12.10.2016
Erschienen in: 10/ 2016 FLUG REVUE

Kehrtwende zur NormalitätNeue Ziele bei Malaysia Airlines

Nach Abstürzen und einer Radikalkur bestellt Malaysia Airlines neue Jets und will mit einem neuen Konzept wieder Höhe gewinnen.

Malaysia Airlines bestellt 25 Boeing 737 MAX und sichert sich die Option auf 25 weitere. Ein Auftrag, der nach Listenpreisen über fünf Milliarden US-Dollar wert ist. Diese Ende Juli bekanntgegebene Nachricht ist von größerer Bedeutung, als die Bestellmenge erahnen lässt. „Wir sind jetzt auf einem Wachstumskurs in Südostasien. Diese Bestellung setzt den Rahmen für unsere weitere Erholung und unseren Erfolg bis ins nächste Jahrzehnt“, sagte der neue Vorstandschef Peter Bellew bei der Vertragsunterzeichnung.

„Malaysia Airlines hatte viel Pech gehabt, es sind viele halbherzige Sanierungsprojekte abgebrochen worden“, sagt Christoph Müller. Der deutsche Airline-Manager mit Karriere auf Chefsesseln von Sabena bis Aer Lingus war von März 2015 bis zu seinem überraschenden Abgang Ende Juni 2016 CEO von Malaysia Airlines. Er sprach kurz vor seinem Rückzug mit der FLUG REVUE in Kuala Lumpur. „Dann kamen die beiden Katastrophen 2014 hinzu, die die Gesellschaft in aller Welt viel prominenter gemacht haben, als es ihrer Größe nach angemessen gewesen wäre“, beklagt Müller. Die ohnehin finanziell angeschlagene Airline verlor damals innerhalb weniger Monate gleich zwei ihrer Boeing 777: Im März ging Flug MH370 bis heute unauffindbar verloren, im Juli wurde die Boeing des Flugs MH17 über der Ostukraine abgeschossen. Dabei kamen insgesamt 537 Menschen ums Leben. 2015 ist die Airline auf der Weltrangliste auch wirtschaftlich abgestürzt: von Platz 39 auf Rang 44 nach Umsatz und von 32 auf 35 nach Passagierbeförderungsleistung.

Ein Alptraum für jedes Unternehmen, gerade für Fluggesellschaften, für die Werte wie Verlässlichkeit, Sicherheit und Vertrauen alles sind. Die Aufgabe von Müller und jetzt seinem irischen Nachfolger Peter Bellew, den Müller zunächst als Chief Operating Officer von Ryanair geholt hatte, ist: Malaysia Airlines zurück zu alter Stärke zu führen, den Imageschaden irgendwie zu überwinden. „Wir müssen diese Airline reparieren, ihre Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit verbessern. Dafür haben wir schon 200 Verbesserungsprojekte eingeführt“, sagt Peter Bellew. Die Kundschaft soll sich auf Malaysia Airlines wieder verlassen können. 

„Seit Herbst 2015 haben wir die Gepäckverluste um 60 Prozent gesenkt; wir haben ein Drittel unserer Flugzeuge einer Tiefenreinigung unterzogen und wollen die sauberste Flotte in ganz Südostasien haben“, sagt Bellew. „Außerdem müssen wir an unserer Pünktlichkeit arbeiten.“ Um solche Dinge geht es, die bei jeder Weltklasse-Airline eine Selbstverständlichkeit sein sollten, es aber in Malaysia seit Jahren nicht waren.

Jeder dritte ArBeitsplatz wurde gestrichen

Bellews Vorgänger Müller hatte bereits mit drastischen Maßnahmen den Grundstein für den Neustart gelegt: 6000 von 20 000 Jobs wurden gestrichen. „Vermutlich der radikalste Aderlass jemals in der Branche“, sagt Müller. Sämtliche 13 Boeing 777-200 wurden im März 2016 nach 19 Jahren stillgelegt. Zwischen Mitte 2015 und Februar 2016 wurde die Kapazität um drei Prozent reduziert und die Langstrecken radikal zusammengestrichen, vor allem die nach Europa. „Wir haben über 100 Millionen Euro pro Jahr allein auf den Europa-Strecken verloren, als wir neben London auch noch Frankfurt, Paris, Amsterdam und Istanbul bedient haben. Diese Ziele habe ich alle gestrichen, außer London, einer unserer wichtigsten Routen“, erklärt Christoph Müller. London wird seit 20 Jahren zweimal täglich angeflogen, derzeit mit Airbus A380. Vier der sechs vorhandenen Riesen werden dafür eingesetzt. „Die A380 ist zu groß für uns, sogar auf der London-Strecke,“ räumt Müller ein. „Wir wollten die Flugzeuge ursprünglich mal füllen mit Leuten, die via Kuala Lumpur nach Australien fliegen.“ Dieser Markt sei aber an die Golf-Carrier gegangen. 

Als Malaysia Airlines im Dezember 2001 ihre A380 bestellte, hatten alle Golf-Airlines zusammen zehn Millionen Passagiere. Heute haben sie 120 Millionen. „Die Welt hat sich in den letzten Jahren kolossal verändert, wir müssen uns auf andere Märkte konzentrieren“, sagt der deutsche Manager. „Bis Mitte 2018 werden wir die A380 aber noch behalten, dann werden sie verkauft. Sie sollen durch sechs bereits georderte A350-900 ersetzt werden“, sagt Peter Bellew. „Die Bestellung der A350 ist ein Eingeständnis, dass wir uns verkleinern müssen“, bestätigt auch Chief Commercial Officer Paul Andrew Simmons, ein weiterer von Müller aus Europa geholter Manager.„Unsere Priorität ist jetzt mittelfristig die Expansion des regionalen Angebots in Asien, das ist weniger risikoreich“, so Simmons. 

Lokale Märkte und Kooperation mit Emirates

Dabei spielen auch die neu bestellten Boeing 737 MAX eine Rolle. Malaysia Airlines wird einen Mix aus den Versionen -8 und -9 betreiben, zum Teil ersetzen sie die 737-800. Im Rahmen des Kapazitätsabbaus hat die Fluggesellschaft auch bisher mit A330 bediente Routen auf 737 umgestellt, etwa den Flug von Kuala Lumpur nach Darwin in Australien. Gleichzeitig ging man eine enge Kooperation mit Emirates Airlines ein, in deren Management Christoph Müller Presseberichten zufolge wechselt. Obwohl die Asiaten selbst Dubai gar nicht anfliegen, vereinbarten sie Codeshare-Verbindungen mit Emirates zu 90 Zielen, gespeist durch vier tägliche Flüge der Araber von Kuala Lumpur nach Dubai. „Emirates gibt uns eine Angebotsbreite, die wir sonst nicht hätten. Diese Synergien sind für beide Seiten günstig, und Emirates füllt für uns eine Lücke“, sagt Simmons. Das ist Teil einer größeren Strategie: „Wir müssen die Gesellschaft aggressiv neu zuschneiden, um sie zu stabilisieren und dann auch wieder zu wachsen“, verkündet der Chief Commercial Officer.

Suche nach neuen Umsatzbringern beginnt

Das ist dringend nötig, hat die Airline doch seit 2010 keinen Gewinn mehr eingeflogen. Waren es 2014 noch über eine halbe Milliarde Dollar Verlust nach Steuern, so konnte Christoph Müller Anfang 2016 immerhin wieder die ersten profitabel endenden Monate verkünden. „Ich bin zuversichtlich, dass wir 2018 in der Gewinnzone sind“, bekräftigt Bellew das unter Christoph Müller gesteckte Ziel. „Die Kosten sind jetzt gut unter Kontrolle, aber wir müssen mehr Umsatz generieren“, sagt der neue Firmenchef. Die derzeit 78 Flugzeuge der Gesellschaft fliegen weiter in jener Bemalung, die vor zwei Jahren über Monate im Zusammenhang mit Schreckensnachrichten zu sehen war. Seit September 2015 ist die wieder verstaatlichte Fluggesellschaft zwar juristisch eine neue Firma im Besitz der Staatsholding Khazanah, doch äußerlich deutet nichts darauf hin. Ein neuer Markenauftritt von Malaysia Airlines gilt in der Chefetage als unumgänglich. Zuerst geht es um Produktinnovationen. Hier hatte noch Christoph Müller eine Modernisierung verordnet: neue Flachbett-Sitze in der Business Class und verbesserte Bordmenüs in der Economy Class – jeder Kunde soll einen Neuanfang spüren.

Der neue Vorstandschef Peter Bellews hat die große Aufgabe, den von Müller begonnenen Wandel fortzusetzen. Vermutlich setzt er zunächst auf eine Verstärkung der Nachfrage aus dem eigenen Land, denn es gibt einen Markt für eine starke einheimische Fluggesellschaft. Sollte ein überzeugender Neuanfang in der Heimat gelingen und Malaysia Airlines, oder wie immer die Firma dann heißt, wieder zu einem Vorzeigeunternehmen werden, dann wird es nicht schwer sein, die Fluglinie auch international wieder als starke Marke zu etablieren. 

Mit neuen Produkten, gutem Service, einer verbesserten Kommunikation und einem gelungenen Rebranding stünde einem Höhenflug nach dem Absturz nichts im Wege.

FLUG REVUE Ausgabe 10/2016

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Andreas Spaeth


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