11.01.2016
Erschienen in: 12/ 2015 FLUG REVUE

COMAC C919Chinas neuer Zweistrahler

Mit der COMAC C919 zielt China mit einem modernen, eigenen Flugzeugentwurf auf das Herz des Marktes der Standardrumpf-Flugzeuge. Bald wird der erste Jet hallenfertig.

Die neuesten Fotos von der ersten C919 aus der Endmontagehalle in Schanghai stammen von Anfang September: Sie zeigen das erste Flugzeug auf seinem eigenen, von Liebherr-Aerospace aus Lindenberg gelieferten Fahrwerk mit endmontiertem Rumpf, Flügeln, Leitwerk und Fenstern – also äußerlich komplett bis auf die beiden LEAP-1C-Triebwerke von CFM International. Derzeit werden in der Kabine Rohrleitungen und Kabel verlegt, und die Cockpitavionik wird eingebaut. Laut Plan sollte die erste C919 eigentlich noch in diesem Jahr die Endmontagehalle verlassen und zum Jungfernflug starten. Der Erstflug verzögere sich jedoch auf Ende 2016, wollte die Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong aber schon im Frühjahr wissen. Sie bezog sich dabei auf Aussagen von COMAC-Finanzchef Tian Min. Damit könnte sich auch die für 2018 geplante Auslieferung der ersten Kundenflugzeuge auf etwa 2020 empfindlich verspäten, spekulierte die Zeitung, also auf einen Zeitpunkt weit nach dem Lieferbeginn der modernisierten Konkurrenten Boeing 737 MAX und Airbus A320neo.

Mit dem Zweistrahler C919 betritt China neues Terrain. Nach jahrzehntelangen  Bemühungen, ausländische Muster lediglich nachzubauen oder daran eng angelehnte Varianten zu entwerfen, setzt das Reich der Mitte nun auf einen modernen eigenen Entwurf direkt im Stammrevier der Branchenriesen Boeing und Airbus. Die zweistrahlige C919 von Chefkonstrukteur Wu Guanghui soll auf stark frequentierten Kurz- und Mittelstrecken bis zu 174 Passagiere in verdichteter Einklassenbestuhlung, 168 Reisende in regulärer Einklassenbestuhlung oder 156 Fluggäste in Zweiklassenkonfiguration über Entfernungen von 4075 Kilometern befördern. Eine Variante mit erhöhter Startmasse soll später sogar auf 5555 Kilometer Reichweite kommen. Die COMAC C919 ist laut Herstellerangaben auf eine wirtschaftliche Lebensdauer von 90 000 Flugstunden und 30 Kalenderjahre ausgelegt. Der Zweistrahler lässt sich durch je eine gestreckte und eine verkürzte Version zur Familie entwickeln. Auch eine Variante als Geschäftsreiseflugzeug und ein Frachter sind geplant. Ob das neue chinesische Flugzeugprogramm auch nach westlichen FAA- und EASA-Normen zugelassen werden soll, ist noch nicht bekannt.

Luftfahrtindustrie soll Chinas Fähigkeiten zeigen

fr 12-2015 COMAC C919 (01)

Mit der COMAC C919 will China seine Fähigkeiten auf dem Luftfahrtmarkt zeigen. Foto und Copyright: COMAC  

 

Im Mittelpunkt der Verkaufsaktivitäten steht der chinesische Inlandsmarkt, der nach übereinstimmender Erwartung von Airbus und Boeing mittelfristig zum größten Luftfahrtmarkt der Welt heranwachsen wird und dabei sogar die USA überholen soll. Mit, laut Herstellerangaben, bisher rund 400 Bestellungen, überwiegend von chinesischen Airlines und Leasingfirmen oder Banken, aber auch von GECAS (20 Flugzeuge), verzeichnet die C919 bereits einen beachtlichen Auftragsbestand. Natürlich kann in einer zentralen Planwirtschaft wie China die Nachfrage nach inländischen Produkten auch durch die Planungsbehörden von oben per Anweisung stimuliert werden. Die COMAC C919 als „nur zwangsweise verkaufbares“ Flugzeug zu betrachten, täte dem neuen Zweistrahler jedoch Unrecht.

COMAC will die C919 vor allem durch einen günstigen Preis am Markt platzieren und könnte damit auch zusätzliche Kunden in den Entwicklungsländern erreichen. Noch ist ein offizieller Listenpreis nicht bekannt, westliche Schätzungen liegen bei deutlich unter 70 Millionen Dollar pro Flugzeug.

Der eigene Bau großer Verkehrsflugzeuge beweise die vereinten industriellen und technologischen Fähigkeiten einer Nation, heißt es bei COMAC. Flugzeugbau sei „die Blüte der modernen Industrie“. Ein eigenes chinesisches Flugzeug sei eine „heilige Mission“. Mit neun Mitgliedsorganisationen, darunter dem Entwurfsbüro Shanghai Aircraft Design & Research Institute, dem Flugzeugwerk Shanghai Aircraft Manufacturing, einem Kundendienstzentrum, einem Forschungsinstitut in Peking, einem Flugtestzentrum, einem industriellen Unterstützungsbereich und sogar einer eigenen Luftfahrtpublikation „Shanghai Commercial Aircraft Magazine“ eilt COMAC diesem Ziel systematisch und mit großem Aufwand entgegen.

FLUG REVUE Ausgabe 12/2015

Mehr zum Thema:
www.flugrevue.de/Sebastian Steinke


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