig nach ihrem Alter und ihrem Äußeren ausgewählt wurden, ihre Fluggäste. Sie tragen weiße Handschuhe und eine elegante Uniform. Sitzplatzreservierungen gibt es keine: Damit ist der Ansturm um die besten Plätze eröffnet.

Da es sich bei der Viking um ein Spornradflugzeug handelt, steht sie am Boden schräg. Das bedeutet für die Passagiere und Flugbegleiterinnen, dass es an Bord am Boden ständig „bergauf“ geht. Ein Detail ist die Stufe in der Mitte des Flugzeugs: Bedingt durch die Montage der Tragflächen steht in der Mitte des Ganges eine Art Kiste auf dem Boden. Zeitzeugin Marlis Mann erinnert sich mit einem Lachen: „Alle Stewardessen auf der Viking hatten zu der Zeit blaue Flecken an den Schienbeinen.“

Während die beiden Kolbenmotoren mit jeweils 14 Zylindern unter Getöse und mit der einen oder anderen Fehlzündung starten, werden den Fluggästen auf einem Silbertablett Bonbons gereicht: Durch das damit zusammenhängende Schlucken sollen sich Druckausgleichsbeschwerden in den Ohren vermindern.

Kalte Speisen und eine Raucherzone

Während des Flugs Richtung Süden, das sonore Brummen der Motoren stets in den Ohren, bekommen die Fluggäste eine kalte Platte serviert: Warme Speisen konnten in der Kombüse der Viking noch nicht zubereitet werden. Aus einer Flughöhe von gerade einmal 6000 Metern ergeben sich fantastische Ausblicke auf die Alpen. Einen weiteren Ausblick gibt es nach vorne: Die Cockpittür steht nahezu während des gesamten Fluges offen, interessierte Reisende können sich das Cockpit ansehen und einen Plausch mit den Piloten halten. Von hinten geht es dorthin zunächst durch die Raucherzone: Im vorderen Teil der Kabine sitzen jene Gäste, die auch über den Wolken nicht auf ihre Zigarette oder Zigarre verzichten wollen.

Der Flug dauert bei einer Geschwindigkeit von gut 350 Stundenkilometern um die vier Stunden, bei schlechtem Wetter oder anderen Störfaktoren wird in Marseille nachgetankt. Auch einen Bordverkauf gibt es. Zu den Hauptumsatzbringern gehören Gin und Zigaretten. Ein paar Dinge haben sich zumindest nicht geändert.

FLUG REVUE Ausgabe 09/2016

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Maximilian Kühnl


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