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Die Flugzeugträger-Legende

USS "Enterprise": Der berühmteste Carrier der US Navy

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Trotz aufwändiger Modernisierungen neigte sich 2010 die Karriere des ersten nukleargetriebenen Flugzeugträgers der Welt dem Ende zu. Wir waren bei der vorletzten Einsatzfahrt an Bord der „Big E“ im nordarabischen Meer dabei.

Die Flugzeugträger-Legende USS "Enterprise"

Hinter dem schweren Stahlschott scheint die Hölle zu beginnen, zumindest was die ohrenbetäubende Geräuschkulisse angeht - von den gut und gern 50 Grad Celsius auf dem Flugdeck und der unbarmherzig scheinenden Sonne ganz abgesehen. Die laufenden Motoren der C-2A Greyhound werden ohne Probleme von den Jettriebwerken der Super Hornets übertönt. Im Gänsemarsch geht die Kolonne auf dem kürzesten Weg vom Ausgang aus dem Brückenturm zur Heckrampe des Transporters, streng beobachtet vom Deckpersonal, das darauf aufpasst, dass niemand über ein Kabel fällt oder in einen Propeller gerät. Nicht umsonst gilt das Flight Deck der USS „Enterprise“, des ersten nukleargetriebenen Flugzeugträgers der Welt, als einer der gefährlichsten Arbeitsplätze der Welt.

Vor dem Einstieg in den dunklen Laderaum des COD-Flugzeugs (Carrier Onboard Delivery) ist gerade noch aus den Augen-winkel zu erkennen, wie ein Seahawk-Hubschrauber vom Deck abhebt. In der of-fenen Seitentür prangt in einer Halterung ein Maschinengewehr, und das nicht von ungefähr. Der Carrier patrouilliert mit seinen Begleitschiffen im nordarabischen Meer und hat dort eine für einen Flugzeug-träger völlig neue Rolle übernommen, wie Captain Dee Mewbourne, Commanding Officer der USS „Enterprise“, dem FLUG REVUE-Redakteur auf der Brücke des Carriers erläutert. „Wir sorgen durch unsere Präsenz für maritime Sicherheit in diesem Bereich der Welt.“ Mit anderen Worten: Man kämpft gegen Piraten, was anmuten mag, als ob man mit Kanonen auf Spatzen schieße.

Der Einsatz hat aber durchaus seine Berechtigung: Piraten hatten beispielsweise Anfang Februar die amerikanische Yacht „Quest“ geentert und die vierköpfige Besatzung als Geiseln genommen. Die Navy entsandte die „Enterprise“ und drei weitere Schiffe der Carrier Strike Group Twelve. Die anschließenden Verhandlungen scheiterten jedoch, und die Piraten töteten die Geiseln. Daraufhin nahmen Navy-Spezialkräfte die Piraten fest, dabei wurden zwei Somalis tödlich verletzt. Erfolgreicher verlief die Abwehr eines Kaperversuchs eines philippinischen Frachters mittels Hubschraubern von der „Enterprise“ und der USS „Leyte Gulf“. „Wenn ein Schiff in Gefahr ist, können unsere Helikopter schnell dorthin gelangen, die Kommunikation auf-nehmen oder den Angriff direkt abwehren. Wir sind in der Lage, unsere Geschwindigkeit zu unserem Vorteil zu nutzen. Wir haben sogar schon F/A-18 Hornets zu Überflügen genutzt, um Stärke zu zeigen.“

"Red Rippers" und Co.: Das Carrier Air Wing One

Die Hauptaufgabe des Carrier Air Wing One im nordarabischen Meer liegt in den Einsätzen über Afghanistan im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“. „Wir führen derzeit 25 Prozent aller Luftnahunterstützungs-Missionen über Afghanistan durch”, sagt Captain Jeffrey Trent, Commander des CVW-1. Pro Woche sind das mehr als 100 Kampfeinsätze. Dafür stehen ihm 44 Hornets zur Verfügung: je elf F/A-18F der VFA-11 „Red Rippers“ und VFA-211 „Checkmates“, zwölf F/A-18E der VFA-136 „Knighthawks“ und zehn F/A-18C der VMFA-251 „Thunderbolts“ der US Marines. Letztere sind eine von derzeit drei Marines-Staffeln, die im Rahmen der so genannten taktischen Integration auf Flugzeugträgern Dienst tun. „Die Zahl wird mit der Einführung des Joint Strike Fighters steigen“, meint Trent. „Wir arbeiten zusammen als ein Team, wir fliegen zusammen, alle Missionen sind austauschbar.“ Ebenfalls wichtige Mitglieder des ersten Trägergeschwaders sind die vier EA-6B Prowler der VAQ-137 „Rooks“, die vier E-2C Hawkeyes der VAW-123 „Screwtops“ sowie die drei Seahawk-Varianten HH-60H und vier SH-60F der HS-11 „Dragonslayer“. Dabei ist das CVW-1 eines der ersten Trägergeschwader mit drei Super-Hornet-Staffeln statt wie bisher nur einer oder zwei.

Im Lauf der letzten Monate hat sich die Zusammenarbeit innerhalb des Geschwaders eingespielt. Die Vorbereitungen begannen schon im November vergangenen Jahres. Im Navals Strike Warfare Center in Fallon, Nevada, kam das CVW-1 dann erstmals zusammen. „Dort flogen wir rund fünf Wochen, unterbrochen von Aufenthalten auf See, um den Umgang mit dem Träger und der Deckbesatzung zu üben. Dies ging bis zu dem Punkt, an dem wir sieben Staffeln waren, die wie eine arbeitet, weil es einfach so sein muss. Es gibt keine Staffel, keine Einzelperson, keinen Flugzeugtyp, die all das alleine machen können.“ Trent verfügt dabei über eine sehr junge Besatzung: „Ungefähr 85 unserer 101 Piloten absolvieren hier ihre erste Einsatzfahrt.“

"Enterprise": ganz anders als die "Nimitz"-Klasse

Den Kopf einziehen muss der Katapukultbediener. Bei Start schießt die Tragfläche genau über seinen Kopf hinweg. Foto und Copyright: Patrick Hoeveler

Ob ihnen vor ihren Katapultstarts mulmig zumute ist? Eher nicht, denn im Gegensatz zu den Passagieren in der Grumman C-2 Greyhound haben sie eine gute Sicht nach draußen und müssen sich nicht an die entgegen der Flugrichtung angeordneten Sitze gewöhnen. Mit einem Ruck rollt der Turboprop an und macht sich auf den Weg zum Katapult. Gleich geht es in knapp zwei Sekunden auf rund 265 km/h. „It’s a fun ride“, lacht Trägergeschwaderchef und Hawkeye-Pilot Trent. Hier liegt auch einer der wenigen fliegerischen Unterschiede im Vergleich zur neueren „Nimitz“-Klasse: „Die ‚Enterprise’ hat noch die alten Katapulte, bei denen man einen Schuss Dampf bekommt, der einen durch den Start hebt. Bei den neueren Ausführungen herrscht eher eine konstante Beschleunigung, so dass sich der Vorgang anders anfühlt.”

Außerdem ist das Flugdeck der „Big E“ etwas kleiner. „Das erfordert viel Arbeit von der Decksbesatzung, um das Puzzle zusammenzufügen. Wir haben keinen überschüssigen Platz und müssen die Aufzüge öfter nutzen, um den Platzmangel auszugleichen“, meint Trent. Platz ist aber auch unter Deck noch mehr Mangelware als auf den „Nimitz“-Trägern, sei es bei den kleineren Speiseräumen, der beschaulichen Flugüberwachung (Pri-Fly) oder dem hoffnungslos unterdimensionierten Fitnessraum. Trotzdem fällt einem das Zusammengehörigkeitsgefühl der Besatzung immer wieder auf, wenn man durch das scheinbar kilometerlange Labyrinth der Gänge unter Deck läuft. Aber nicht nur das: Alles blitzt und blinkt, auf manchen Böden kann man sich fast spiegeln. „Die Crew fühlt sich dem Schiff verpflichtet“, sagt auch Kapitän Mewbourne. „Unsere Marine hat seit ihrer Gründung immer ein Schiff namens ‚Enterprise’ gehabt. Der Name ist symbolisch. Wenn man überlegt, dass unsere Marinefliegerei nun 100 Jahre besteht, ist die ‚Enterprise’ die Hälfte davon dabei gewesen. Wir schätzen, dass etwa 250000 Personen hier auf dem Schiff Dienst getan haben, und wir tragen diese Geschichte mit uns. Daher lautet unser Motto ,We are legend‘.“

Weitere Unterschiede

Die Ära der USS "Enterprise" ist seit Dezember 2012 zu Ende. Foto und Copyright: Patrick Hoeveler

Unterschiede gibt es bei den Abmessungen der Schiffe, denn die „Big E“ ist rund neun Meter länger und etwas schmaler. „Daher verhält sie sich etwas anders als die Flugzeugträger unserer ‚Nimitz’-Klasse. Wenn ich zum Beispiel die Leistung wegnehme, kommt das Schiff etwas mehr ins Rollen. Außerdem besitzt es vier statt zwei Ruder und dreht bei niedrigen Geschwindigkeiten sehr gut bei. Man kann engere Kurven als mit den Schiffen der ‚Nimitz’-Klasse fahren.“ Ein gravierender Unterschied liegt natürlich im Alter der „Big E“, immerhin ist sie das älteste aktive Kriegsschiff der US Navy. „Kein Schiff ist einfach in Schuss zu halten. Was man bei einem 50 Jahre alten Schiff bekommt, ist, denke ich, was man erwartet. Wir arbeiten hart daran, das Schiff in gutem Zustand zu halten.“ Trotzdem steigt der Aufwand der Instandsetzungen zwischen den Einsatzfahrten, so dass die „Enterprise“ Teilen der Marineführung aus finanziellen Gründen ein Dorn im Auge ist. Auf dem Schiff findet sich indes fast überall eine Mischung aus Alt und Neu, die nicht nur für Besucher den „Charme“ der „Big E“ aus-macht. Auf der Brücke steht zum Beispiel neben moderner Avionikausstattung ein alter, nicht mehr benutzter Kreiselkompass aus der Anfangszeit des Trägers.

Gefühlte 50 Jahre hat auch die Kabine der Greyhound auf dem Buckel, doch das interessiert die Passagiere momentan recht wenig. Die Beine fest auf die Rückenlehne des Vordermannes gepresst, geht das fast endlos scheinende Warten auf den Start los, doch in Wirklichkeit sind es nur wenige Sekunden. Der Ruf des Lademeisters ist bei dem Dröhnen der unter Volllast laufenden Motoren kaum zu hören. „Here we go!“ Mit einem tiefen „Bang!“ schießt die C-2 wie ein Geschoss vom Deck der „Enterprise“. Der Magen scheint zunächst an Bord des Trägers geblieben zu sein, doch nach einem kurzen Augenblick hat sich alles normalisiert. Fast gemütlich macht sich der Trans-porter auf den knapp vierstündigen Flug nach Bahrain, dem Stützpunkt der fünften Flotte der US Navy. Weniger gemütlich geht es derweil auf dem Deck der „Big E“ zu, innerhalb kürzester Zeit muss die Crew alles für die Landung der heimkehrenden Maschinen vorbereiten. Alltag auf einer Legende, die noch eine letzte Gnadenfrist erhalten hatte und erst im November 2012 von ihrer letzten Einsatzfahrt zurückkehrte. Am 1. Dezember 2012 wurde sie offiziell außer Dienst gestellt.

FLUG REVUE Ausgabe 10/2011

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