18.04.2016
Erschienen in: 04/ 2016 FLUG REVUE

Mach ohne KrachÜberschalljet Aerion AS2

Mit einer Festbestellung der Chartergesellschaft Flexjet nehmen die Pläne von Aerion konkrete Formen an: Der Newcomer möchte Anfang des kommenden Jahrzehnts den zivilen Überschallflug in Form eines Business Jets zurückbringen.

„Wir haben die Konzeptphase verlassen“, kündigte Aerions Entwicklungschef Mike Hinderberger auf der Geschäftsreiseflug-Messe NBAA in Las Vegas vergangenen November an. Aerion war die letzten Jahre zwar immer mit seinem Entwurf eines Überschalljets auf der NBAA vertreten gewesen, doch so gute Neuigkeiten wie im vergangenen Jahr hatte die Firma aus Reno in Nevada noch nie im Gepäck: Die kanadische Chartergesellschaft Flexjet erteilte einen Festauftrag über 20 Überschall-Geschäftsreiseflugzeuge des Typs Aerion AS2 und ist damit Erstkunde. „Die Entwicklung der AS2 schreitet in beeindruckender Weise voran“, sagt Kenn Ricci, Vorsitzender von Flexjet. „Wir freuen uns, unseren Kunden bald Überschallflüge bieten zu können.“ Wie ernst es beiden Seiten ist, zeigt die Tatsache, dass die Kanadier eine nicht erstattbare Vorauszahlung geleistet haben – in welcher Höhe, blieb jedoch offen. Der Listenpreis für den Business Jet beträgt 120 Millionen Dollar. Die Auftragsbücher für die Neuentwicklung sind erst im vergangenen Mai geöffnet worden.

Geht es nach Aerion, sollen eilige Geschäftsleute ab 2023 erstmals seit dem Ende der kostspieligen Concorde vor über zehn Jahren wieder in den Genuss des Überschallfluges kommen. Die Anfänge des Herstellers reichen weit zurück. Bereits in den 1990er Jahren begann das Vorgängerunternehmen ASSET (Affordable Supersonic Executive Transport) mit der Entwicklung von effizienten Tragflächen für den Überschallflug. Hier liegen nach Ansicht von Aerion die größten Defizite der Concorde. Das Ergebnis der Entwicklung ist auch das Schlüsselelement, warum die AS2 trotz der hohen Geschwindigkeiten mit niedrigem Widerstand fliegen soll: Supersonic Natural Laminar Flow (SNLF) heißt die Technologie, die dafür sorgt, dass die Strömung über den Tragflächen nicht turbulent wird. Um die Jahrtausendwende fanden in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Weltraumbehörde NASA erste Testflüge statt, die das Ergebnis bestätigen sollten.

Das rief den Millionär und Investor Robert M. Bass auf den Plan, der viel Potenzial in SNLF sah. Im Jahr 2002 erwarb er ASSET samt Patenten. Er formte daraus die Aerion Corporation, um die Überschalltechnologie kommerziell zu nutzen. Im Lastenheft stand die Entwicklung eines effizienten Business Jets mit einer Reisegeschwindigkeit um Mach 1.5 und Platz für etwa zehn Passagiere. Das Projekt wurde Aerion SBJ (Supersonic Business Jet) getauft.

Die Wirtschaftskrise in den Jahren um 2008 war nicht unschuldig daran, dass es bis zur EBACE-Messe 2014 ruhig wurde um Aerion. Bis dahin habe das Unternehmen nach eigenen Angaben über 100 Millionen Dollar in die Technologien investiert. In Genf stellte das Unternehmen nach intensiven Marktforschungen die heutige, größere Konfiguration seines Business Jets, namentlich AS2, vor. Es sei das Ergebnis von umfangreichen Marktforschungen und Gesprächen mit potenziellen Kunden. Markanteste Neuerung des Entwurfs ist dabei die Umstellung von zwei auf drei Triebwerke. Das soll insbesondere die Performance auf kurzen Startbahnen sowie die Geräuschemissionen verbessern.

Zuvor hatte Aerion das Pratt & Whitney JT8D vorgesehen, das sich aufgrund seines geringen Nebenstromverhältnisses mit wenigen Modifikationen für den Überschalleinsatz geeignet hätte. Es stellte sich jedoch als veraltet dar, debütierte das JT8 doch vor 50 Jahren an den Urversionen der Boeing 727 und 737 und hat seither nur wenige Änderungen erfahren. In der ersten Jahreshälfte 2016 möchte sich Aerion auf einen moderneren Antrieb festlegen.

Die Reichweite der AS2 soll bei 5000 Nautischen Meilen liegen, also knapp über 9000 Kilometern. Das ermöglicht Nonstop-Flüge auf den typischen Transatlantikstrecken bis hin zur Route London – Seattle. Aerion verspricht, dass die AS2 bei typischen Startmassen von nahezu allen wichtigen Flughäfen mit Bahnlängen um 1500 Meter starten kann.

Unterstützung von Airbus

Markenzeichen der AS2 ist ihr Geschwindigkeitsspektrum: Die Höchstgeschwindigkeit wird mit etwa Mach 1.5, also dem Eineinhalbfachen der Schallgeschwindigkeit, veranschlagt, die optimale Reisegeschwindigkeit mit etwa Mach 1.4. Für einen Transatlantikflug sprechen die Amerikaner von einer Zeitersparnis von etwa drei Stunden gegenüber herkömmlichen Flugzeugen. Ein Flugplaner auf der Homepage des Herstellers verspricht für einen Flug von New York ins australische Sydney, mit einem Tankstopp auf Hawaii, eine Ersparnis von nahezu sechs Stunden. Über Land, wo Überschallflug verboten ist, liege das Effizienzmaximum des Jets nur knapp unterhalb der Schallgeschwindigkeit, bei Mach 0.95. Im Rahmen der Zertifizierung erhoffen sich die Ingenieure eine Aufhebung des Überschallverbots über den USA. Dann nämlich könnte die AS2 mit Mach 1.2 über die Staaten fliegen, ohne dass die Bevölkerung unter dem typischen Überschallknall zu leiden hätte. Dieser wäre in einer Flughöhe von 15 000 Metern so schwach, dass er den Erdboden nicht erreichen würde.

Der Treibstoffverbrauch soll dank SNLF im Rahmen bleiben – die kurzen, relativ schwach gepfeilten und sehr dünnen Tragflächen ermöglichen im Zusammenspiel mit dem schmalen Rumpf eine optimale Umströmung, die widerstandsträchtige Verwirbelungen vermeidet. Ein ausgefeiltes Klappensystem soll die Anfluggeschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Business Jets nur um etwa 20 Stundenkilometer steigen lassen. Entwickelt wurde dieses Design anhand aufwendiger Simulationen, wofür 2012 das Unternehmen Desktop Aeronautics übernommen und in Aerion Technologies umbenannt wurde.

Die Kabine von Aerions Erstlingswerk wird neun Meter lang sein und bei einer Höhe von 1,89 Metern Platz für bis zu zwölf Passagiere bieten. Maßstab für die Gestaltung der Kabine seien die aktuellen Langstrecken-Jets. Eine Küche sowie zwei Toiletten sind ebenfalls an Bord. Für die Ausstattung zeichnet Inairvation verantwortlich, ein Joint-Venture, an dem auch Lufthansa Technik beteiligt ist.

Im Zuge einer Kooperation schickte die Rüstungs- und Raumfahrtsparte von Airbus bereits im Jahr 2014 Ingenieure in die USA, die ihr Know-How in die Entwicklung einbringen sollen. Im Gegenzug erhält Airbus Zugang zu Aerions Forschungsergebnissen im Bereich Überschallströmung. Diese Zusammenarbeit wurde im vergangenen November weiter ausgebaut. Künftig arbeiten auch Mitarbeiter der US-Tochter Airbus Group Inc. an der AS2. Wie das Unternehmen bekannt gab, werden die digitale Fly-by-Wire-Flugsteuerung, das Tanksystem, das Fahrwerk sowie Teile des Rumpfes von Airbus entwickelt. Die Suche nach einer Produktionsstätte in den USA hat Aerion bereits eröffnet, denn trotz der Entwicklungshilfe wird Aerion auch künftig als Hersteller der AS2 auftreten.

Für Ken McKenzie, Strategie- und Entwicklungsvorstand bei Airbus Inc., wird das Projekt des zivilen Überschallflugs konkret: „Wir sehen klare und erreichbare technische Lösungen für die Umsetzung des Projekts.“ Das gleicht schon fast einem Ritterschlag.

Technische Daten

Aerion AS2

Allgemeine Angaben

Hersteller: Aerion Corporation
Besatzung: 2
Antrieb: 3
Schub: 3 x ~ 66,72 kN (15 000 lbs)

Abmessungen

Länge: 51,8 m
Höhe: 6,7 m
Spannweite: 18,6 m
Flügelfläche: 125 m²
Kabinenhöhe: 1,9 m
max. Kabinenbreite: 2,2 m

Massen

maximale Abflugmasse: 54 884 kg
Betriebsleermasse: 26 218 kg

Flugleistungen

Startstrecke mit MTOW: 2286 m
maximale Reisegeschwindigkeit  Mach: 1.5   
Langstrecken-Reisegeschwindigkeit: Mach 0.95 / Mach 1.4
maximale Reichweite: 9816 km / 8797 km*
Dienstgipfelhöhe: 15 545 m  

FLUG REVUE Ausgabe 04/2016



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