27.01.2016
Erschienen in: 01/ 2016 FLUG REVUE

Business-JetsNBAA 2015

Neue Muster befeuern die Nachfrage. Die Geschäftsreisejet-Hersteller investieren deswegen wieder vermehrt in neue Muster. Die Aerion Corporation will den Überschall-Luftverkehr in der Business Aviation einführen.

In 2016, so befürchtet der amerikanische Elektronik- und Aerospace-Konzern Honeywell, wird es kein Wachstum bei den Auslieferungen von neuen Business-Jets geben. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einem Rückgang im Vergleich zu 2015 kommen. Dennoch ist die Business Aviation eine Branche, in die zu investieren sich lohnt: Zwischen 2015 und 2025 erwartet Honeywell in seiner neuesten Prognose die Auslieferung von 9200 Neuflugzeugen mit einem kumulierten Wert von 270 Milliarden Dollar. Als Grund für die erwartete „Auslieferungsdelle“ sehen die Marktforscher bei Honeywell die wirtschaftliche Schwäche in den BRIC-Ländern, also Brasilien, Indien, Russland und China. Dabei ist der Bestand an gebrauchten Business-Jets wieder auf ein Niveau von vor 2008 zurückgefallen. Nur rund zehn Prozent der aktiven Flotte an Geschäftsreisejets stehen derzeit zum Verkauf und „behindern“ den Verkauf von Neuflugzeugen.

Charles Park, Direktor für Marktanalysen bei Honeywell, sagte bei der Vorstellung der Marktstudie  am Vorabend der NBAA in Las Vegas: „Neue Flugzeugmuster sind entscheidend für eine stärkere Nachfrage ab 2018. Es zeichnet sich ganz klar ab, dass Nordamerika die treibende Kraft hinter der Wiederbelebung des Marktes sein wird.“

Mit dieser Prognose liegt Honeywell sehr nahe an der Marktvorhersage des brasilianischen Flugzeugherstellers Embraer, der in Las Vegas ebenfalls seine neueste Prognose vorstellte: Die Brasilianer erwarten für die nächsten zehn Jahre einen Bedarf für 9100 neue Business-Jets im Wert von 259 Milliarden US-Dollar. Auch Embraer geht davon aus, dass die USA der größte Markt für dieses Segment der Luftfahrt bleiben werden.

An neuen Mustern gab es auf der dreitägigen Messe Mitte November in der Spielerstadt im US-Bundesstaat Nevada keinen Mangel. Die größte Überraschung präsentierte allerdings ein bekanntes Muster, das aber erst in einigen Jahren fliegen wird: Die Aerion Corporation präsentierte mit dem amerikanischen Fractional-Ownership-Unternehmen Flexjet einen Erstkunden für den dreistrahligen Überschall-Geschäftsreisejet Aerion AS2. Flexjet hat 20 AS2 im Wert von 2,4 Milliarden Dollar fest bestellt und die Ernsthaftigkeit des Auftrags mit einer nicht rückzahlbaren Anzahlung unter Beweis gestellt. Aerion hat auch Bestellungen von Einzelkunden, die aber nicht genannt werden wollen. Die AS2 soll über Land mit hoher subsonischer Geschwindigkeit fliegen und über Wasser auf eine Reisegeschwindigkeit von Mach 1.5 beschleunigen. Damit unterbietet das acht bis zwölf Passagiere fassende Muster die Reisedauer über den Atlantik in einem normalen Verkehrsflugzeug um rund zwei Stunden, bei Transpazifikflügen soll sich die Zeitersparnis auf bis zu sechs Stunden addieren. Die angestrebte Reichweite der AS2 liegt bei 4750 NM, also 8802 km. Die Aerion Corporation entwickelt das Flugzeug in Zusammenarbeit mit der Airbus Group und will selbst als Hersteller auftreten, sagte Brian Barents, der Co-Vorsitzende der Aerion Corporation in Las Vegas. Die Firma ist momentan aktiv auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Werk. Der Zeitplan für das Projekt sieht einen Erstflug der AS2 im Jahr 2021 vor. Die ersten Auslieferungen an Kunden könnten 2023 beginnen.

Sehr viel weiter mit seinem neuesten Flugzeugprogramm ist da Gulfstream Aerospace aus Savannah. Das zum General-Dynamics-Konzern gehörende Unternehmen hatte den ersten Prototyp der Gulfstream G500 nach Las Vegas geschickt, um ihn der Öffentlichkeit zu präsentieren. Bis zum ersten Tag der NBAA hatte der werksintern T1 genannte Jet auf 46 Flügen rund 170 Flugstunden gesammelt. Der längste Flug hatte fünf Stunden und 22 Minuten gedauert, und die im Rahmen der bisherigen Erprobung erreichte Höchstgeschwindigkeit hatte Mach 0.995 betragen. Das von zwei Pratt & Whitney-PW814GA-Turbofans angetriebene Muster soll 2017 seine Musterzulassung erhalten. Die ersten Kunden sollen ihr neues Flugzeug 2018 übernehmen können. Direkt nach der NBAA gab Gulfstream bekannt, dass die beiden Prototypen T2 und T3 am selben Tag zu ihren Jungfernflügen gestartet waren und nun mit ihrem Flugtestprogramm begonnen haben.

Parallel zur Flugerprobung der G500 läuft das Bodentestprogramm in verschiedenen Einrichtungen weiter. Bislang hat Gulfstream im „Iron Bird“ sowie auf dem Systemintegrationspüfstand über 41 000 Flugstunden simuliert, um eine möglichst hohe Systemreife bei der Einführung des neuen Musters bieten zu können. Für die G600 wurde die Designüberprüfung beendet. Auch die Windkanaltests sind abgeschlossen. Vom ersten Prototyp sind sowohl die Cockpit- als auch eine Rumpfsektion fertig, während die Flügel kurz vor Messebeginn aus den Montagevorrichtungen genommen worden sind. Mit dem Erstflug der G600 rechnet Gulfstream für 2017, die Erstauslieferung könnte 2019 erfolgen.

Bombardier Konzentriert sich auf Global 7000

Der französische Business-Jet-Hersteller Dassault Aviation hatte die sechste Falcon 8X nach Las Vegas mitgebracht. Der dreistrahlige Langstreckenjet war nur Tage zuvor im Werk in Bordeaux-Mérignac zum Flug über den Atlantik gestartet. Er präsentierte sich in Nevada als „grünes“ Flugzeug, das heißt ohne Inneneinrichtung und ohne Lackierung. Beides erhält das Flugzeug in Little Rock im US-Bundesstaat Arkansas, wo die Ausrüstung und Lackierung der meisten Falcon-Jets erfolgen.

Das Flugerprobungsprogramm schreitet im angestrebten Tempo voran, sodass Dassault fest von der Zulassung der 8X gegen Mitte des nächsten Jahres ausgeht. Bei dem größten und modernsten Geschäftsreisejet aus dem Haus Dassault, der Falcon 5X, geht es dagegen nicht nach Plan zu: Philippe Petitcolin, der Hauptgeschäftsführer (CEO) des Triebwerksherstellers Safran, musste Ende Oktober gegenüber Investoren eingestehen, dass das Silvercrest-Triebwerk für die Falcon 5X sich noch weiter verspätet als im Sommer befürchtet. Petitcolin ging von Verspätungen von maximal 18 Monaten aus. Dassault hat deswegen die Arbeiten an der Fertigstellung der 5X verlangsamt. Bislang war Dassault davon ausgegangen, den Jet mit einer Reichweite von 5200 NM (9630 km) bis zum Sommer 2016 zugelassen zu haben. Nach den Aussagen des Safran-Chefs muss bezweifelt werden, ob die 5X bis zu diesem Termin überhaupt ihren Erstflug schafft.

Mit Verspätungen hat auch Bombardier Aerospace seine Erfahrungen. Der kanadische Flugzeughersteller hatte erst Ende Oktober das endgültige Ende des Learjet 85 verkündet, nachdem dem Programm im Januar eine „Pause“ verordnet worden war.

Der Ultralangstreckenjet Global 7000, der zusammen mit dem Global 8000 gestartet worden war, leidet ebenfalls unter einer Verspätung von rund 24 Monaten.  Doch nun sind die ersten beiden fliegenden Prototypen des Global 7000 auf der Endmontagelinie des Werks in Downsview, Ontario. Bombardier hat als neues Ziel für die Indienststellung des von zwei GE-Aviation-Passport-Turbofans angetriebenen Business-Jets nun die zweite Jahreshälfte 2018 ins Auge gefasst. Mit einer Reichweite von 7400 NM (13 705 km) wird der Global 7000 einer der Business-Jets mit der größten Reichweite sein. Allerdings nur so lange, bis der große Bruder, der Global 8000, auf den Markt kommt. Er soll 7900 NM (14631 km) Reichweite aufweisen. Bislang hatte Bombardier Aerospace gesagt, dass der Global 8000 ein Jahr nach dem Global 7000 auf den Markt kommen sollte. In Las Vegas wurde kein neuer Zeitplan für den Global 8000 bekanntgegeben, man konzentriere sich derzeit auf den 7000er.

Die Cessna Aircraft Company war mit der gesamten Bandbreite ihrer Citation-Produktpalette im Static Display auf der NBAA vertreten. Dort überraschte die  Firma die NBAA-Besucher mit einem kompletten, aber nicht flugfähigen Modell der Cessna Citation Longitude. Das Flugzeug soll zusammen mit der gerade  erst zertifizierten Citation Latitude und der in Las Vegas erstmalig vorgestellten Citation Hemisphere eine neue Familie innerhalb des Jet-Portfolios des Herstellers aus Wichita bilden.

Die Citation Longitude ist in der Klasse der Super Midsize Jets angesiedelt und kann bis zu zwölf Passagiere transportieren. Ernest Scott, der Präsident und Hauptgeschäftsführer von Textron Aviation, sagte in Las Vegas: „Die Longitude wurde entwickelt, um das Segment der Midsize Jets zu revolutionieren.“ Dazu ist sie mit einer Reichweite von 3400 NM (6297 km) versehen. Dies sind rund 600 NM weniger als noch zum Programmstart der Longitude. In der Kabine soll selbst bei maximaler Flughöhe der Kabinendruck nicht unter den Druck sinken, der in 5950 ft (1813 m) herrscht, was dem Wohlbefinden der Passagiere dient. Alle Kabinenfunktionen wie Licht, Temperatur, Audio können die Passagiere der Longitude über Smartphone oder Tablet steuern. Der Zweistrahler soll Mitte 2016 seinen Erstflug absolvieren und nach einem Jahr Flugerprobung Mitte 2017 zugelassen werden.

Pilatus Aircraft hat pünktlich zum Beginn der NBAA den zweiten Prototyp seines neuen Jets PC-24 in die Luft gebracht. Der von zwei Williams-FJ44-Turbofans angetriebene Business-Jet startete am 16. November 2015 um 10.06 Uhr Ortszeit in Buochs zu seinem 82 Minuten dauernden Erstflug. Der erste Prototyp hatte seinen Jungfernflug bereits im Mai dieses Jahres absolviert und war seitdem bei 87 Flügen 143 Stunden in der Luft. „Das PC-24-Testflugprogramm läuft gut, und wir sind zufrieden mit den ersten Ergebnissen. Die PC-24 fliegt gemäß unseren Erwartungen, und wir sind zuversichtlich, dass wir die garantierten Leistungen erreichen oder sogar übertreffen werden. Selbstverständlich sind wir aber auch auf einzelne Probleme gestoßen – aber der Sinn eines Prototyps ist es ja, diese in der aktuellen Phase herauszufinden, um sie im Anschluss korrigieren zu können“, sagte Oskar J. Schwenk, der Verwaltungsratspräsident von Pilatus.

Das zweite Exemplar der PC-24, intern P02 genannt, wird vor allem für Tests und Nachweisflüge für den Autopiloten, Systeme und Avionik eingesetzt. Das Flugtestprogramm wird nach heutiger Planung 2300 Stunden umfassen. P01 wird nach Spanien fliegen, um dort in den Wintermonaten sein Flugerprobungsprogramm fortzusetzen. P02 wird in die USA verlegt, um in Arizona weitere Testflüge durchzuführen.

Der dritte Prototyp der PC-24 wird voraussichtlich in einem Jahr in die Luft gehen, berichtete PC-24-Programm-Manager André Zimmermann in Las Vegas. Derzeit liegen dem Hersteller 84 Bestellungen für den 8,9 Millionen Dollar teuren Jet vor. Pilatus rechnet mit der Zulassung seines ersten Jetmusters für das Jahr 2017.

FLUG REVUE Ausgabe 01/2016

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Volker K. Thomalla


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