in Kooperation mit

Kalte Krieger vereint

Einzigartiger Flottenmix bei der polnischen Luftwaffe

7 Bilder

Früher standen sich Muster wie Su-22 und F-16 feindlich gegenüber, heute fliegen sie in Polen Seite an Seite. Das einmalige Kampfjet-Trio komplettiert die MiG-29. Aber auch bei den Transportern kommen immer mehr westliche Typen zum Einsatz.

Pfft – Mit einem lauten, pfeifenden Geräusch versorgt ein Lastwagen russischer Bauart die Suchoi Su-22 kurz vor dem Flugdienst mit Druckluft für das Bordsystem. Seite an Seite stehen die Jagdbomber auf der Vorstartlinie in Swidwin, fast wie in den Tagen des Eisernen Vorhangs. Doch nur zwei Tage später und einige Kilometer entfernt zieht ein US-Schlepper eine hochmoderne F-16C Block 52 aus der Shelterschleife. Wäre da nicht das rot-weiße Karo am Leitwerk, könnte man glauben, auf einer Basis der US Air Force zu stehen. Doch es handelt sich auch hier um einen Fliegerhorst der polnischen Luftstreitkräfte.

Beim Inventar der zur NATO gehörenden „Siły Powietrzne“ lautet das Motto nun „Klasse statt Masse“. Aus den zu Hochzeiten des Kalten Krieges rund 600 polnischen Kampfflugzeugen sind nun rund 130 geworden, allen voran die 48 F-16C/D des Baustandards Block 52+. Sie verfügen unter anderem über Sniper-Laserzielbehälter, Link-16-Datenlink, AIM-120- und AIM-9X-Flugkörper sowie JSOW-, JDAM- und Paveway-II-Bomben. In Poznan fliegen 32 der Fighting Falcons, die verbleibenden sind in Łask stationiert.
Den Stolz der Soldaten auf ihre neueste Errungenschaft zeigt die Zufahrt zur Basis in Łask: Während die meisten polnischen Fliegerhorste nur schwer zu finden sind, prangt hier schon an der Hauptstraße ein Wegweiser mit einem Bild des Jets. Oberstleutnant Dariusz Malinowski zeigt sich erfreut. „Als Staffelkommandant bin ich in einer sehr glücklichen Lage, denn ich verfüge über 16 Jets und derzeit zwölf Piloten. Wir haben zwar schon Anfang Oktober die jährliche Flugstundenzahl erreicht, aber es gibt in Polen mit der F-16 kein Problem mit Geldmitteln. Wenn wir mehr als vorgesehen fliegen wollen, können wir das.“

Die erste F-16 kam am 3. Oktober 2008 nach Łask. Zuvor lief die umfangreiche, aus nationalen sowie NATO-Mitteln finanzierte Modernisierung der Infrastruktur. Insgesamt errichtete man 58 neue Gebäude. Im Jahr 2012 soll der Verband für die NATO-Response Force einsatzbereit sein. Bis dahin liegt allerdings ein harter Weg vor den Piloten. Den Lernprozess mit dem Sniper-Pod von Lockheed Martin beschreibt der Oberstleutnant als ziemlich schmerzhaft: „Wir suchen daher den Kontakt zu einer Staffel der Royal Air Force, die ebenfalls über den Pod verfügt, um Erfahrungen auszutauschen.“ Auch der Aufklärungsbehälter Goodrich DB-110, von dem sieben Exemplare vorhanden sind, erfordere sehr viel Arbeit, um damit einsatzbereit zu sein. Aufgrund der Komplexität des Waffensystems kommen nur die besten Anwärter auf die F-16, und die sind gar nicht so einfach zu finden. „Selbst einige Piloten der MiG-29 und Su-22 erfüllen die körperlichen Voraussetzungen nicht“, sagt Malinowski. Außerdem müssen die Kandidaten einen englischen Sprachtest bestehen, denn während der Briefings und in der Luft wird ausschließlich englisch gesprochen.

Russische Muster bleiben aktiv

Im Kalten Krieg hatte die Fighting Falcon noch Mustern wie der Su-22 gegenübergestanden. Die „Siły Powietrzne“ verfügt noch über rund 40 Ein- und Zweisitzer der „Fitter“, die in jeweils einer Staffel in Miroslawiec und Swidwin fliegen. Mangels Mittel für einen Ersatz könnten sie nun länger als - wie bisher geplant - 2012 aktiv bleiben. Laut eines technischen Offiziers in Swidwin wäre eine Verlängerung bis 2018 möglich.

Mindestens so lange dürften auch die überholten MiG-29 durchhalten. In der 41. elt fliegen hauptsächlich die aus Deutschland übernommenen MiG-29. „Unsere Hauptaufgabe liegt in der Luftraumüberwachung“, erläutert Major Artur Kalko, stellvertretender Kommandeur der Staffel. „Die Bewaffnung ist für luftpolizeiliche Aufgaben noch gut, aber uns fehlt eine Waffe mit größerer Reichweite.“ Dafür lobt er die Kombination von AA-11-Archer-Flugkörper und Helmvisier. „Was sich außerdem bei diesem Flugzeug als sehr schön erweist, ist das Schub-Gewichts-Verhältnis von 1,1 zu 1.“ Als nicht so gut erachtet er dagegen die alte Avionik und das Radar sowie die hohe Arbeitsbelastung im Cockpit und die geringe Reichweite. Über mangelnde Praxis kann sich der Major indes nicht beschweren: „Letztes Jahr haben die meisten meiner Piloten rund 100 Stunden absolviert.“ Angesichts von gerade einmal 18 Maschinen im Bestand keine schlechte Leistung.

Hercules statt Antonow

Selbst von solchen Zahlen ist das dritte Transportgeschwader in Powidz noch weit weg. Bis 2008 flogen hier noch Su-22, jetzt bevölkern gerade einmal zwei C-130 Hercules und drei PZL M-28 die riesige Basis mit ihren zwei Runways (3500 und 2700 Meter lang). Einsätze im Irak, im Tschad und in Afghanistan hatten gezeigt, dass die Transportfähigkeiten der polnischen Luftstreitkräfte verbessert werden mussten, die bis dahin nur über die mittlerweile außer Dienst gestellten Antonow An-26 verfügt hatten. Fünf gebrauchte C-130E der USA Air Force sollen Abhilfe schaffen, die das Unternehmen L3 Communications in Waco, Texas, modernisiert und mit einem überarbeiteten Flügelmittelstück ausstattet. Die erste davon landete am 24. März 2009 in Powidz, die weiteren Exemplare lassen jedoch auf sich warten. Als Kompensation erhalten die Polen drei geliehene C-130E aus Ramstein, von denen die erste am 2. No-vember 2009 direkt aus Deutschland einflog.

Die neunmonatige Ausbildung der Besatzungen findet unter anderem bei der Nashville Air National Guard statt. Im Oktober waren fünf Besatzungen fertig, wie Leutnant Marcin Wiktorowski erläutert. „Wir fliegen zwei Mal pro Woche, wie unsere US-Kollegen in Ramstein auch“, meint der Pilot. Auf Hochtouren läuft derweil auch der Umbau des Fliegerhorstes. Der neue Tower ist bereits fertig, eine Wartungshalle für zwei C-130 soll Ende 2011 folgen. Je nach Finanzstatus könnten die Maßnahmen Ende 2012 abgeschlossen sein.

Vom Budget hängt auch die Modernisierung der Regierungsflotte ab. Für die Beförderung von hochrangigen Politikern und Militärs nutzt das in Warschau beheimatete 36. Special Air Regiment eine breitgefächerte Flotte, die auf je zwei Flugzeug- und Hubschraubertypen standardisiert werden soll. Derzeitige Flaggschiffe sind zwei Tu-154M, von denen sich eine gerade zur Überholung in Russland befindet. Ganz oben auf der Ablösungsliste stehen die vier seit 1974 aktiven Jakowlew Jak-40. Vielleicht in zwei Jahren könnten sie durch zwei bis drei von Lot geleasten Embraer 175 ersetzt werden. Dann wäre ein weiterer Zeuge des Kalten Kriegs im verdienten Ruhestand.

FLUG REVUE Ausgabe 01/2010

Top Aktuell Spannende Touren zu den besten Airshows der Welt FLUG REVUE Leserreisen 2019
Beliebte Artikel Alle Fakten Lockheed F-16 Fighting Falcon Kampfflugzeug-Arsenal Top 10: Die größten Luftmächte der Welt
Stellenangebote Der Baden-Württembergische Luftfahrtverband stellt ein Referent für Aus- und Fortbildung, Flugsicherheit und Sport (m/w/d) gesucht OFD sucht Pilot Jetzt bewerben – Pilot gesucht! OFD sucht Pilot (m/w/d) RUAG sucht Flugzeugmechaniker Jetzt bewerben RUAG sucht Flugzeugmechaniker F/A-18 (m/w)
Anzeige