10.05.2016
Erschienen in: 05/ 2016 FLUG REVUE

LuftfahrtmesseSingapore Airshow 2016

Trotz der Wirtschaftsturbulenzen in Asien bleiben die Flugzeughersteller zuversichtlich: Asien wächst ungebrochen zum wichtigsten Luftfahrtmarkt der Welt heran.

Messezeit in Singapur: In wenigen Jahren hat es die seit 2008 auf dem heutigen Gelände stattfindende Singapur Airshow geschafft, sich in der Spitzengruppe der globalen Luftfahrtmessen zu etablieren. 80 000 allgemeine Besucher am ausverkauften Publikumswochenende, 50 000 Fachbesucher (plus sieben Prozent) an den drei Fachbesuchertagen zuvor und 274 VIP-Delegationen (plus fünf Prozent) aus 76 Ländern belegen den Aufwärtstrend. Denn in Asien spielt die Musik. Hier findet das Wachstum statt, und hierhin werden die meisten Flugzeuge verkauft. Aber gilt das auch noch künftig, nach Börsenbeben, Inselstreitereien und Atombombentests?

Südostasien bleibt ein wichtiger Markt für Boeing, wo die Airlines in den nächsten 20 Jahren 3750 neue Verkehrsflugzeuge im Wert von 550 Milliarden Dollar benötigen werden“, versicherte der Boeing-Vorstand für die Region, Dinesh Keskar, am Vortag der Messeeröffnung in Singapur. Boeing unterhält in Singapur das weltweit größte Trainingszentrum seiner Flight-Services-Tochter. Über 300 Verkehrsflugzeuge hat man im Lauf der Jahrzehnte in den kleinen Stadtstaat mit 5,4 Millionen Einwohnern geliefert, darunter 77 Boeing 777 für Singapore Airlines und im letzten Jahr die erste 787 für deren Tochter Scoot. Laut Dinesh Keskar habe aktuell noch kein asiatischer Boeing-Kunde Flugzeuge abbestellen oder auch nur Auslieferungen verzögern wollen. Der Markt sei stabil. Bei Boeing beobachte man allerdings den Trend, dass die in Asien bestellten Flugzeuggrößen schrumpften, da hier neue Märkte erschlossen würden, die mit kleinerem Gerät und mit möglichst vielen Frequenzen bedient würden. 70 Prozent der hier bestellten Flugzeuge seien Standardrumpfmuster. Weit mehr als die Hälfte der Flugzeugbestellungen aus Asien sei für das Wachstum gedacht und nicht zum Ersatz älterer Jets.

Natürlich ging es bei Boeing in Singapur auch um das „Middle of the Market“-Flugzeug (MoM), ein mögliches Muster angesiedelt zwischen Boeing 737 MAX 9 und 787-8, mit dem der Hersteller den Verkaufserfolg der A321neo stören könnte. Fest stehe nur, dass man ein solches Muster nicht auf Basis einer überarbeiteten Boeing 757 konzipieren werde, erfuhr die FLUG REVUE aus hochrangigen Boeing-Kreisen in Singapur. Manche Kunden hätten wohl am liebsten ein kleines Großraummuster zum Preis eines Standardrumpfjets, hieß es bei Boeing abwartend. Am Ende müsse sich „MoM“ aber auch für den Hersteller rentieren. Mit einem Erscheinungstermin ab dem Jahr 2022 habe man für diese Entscheidung noch Zeit.

Zuversichtlich in Sachen Asien gab sich auch Airbus: Die Region habe 2015 für 40 Prozent des Netto-Auftragseingangs bei Airbus gesorgt und sogar für 44 Prozent der Auslieferungen, berichtete Airbus-Vorstandschef Fabrice Brégier in Singapur. Die A350 sei unter anderem von Singapore Airlines, Cathay, Thai und China Airlines bestellt worden, die A380 neu von Iran Air und ANA. Mit Joint Ventures für Trainingszentren und die Ersatzteilversorgung sei Airbus in Singapur präsent.

Messegelände wird zur Flughafenbaustelle

Beide Hersteller zeigten auf dem Messegelände auch ihr großes Gerät: Boeing zeitweise eine 787 von Scoot, Airbus eine A350 und eine A380 von Qatar Airways sowie eine zweite A350 der Testflotte, die als Kabinendemonstrator diente. Für den größten Aufritt sorgten die Katarer aber außerhalb der Messe: Auf Singapurs Ferieninsel Sentosa eröffnete Qatar-Airways-Chef Akbar Al Baker die neue Hauptattraktion des Kinder-Freizeitparks KidZania: In dem, ganz nach asiatischem Geschmack, stark auf Erziehung, Berufswahl und Karriere zielenden Vergnügungspark können künftig  junge Singapurer in die Rolle eines Piloten, Flugbegleiters oder Mitarbeiters des Bodenpersonals schlüpfen. Qatar Airways ließ dazu in einer Halle auf der Ferieninsel eine originale Boeing 737-800 aufhängen, die von zwei  Flugsimulatoren und einer originalen Check-in-Zone mit Schaltern, wie auf einem Flughafen, flankiert wird. Rund 2,3 Millionen Euro hat sich Qatar Airways diese Attraktion kosten lassen. Rund 500 000 Besucher im Jahr werden erwartet. „Wir garantieren allen Kindern hier Jobs“, versprach Qatar-Airways-Chef Al Baker in Singapur. „Wir wachsen jedes Jahr zweistellig, und dies seit Langem.“ Nebenbei macht die Linienfluggesellschaft ihre Marke so auch geschickt bei den aufstrebenden Asiaten bekannt.

Zurück zum Messegelände in Changi East. Auch hier zeichnen sich die Wachstumsperspektiven deutlich ab: Rund um das Messegelände am  Rand eines bisherigen Militärflughafens verdichten Planierraupen das Gelände, denn hier entsteht die Erweiterung des Flughafens von Singapur. Die Startbahn des Militärflughafens wird dazu verlängert und zur dritten Bahn des Drehkreuzflughafens Changi umgewidmet; parallel wird dieser mit mehreren Terminals erweitert. Die Militärs ziehen dann auf eine neue, künstliche Insel weiter östlich um, wo sie wieder eine separate Startbahn erhalten. Umziehen soll Singapurs Militär auch von seinem wichtigsten Luftwaffenstützpunkt Paya Lebar, da dieser in einigen Jahren geschlossen werden soll. Dann wird ersatzweise ein Stützpunkt im äußersten Westen Singapurs als Hauptbasis dienen. Wenn Paya Lebars militärischer Platzrundenverkehr über der Innenstadt verschwindet, kann man die dortigen Hochhäuser endlich in beliebige Höhen aufstocken, worauf Singapurs Investoren bereits lauern.

Auf der Messe gab es auch für Deutschland gute Nachrichten: Die Familie Dornier hat das Projekt Seastar wiederbelebt. Das zweimotorige Turboprop-Amphibienflugzeug aus korrosionsbeständigem Kunststoff verfügt nun über eine moderne MT-Fünfblatt-Luftschraube und ein Glascockpit Honeywell Primus Epic 2.0. Neu sind Fahrwerk, Autopilot und Enteisungsanlage. Und ein Partner konnte auch gewonnen werden: Die chinesische Provinz Wuxi beteiligt sich über ihre Unternehmen Wuxi Industrial Development Group (45 Prozent) und Wuxi Communication Industries Group (20 Prozent) an einem Joint Venture, bei dem sich auch die Familie Dornier mit 35 Prozent engagiert. Die Partner bauen die Seastar in Serie. Zunächst werden rund 60 Mitarbeiter in Oberpfaffenhofen von Diamond gebaute und gelieferte Rümpfe endmontieren. Danach übernimmt schrittweise ein neues Werk in China mit 350 Mitarbeitern die Produktion. Forschung und Entwicklung finden in Deutschland statt, der Bau geht mittelfristig nach China.

China liberalisiert derzeit seinen bislang komplett militärisch beanspruchten unteren Luftraum für zivile Nutzer, was einen riesigen Markt eröffnet. Bisher gibt es in dem Riesenland erst 250 zivile Hubschrauber und 250 Business Jets!

Für die neue Seastar rechnet Dornier mit Absatzchancen für 350 Flugzeuge in den nächsten zehn Jahren. In der Basisausführung kostet die Twin 7,21 Millionen Dollar. Mit Ersatzteilen, Schulung und Zusatzausstattung, wie FLIR und Radar, dürfte ein typisches Flugzeug am Ende bei 8,2 bis 8,3 Millionen Dollar landen, prognostiziert man bei Dornier. Die Hälfte der Nachfrage werde von Behörden kommen, die zur Grenzüberwachung, für Rettungs- und Inspektionsflüge eine universelle Plattform in der Größe einer S-76 oder Bell 412 suchen. Diese soll sich zum Drittel der Kosten eines Hubschraubers betreiben lassen. 180 Knoten (333 km/h) Reisegeschwindigkeit, 1700 Kilometer Reichweite und 7,5 Stunden Flugdauer schafft die Seastar.

Zehn neue Seastar sind schon vorbestellt

Die Seastar sei kaufmännisch geplant und „keine Liebhaberei“ heißt es ausdrücklich bei Dornier. Das Amphibienflugzeug könne zum Beispiel von den weltweit rund 300 Ölförderplattformen 200 Plattformen an 90 Prozent aller Tage erreichen. Die schon praktisch für Windstärke 7 und Wellenhöhen bis zu 60 Zentimetern zugelassene Seastar verfügt über einen „Tragflügel neuer Technologie“, dessen besonders geformte Flügelspitzen (Raked Wingtips) bei einer etwaigen Wasserberührung den Flügel wieder gefahrlos aus dem Wasser drücken. Bis Ende Mai 2018 will Dornier die Zulassung geschafft haben und die ersten drei Flugzeuge fertigstellen. Etwa eineinhalb bis zwei Jahre nach dem Serienanlauf in Oberpfaffenhofen soll die Endmontage in China ihre Arbeit aufnehmen. Nach eigenen Angaben hat  Dornier schon Vorbestellungen für zehn Flugzeuge mit Anzahlungen und weitere Absichtserklärungen für Festaufträge, darunter aus Indonesien (SAR), Afrika, Griechenland und den USA. Perspektivisch möchte man die Seastar auch für Privatleute in einer einmotorigen Variante erschwinglicher machen und den Rumpf in einer anderen Version noch leicht strecken. Damit könnte die Seastar vielleicht schon auf der nächsten Singapur Airshow auftreten, die vom 6. bis 11. Februar 2018 wieder in Changi East stattfindet.

FLUG REVUE Ausgabe 05/2016



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