07.06.2010
FLUG REVUE

IATA SummitIATA stellt Zukunftsvision 2050 in Berlin vor

In seiner Auftaktrede zur Lage der Branche auf dem 66. Annual General Meeting (AGM) und World Air Transport Summit in Berlin kündigte Giovanni Bisignani, Director General und CEO der IATA an, dass Fluggesellschaften 2010 einen Gewinn von 2,5 Milliarden US-Dollar erwarten.

Der erste Gewinn seit 2007 folgt nach Angaben des Verbandes einem Krisenjahrzehnt, in welchem Airlines einen Verlust von insgesamt 47 Milliarden US-Dollar gemacht haben. „Es ist Zeit, in großen Dimensionen zu denken und über die wirtschaftlichen Schwankungen und Schocks hinaus zu blicken. Unsere Pflicht ist es, gemeinsam eine Vision für eine nachhaltige Zukunft unserer Branche zu entwickeln“, so Bisignani.

Zum Auftakt der Veranstaltung stellte Giovanni Bisignani seine Vision vor, wie die Luftfahrtindustrie im Jahr 2050 aussehen wird: „Wir werden nahezu unfallfrei operieren und nur noch die Hälfte der CO2 Emissionen ausstoßen. Es wird keine Warteschlangen mehr bei Passagierkontrollen geben. Gleichzeitig können wir mehr Passagiere bei garantierter Sicherheit abfertigen. Weltweit werden wir annähernd ohne Verspätungen in vereinheitlichten Lufträumen fliegen. Kosten und Gewinne werden wir gleichberechtigt in der Wertschöpfungskette aufteilen. Wir werden eine konsolidierte Industrie mit einem Dutzend globaler Marken sein, unterstützt von Regional- und Nischenanbietern. Zudem werden wir unseren Investoren Gewinne liefern“, erklärte Bisignani.

„In etwas mehr als zehn Jahren sehe ich Gewinne von 100 Milliarden US-Dollar und Umsätze von einer Billlion. Je näher wir uns auf das Jahr 2050 zu bewegen, wird diese zehnprozentige Marge sogar noch konstanter. Dies ist kein verrückter Traum. Vor der Rezession erzielten mindestens ein Dutzend Airlines bereits eine Gewinnspanne von 10 Prozent. Dies muss wieder zur Realität werden. Veränderung auf allen Gebieten ist möglich. Diese Vision einer nachhaltigen Rentabilität kann unsere Zukunft sein“, führte Bisignani weiter aus.

Giovanni Bisignanis Zukunftsvision für das Jahr 2050 beruht nach Angaben der IATA auf vier Eckpfeilern:

Wirtschaftlichkeit: „Trotz verbesserter Effizienz erreichen Fluggesellschaften nicht die Gewinnzone, da sie nicht mit unternehmerischen Freiheiten wie andere Branchen arbeiten dürfen. Unsere schlechte Rentabilität macht jeden Rückschlag zum Überlebenskampf“, sagte Bisignani. Die Schuld sieht er bei einer sehr starken Fragmentierung der Branche mit 1.061 Fluggesellschaften. Dies ist das Resultat bilateraler Abkommen, die immer noch die Industrie weltweit regulieren. Die Beschränkungen hinsichtlich internationalen Kapitals verhindern noch immer grenzüberschreitende Konsolidierung.

„Die Restriktionen der bilateralen Vereinbarungen hindern uns am Fortkommen. Es ist Zeit dieses Hindernis zu beseitigen. Regierungen müssen verantwortungsvoll handeln, um Sicherheit und gleiche Bedingungen für alle zu garantieren. Fluggesellschaften muss es ermöglicht werden, grenzüberschreitend Synergien zu nutzen, ihren Kunden einen besseren Service zu bieten und gleichzeitig nachhaltige Gewinne zu erwirtschaften, um Wachstum und Innovationen zu fördern“, so Giovanni Bisignani.

Infrastruktur: „Die Infrastruktur muss gemäß den Bedürfnissen der Fluggesellschaften, die das Herzstück der Wertschöpfungskette der Branche sind, umstrukturiert werden. Flughäfen müssen beim Geschäft mit den Airlines miteinander konkurrieren. Wirtschaftliche Aspekte werden ihr Geschäft bestimmen. Ich kann mir vorstellen, dass Flughäfen den Fluggesellschaften Geld dafür bezahlen, dass sie ihnen Kunden bringen und mit ihren Umsätzen dazu beitragen, den Luftverkehr zu organisieren.“ Die Organisation des Luftverkehrs muss sich ebenfalls ändern. „Zehn verschiedene globale Flugsicherungen („air navigation service providers/ ANSPs) könnten anstatt der aktuell 180 Anbieter für die Hälfte der Kosten operieren.“ Der einheitliche europäische Luftraum („Single European Sky“/SES) wäre der erste der zehn globalen Anbieter. „Aber um das zu erreichen, brauchen wir eine Führungsrolle, um den unkoordinierten und bürokratischen Unsinn im heutigen Europa zu ersetzen“, sagte Bisignani, der für die  Festsetzung eines Datums plädierte, bis wann die erwarteten 6,5 Milliarden US-Dollar (5 Milliarden Euro) Kostenersparnis durch den vereinheitlichten europäischen Luftraum (SES) erreicht werden sollen. „Nach 20 Jahren des Wartens reicht es uns. Regierungschefs müssen jetzt ein Datum bestimmen und aktiv werden“, so Bisignani.

Der Antrieb der Branche: „Heutiger Flugzeugtreibstoff kann unsere Branche auf lange Sicht nicht voranbringen. Wir müssen eine nachhaltige Alternative finden und die vielversprechendste Alternative sind Bio-Treibstoffe. Diese ermöglichen es uns, unseren CO2- Fußabdruck um bis zu 80 Prozent zu reduzieren.“ Nach erfolgreichen Tests von Fluggesellschaften wird eine Zertifizierung innerhalb eines Jahres erwartet. Bisignani forderte mehr Engagement von Regierungen. „Zu oft setzen sich Regierungen nur für die Umwelt ein, wenn sie daran verdienen können. Regierungen sollten in Biotreibstoffe und grüne Technologien investieren. Lokaler Anbau von Jatropha, Camelina und Algen oder sogar  die Verwendung von städtischem Müll zur Energiegewinnung wird neue wirtschaftliche Möglichkeiten an nahezu jedem Ort eröffnen. Diese Entwicklung sichert uns eine zukünftige Energiequelle, beendet die Abhängigkeit vom Öl und fördert die Wirtschaft in allen Teilen der Welt.“

Der Kunde: „Der Kunde steht im Mittelpunkt unserer Zukunftsvision. Bis zum Jahr 2050 werden 16 Milliarden Menschen geflogen und 400 Millionen Tonen Fracht abgefertigt sein. In nur wenigen Jahrzehnten wird sich die Mittelschicht von heute 1,4 Milliarden auf 3,5 Milliarden beinahe verdreifachen. Ein Viertel davon wird in China und Indien leben. Dieses Wachstum zu bewältigen wird eine der zukünftigen Herausforderungen für alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten - Flughäfen, Flugsicherungen, Hersteller und Regierungen. Die Lösungen müssen strategisch und abgestimmt sein“, so Bisignani weiter.

Bisignani merkte an, dass die Luftfahrtindustrie ihre 2,4 Milliarden Passagiere ermutigen muss, die Überregulierung und die Geringschätzung ihrer Regierungen gegenüber der Luftfahrt zu ändern. „Um aus unseren Kunden Fürsprecher unserer Branche zu machen, müssen wir das Verhältnis von Preis, Geschwindigkeit und Qualität verbessern.“

„Durch Deregulierung konnten wir den Preis fürs Fliegen bereits um 40 Prozent reduzieren. Indem wir das Fliegen mehr Menschen zugänglich gemacht haben, haben Schnelligkeit und Qualität abgenommen. Die Infrastruktur konnte der Entwicklung nicht schnell genug folgen, was Verspätungen am Boden und in der Luft zur Folge hatte. Neue Sicherheitsbestimmungen haben zusätzlich Schwierigkeiten bereitet. Unsere Aufgabe ist es, Kunden dazu zu bringen von Ihren Regierungen Veränderungen zu verlangen“, erklärte Bisignani weiter.

Vision 2050: „Es gibt endlos viele Fragen zu unserer Zukunft. Die Antworten darauf können wir nicht im Alleingang finden“, sagte Bisignani bei der Präsentation der Zukunftsvision 2050 „Die Zukunft der Luftfahrtindustrie gestalten“. Vision 2050 ist eine wegweisende Initiative, um die Grundlagen für eine nachhaltige und profitable Industrie zu schaffen, die eine Strategie für die kommenden vier Jahrzehnte beinhaltet.

Noch in diesem Jahr wird Bisignani Führungskräfte von Fluggesellschaften, Industriepartnern, Anteilseigner, Regierungsmitglieder und Kunden zu einem gemeinsamen Treffen nach Singapur einladen: „Unser Ziel ist es, eine Industrie zu schaffen, die im Kundenservice noch erfolgreicher wird. So erfolgreich, dass unsere Passagiere unsere größten Fürsprecher werden“, Bisignani weiter. Vision 2050 wird ein offener, widerstandsfähiger und verständlicher Prozess. Die ersten Ergebnisse sollen auf dem  AGM 2011 vorgestellt werden.

Die Einführung von Vision 2050 ist die Reaktion auf sechs Tage Flugausfälle in weiten Teilen Europas, verursacht durch die Aschewolke nach dem Ausbruch eines isländischen Vulkans. „Im April konnten wir anschaulich erleben, wie die Welt ohne die Luftfahrt aussieht. Zehn Millionen gestrandete Passagiere, leerstehende Hotels und Kongresszentren; Meeresfrüchte und Blumen verrotteten und Produktionsketten gerieten in Verzug. Der Vulkan hat die globale Weltwirtschaft fünf Milliarden US-Dollar gekostet  - weit mehr als die 1,8 Milliarden US-Dollar Umsatzeinbußen der Fluggesellschaften. Der Vulkanausbruch war ein Weckruf für alle – ohne Luftverkehr ist modernes Leben nicht möglich“, bekräftigte Bisignani.  

„Wir müssen die Gelegenheit nutzen, Regierungen und Partner an Bord zu holen, um unsere Zukunft zu gestalten. Gemeinsam auf den vier Eckpfeilern der Veränderung werden wir eine widerstandsfähige Industrie aufbauen. Mit nachhaltiger Profitabilität werden wir uns selbst vor wirtschaftlichen Schocks und Schwankungen schützen. Wir werden die Erwartungen unserer Kunden übertreffen. Unsere Industrie wird noch sicherer, grüner und erfolgreicher sein“, so Bisignani.



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