14.03.2016
Erschienen in: 03/ 2016 FLUG REVUE

Stürmische ZeitenDer Markt für zivile Hubschrauber

Mit dem Ölpreis ist auch die Stimmung in der Helikopterbranche gesunken. Trotz der derzeit schwierigen Absatzlage drängen neue Muster auf den Markt. Die Kunden profitieren von fortschrittlicher Technologie.

Kurzfristig zeichnen die Marktforscher ein pessimistisches Bild. Die niedrigen Rohölpreise von zeitweise unter 30 Dollar pro Barrel haben die Nachfrage nach neuen Hubschraubern im Offshore- und Explorationssegment zusammenbrechen lassen – genau in dem Segment, das mit 40 Prozent zuletzt einen großen Anteil am Absatz ziviler Muster hatte. Einen „Crash“ mit Abbestellungen und folgenden Produktionskürzungen, wie ihn Alix Leboulanger, Analystin für Luft- und Raumfahrt bei Frost & Sullivan, im Dezember prophezeite, mag sich allerdings niemand vorstellen. Trotzdem: Die Erholung in diesem Bereich könnte durchaus fünf Jahre auf sich warten lassen.

Anhaltende Wirtschaftsprobleme in Brasilien und die Abflachung der Wachstumsraten in China sind ebenfalls schlechte Vorzeichen. Immerhin gibt es Lichtblicke in anderen Marktsegmenten wie Polizeihubschrauber, Touristenflüge und Schulung. In den USA sieht Airbus Helicopters zum Beispiel dank guter Steuereinnahmen den Trend zum Ersatz vorhandener Polizeihubschrauber. Weniger klar ist das Bild bei den Anbietern von  Luftrettungsdiensten und Krankentransporten per Hubschrauber. Hier gibt es in den USA tendenziell schon ein Überangebot und Preiskämpfe, was unter anderem dazu führt, dass die Betreiber auf  billigere, einmotorige Muster ausweichen.

Den aktuellen widrigen Marktbedingungen zum Trotz laufen bei den führenden Herstellern derzeit wichtige Entwicklungsprogramme. So starteten 2015 sowohl die H160 von Airbus Helicopters als auch die 525 Relentless von Bell zu ihrem Jungfernflug. Letzteres Muster hat als erster ziviler Serienhubschrauber eine Fly-by-Wire-Flugsteuerung. AgustaWestland trieb derweil sein Kipprotormodell AW609 voran, erlitt aber mit dem Absturz eines Prototyps im Oktober einen schweren Rückschlag.

Der italienische Hersteller hat im Rahmen einer grundlegenden Restrukturierung des Finmeccanica-Konzerns im Übrigen – ähnlich wie Eurocopter 2014 – seinen Namen gewechselt und wird nun als Finmeccanica Helicopters geführt. Sogar den Eigentümer wechselte Sikorsky. Für United Technologies war die Firma wohl nicht profitabel genug, weshalb man sie letztlich für neun Milliarden Dollar (8,3 Mrd. Euro) an den Rüstungsgiganten Lockheed Martin verkaufte. Welche Aufmerksamkeit man der zivilen Sparte des Traditionsunternehmens schenken wird, ist noch unklar.

All diese Änderungen hatten vorerst aber kaum einen Einfluss auf das breit gefächerte Angebot, das von der zweisitzigen Robinson R22 für den Privatpiloten bis hin zur 56 Tonnen schweren Mi-26 von Russian Helicopters reicht. Auf der nächste Seite ein kurzer Überblick über die Produktprogramme der wichtigsten Hersteller.

Airbus Helicopters

Unter CEO Guillaume Faury arbeitet Airbus Helicopters weiter hart daran, seine führende Stellung auf dem zivilen Markt zu verteidigen. Von leichten Modifikationen profitiert zum Beispiel die H135 (früher EC135 T3/P3) mit verbesserten Triebwerken und längeren Rotorblättern. Die Lieferungen begannen im Dezember 2014. Ebenfalls seit 2014 wird die mit einem Fenestron-Heckrotor und stärkeren Arriel-2-Triebwerken sowie der Helionix-Avionik ausgerüstete H145 ausgeliefert. Erste Kunden waren Rettungsdienste und die Polizei von Baden-Württemberg. Im Dezember 2015 wurden auch die ersten beiden militärischen H145M für die Luftwaffe übergeben. Nach wie vor zäh gestaltet sich die Produktion der H175. Highlight 2015 war der Erstflug der H160, mit der man die Vormachtstellung der AW139 angreifen möchte. Deshalb wird mit modernen Technologien wie den Blue-Edge-Rotorblättern, Helionix-Avionik, Verbundwerkstoff-Zelle oder elektrischer Fahrwerksbetätigung nicht gegeizt.

Avicopter

Seit 2008 koordiniert Avicopter (Teil von AVIC) die Arbeiten der etablierten chinesischen Hubschrauberhersteller. Zivile Muster wie die AC301 (Ecureuil), AC311 (Zwei-Tonnen-Klasse) oder AC313 (13,8 Tonnen) wurden entwickelt. Über den Absatz ist allerdings wenig bekannt, jedenfalls traten die Modelle auf dem internationalen Markt bisher so gut wie nicht in Erscheinung.

Bell Helicopter

Der US-Hersteller arbeitet derzeit am Model 525 Relentless. Das in der Super-Midsize-Klasse angesiedelte Muster (Abflugmasse jetzt neun Tonnen) soll zum neuen Flaggschiff werden. Hervorstechendstes Merkmal ist seine Fly-by-Wire-Steuerung, aber auch die Avionik ist auf dem neuesten Stand. Nach dem verzögerten Erstflug am 1. Juli 2015 ist seit Dezember auch ein zweiter Prototyp in Amarillo in der Luft. Neben der großen 525 will Bell auch das Segment der leichten Turbineneinmots wieder bedienen. Das Model 505 Jet Ranger X ist seit 10. November 2014 in der Flugerprobung und soll noch dieses Jahr zugelassen werden. Erstmals hat sich Bell hier für ein Triebwerk des französischen Herstellers Turbomeca entschieden (Arrius 2R).

Enstrom

Enstrom Helicopters gehört seit 2012 der chinesischen Chongqing Helicopter Investment Co., die mit frischem Geld unter anderem eine Erneuerung der Fa-brik ermöglichte. Hauptprodukt bleibt vorerst die 480B, modernisiert mit Garmin-Avionik. Auf der Heli-Expo 2014 wurde das Modell TH180 vorgestellt, das besser für Schulungsaufgaben geeignet ist. Die Lieferungen sollen dieses Jahr beginnen.

Finmeccanica (Agusta Westland)

Seit der Einführung des zunächst in Zusammenarbeit mit Bell entwickelten Bestsellers AW139 vor über einem Jahrzehnt (erste Lieferung 2005) hat AgustaWestland eine ganze Hubschrauberfamilie mit Abflugmassen zwischen 4,6 Tonnen  (AW169) und 8,3 Tonnen (AW189) aufgebaut. Die AW169 als erste wirkliche Neuentwicklung in ihrer Klasse seit Jahrzehnten erhielt am 15. Juli 2015 ihre Zulassung. Über 150 Bestellungen liegen vor. Die AW189 wird seit 2014 geliefert.

Neben seinen konventionellen Mustern verfolgt der italienische Hersteller nach wie vor hartnäckig die Entwicklung des zivilen Kipprotormusters AW609. Das vielfach verzögerte Programm erlitt allerdings am 30. Oktober 2015 einen schweren Rückschlag, als in Norditalien ein Prototyp aus bislang unbekannten Gründen abstürzte und beide Testpiloten ums Leben kamen. Zuvor war die Zulassung für 2017 avisiert.

Marenco Swisshelicopter

Der Schweizer Newcomer hat seine SKYe SH09 zwar am 2. Oktober 2014 in die Luft gebracht, doch die Erprobung kam seither nur schleppend voran. Sie soll erst mit dem modifizierten zweiten Exemplar wieder forciert werden. Den Problemen zum Trotz konnte das Unternehmen auf der letzten Heli-Expo weitere 13 Bestellungen verbuchen.

MD Helicopters

In den letzten Jahren profitierte das in Mesa, Arizona, ansässige Unternehmen vor allem von Aufträgen des US-Militärs, das Hubschrauber für die Weitergabe an die afghanischen Streitkräfte bestellte. Zuletzt wurden im Dezember ein Dutzend weitere MD 530F verbucht. Im zivilen Bereich ist der Einsatz im Polizeidienst die Domäne der kleinen Modelle, die ihre Geschichte bis zur Hughes Cayuse von 1963 zurückverfolgen können.

Robinson

Bis zu 900 Hubschrauber hat Robinson pro Jahr produziert, und auch heute ist das Unternehmen gemessen an den Stückzahlen immer noch mit vorn (347 Lieferungen im Jahr 2015). Erst im Dezember wurde die 700. R66 ausgeliefert. Für den ersten Turbinenhubschrauber gibt es neue Ausrüstungskits und Optionen bei der Avionikausstattung. Bei der kleineren R44 ist eine Variante mit nur zwei Sitzen in Arbeit.

Russian Helicopters

Alle russischen Hubschrauberaktivitäten fallen seit Jahren unter die Russian-Helicopters-Holding, die wiederum Teil des Staatskonzerns Rostec ist. Während im militärischen Bereich der Absatz zum Beispiel der Mi-8/Mi-17 floriert, tun sich die Russen auf dem zivilen Markt nach wie vor schwer. Immerhin erhielt die 15 Tonnen schwere Mi-38 am 30. Dezember ihre russische Zulassung. Das Programm ist 1989 gestartet worden. Ebenfalls frisch zugelassen ist die VIP-Version der in Kasan gebauten, zweimotorigen Ansat. Dafür zieht sich die Entwicklung der Ka-62 offenbar weiter in die Länge.

Sikorsky

Der US-Traditionshersteller macht den größten Teil seines Geschäfts im militärischen Bereich, wo der Transporthubschrauber Black Hawk und seine Marineversionen nach wie vor weltweit gefragt sind. Mit der 38 Tonnen schweren CH-53K King Stallion für das Marine Corps ist zudem ein weiteres wichtiges Programm in Arbeit (Erstflug 27. Oktober 2015). Zudem investiert das Unternehmen in Prototypen wie die S-97 Raider (Erstflug 22. Mai 2015) mit Koaxialrotor. Der verspricht hohe Fluggeschwindigkeiten von über 400 km/h. Dieses Portfolio ist für Lockheed Martin interessant, das die Firma im Juli 2015 von UTC übernahm. Wie die Planungen im zivilen Bereich aussehen, ist noch nicht recht klar. Hier ist die im Oktober 2012 zugelassene D-Version der S-76 im Angebot. Dazu kommt die S-92, die vor allem im Öl- und Gasgeschäft eingesetzt wird und somit von der Krise in diesem Sektor besonders betroffen ist.


FLUG REVUE Ausgabe 03/2016



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