11.07.2016
Erschienen in: 07/ 2016 FLUG REVUE

Probleme und PerspektivenLuftwaffe mit vielen Baustellen

Vor 60 Jahren begann die Aufstellung der Luftwaffe, die sich seither immer wieder neuen Herausforderungen stellen musste. Eine Verbesserung der Einsatzbereitschaft und Neubeschaffungen in wichtigen Bereichen sollen es möglich machen, auch künftig auf die sich oft rasch ändernden Anforderungen der Politik zu reagieren.

Desaströs schlechte Zahlen bei der Verfügbarkeit vieler Waffensysteme sowie enorme Verzögerungen und Probleme bei der Einführung neuer Muster haben der Luftwaffe in jüngster Zeit jede Menge Negativschlagzeilen beschert. Dazu kam die Belastung durch den anhaltenden Einsatz in Afghanistan und neuerdings im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat in Syrien und dem Irak. Auch im Jubiläumsjahr, das unter anderem mit Flugtagen am 11. Juni in Neuburg und Hohn gefeiert wird, gibt es also viel Arbeit für die Führung. Es gilt die Luftwaffe auf Kurs zu halten und für die Zukunft fit zu machen.

Ziel ist es dabei, den politischen Entscheidungsträgern einen „wohl sortierten Instrumentenkasten“ zur Verfügung zu stellen, mit dem Deutschland auf die sich oft rasch wandelnde sicherheitspolitische Lage reagieren kann. Die Fokussierung auf Auslandseinsätze, wie sie sich seit über einem Jahrzehnt der Präsenz in Afghanistan manifestiert hat, wird seit dem Ukraine-Konflikt abgelöst von der Erkenntnis, dass auch die Bündnisverteidigung nicht vernachlässigt werden darf. Und natürlich ist die Luftwaffe bei Katastrophen aller Art immer schnell bei humanitären Hilfseinsätzen gefordert.

Alle Ressourcen immer nur auf die gerade aktuellen Einsatzanforderungen zu konzentrieren ist somit nicht der richtige Weg. „Angemessene Breite bei differenzierter Tiefe“ lautet aus Sicht von Generalleutnant Karl Müllner, dem Inspekteur der Luftwaffe, das Motto. Was nicht heißt, dass nicht innerhalb der NATO eine bessere Koordination der Partner zum Beispiel beim Lufttransport (European Air Transport Command) oder künftig bei der Luftbetankung viel Sinn macht. Auf eine Europäische Armee braucht man jedoch angesichts des gegenwärtigen Zustands der Europäischen Union nicht zu hoffen. So gilt es, die Einsatzbereitschaft der vorhandenen Kräfte wieder auf ein akzeptables Niveau zu bringen und die Folgen jahrelanger Unterfinanzierung zum Beispiel bei der Ersatzteilversorgung zu beseitigen. So genannte „Task Forces“ für Flugzeuge und Drehflügler wurden eingesetzt, aber die aufgelaufenen Mängel haben die unterschiedlichsten Ursachen und werden sich realistisch betrachtet erst mittelfristig beheben lassen.

Manches Problem hat sich erst durch die unsäglichen Verzögerungen und Schwierigkeiten bei der Einführung neuer Muster ergeben. Weil zum Beispiel beim Airbus A400M immer neue Pannen offenbar werden, muss mindestens ein Teil der 50 Jahre alten Transall-Flotte noch bis 2021 in Dienst bleiben. Vielleicht ist sogar die Beschaffung einer Überbrückungslösung notwendig. Das Geld dafür fehlt dann an anderer Stelle.

Neben der Erledigung der aktuellen Hausaufgaben darf die Luftwaffe angesichts oft langwieriger Beschaffungsentscheidungen und Entwicklungszyklen den Blick in die Zukunft aber nicht vergessen. Um einer Überalterung vorzubeugen, ist zum Beispiel die Ablösung des Transporthubschraubers CH-53G im nächsten Jahrzehnt notwendig. Hier kommt wohl nur der Kauf von aktuellen US-Mustern wie CH-47 Chinook oder CH-53K King Stallion in Betracht.

Unbemannte Systeme werden unverzichtbar

Ebenfalls benötigt wird aus Sicht der Luftwaffe ein neues Taktisches Luftverteidigungssystem (TLVS), das die Patriot ablösen soll. Diesbezüglich wird derzeit mit dem MEADS-Konsortium (Lockheed Martin und Airbus Defence & Space) über die Details eines Entwicklungsvertrags verhandelt. Nicht einfach, denn aufgrund der schlechten Erfahrungen mit anderen Rüstungsprojekten soll endlich das Risiko minimiert und der Industrie überlassen werden.

Um nach dem Einsatz der gemieteten Heron I in Afghanistan und vielleicht demnächst in Mali weiter im wichtigen Bereich der unbemannten Flugsysteme am Ball zu bleiben, wird eine Mietlösung auf Basis des Heron TP von Israel Aerospace Industries angestrebt. Das bewaffnungsfähige Turboprop-Muster muss wohl bis mindestens Mitte der 2020er Jahre genutzt werden. Vorher ist nicht mit der Verfügbarkeit eines neuen europäischen Modells zu rechnen.

Noch weiter in die Zukunft reichen Pläne für UCAV. Unbemannte Kampfjets werden aber aus Sicht der Luftwaffe auch in Zukunft nur gemeinsam mit bemannten Fightern in einem Verbund eingesetzt werden. Der Eurofighter, der derzeit nur für die Luftkampfrolle ausgerüstet ist, hat also noch viele Einsatzjahre vor sich. Er muss wie in anderen Nutzerstaaten auch verbesserte Systeme und neue Bewaffnung für Angriffseinsätze erhalten – ein Prozess, der wie so viele Pläne von der Verfügbarkeit entsprechender Haushaltsmittel abhängt.

FLUG REVUE Ausgabe 07/2016



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