04.10.2017
FLUG REVUE

Beginn der Raumfahrt vor 60 JahrenDer Sputnik-Schock

Vor sechzig Jahren ertönte in der Nacht vom 4. Oktober 1957 das erste Signaltonzeichen von Sputnik aus dem Himmel und läutete eine neue Ära für die Menschheit ein.

Sputnik-1

Sputnik-1 (Foto: via NASA).  

 

Der Start von Sputnik-1 am 4. Oktober 1957 um 19:28:34 GMT (5. Oktober Ortszeit) von einer großen Startrampe in Baikonur bedeutete den Beginn des "Space Age" und schürte den Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten im Weltraum, der mehr als ein Jahrzehnt lang eine beispiellose Leistung bringen sollte.

Das Ziel, einen künstlichen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen, war für die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft schon seit einiger Zeit ein Ziel und hat das Internationale Geophysikalische Jahr 1957-58 inspiriert, aber der erfolgreiche Start durch die Sowjetunion kam als Schock, und der Empfang des Signals weltweit war ein unumstößlicher Beweis für ihren Erfolg.

Auch die FLUG REVUE widmete sich natürlich diesem epochalen Ereignis. Unter anderem erschien im November-Heft 1957 diese mehr politische Betrachtung von Manfred Jäger:

"Raketenfieber"

Sputnik-1 Montage

Sputnik-1 Montage (via ESA).  

 

(FLUG REVUE – November 1957) Aus der Grenzzone zum Weltall zirpen die Funksignale des Sputnik. Der kleine russische Erdtrabant hat die ganze westliche Welt aus dem Tritt gebracht. Was die Nachricht über die erfolgreiche Erprobung einer interkontinentalen Raketenwaffe durch die Sowjetunion nicht vermochte, das hat eine eigentlich harmlose kleine Kugel mit Meßinstrumenten erreicht: die tiefe Beunruhigung weiter Schichten der Bevölkerung.

Damit zeigt sich wieder einmal, wie sehr der technische Fortschritt dem Begriffsvermögen einer selbstzufriedenen, von Bequemlichkeiten aller Art erfüllten Welt enteilen kann.

Die Unsicherheit, mit der zuständige Stellen auf das Ereignis reagierten, die zum Teil unsinnigen Spekulationen und Kalkulationen, die an Hysterie grenzenden Schlagzeilen einer gewissen Presse, und die Fehlinterpretationen der Äußerungen von Fachleuten und Spezialisten sind insgesamt Zeichen dieses läßlichen Denkens.

Denn es lag durchaus im Bereich des Möglichen, daß der erste "künstliche Mond" nicht den Roten Stern, sondern den Stempel "made in USA" hätte tragen können ...

Wir wollen rekapitulieren: Beim 6. Internationalen Astronautischen Kongreß 1955 in Kopenhagen waren es die Amerikaner, die auf Weisung ihres Präsidenten Eisenhower einer erstaunten Öffentlichkeit Einzelheiten über das Meßsatelliten-Projekt „Vanguard“ bekanntgaben - ein Projekt, über das schon Jahre zuvor Gerüchte umgegangen waren. Kurz nach der sensationellen Mitteilung ließen die sowjetischen Kongreßteilnehmer zu einer Pressekonferenz in die sowjetische Botschaft bitten, wo sie ihrerseits eröffneten, daß auch in der Sowjetunion am Bau eines ähnlichen Erdtrabanten gearbeitet werde.

Schließlich wurden beide Projekte in das Programm des Internationalen Geophysikalischen Jahres aufgenommen, wobei der Zeitpunkt der Starts offengehalten wurde.

In Freudenstadt trafen dann die Beteiligten bei der Internationalen Tagung des Instituts für Physik der Strahlantriebe im Februar 1956 wieder zusammen. Dr. Porter sprach in launigen Worten über "M-M-M", was in diesem Falle nicht "Marilyn Monroe-Miller" hieß, sondern "man-made moon", also „vom Menschen geschaffener Mond". Der russische Professor Sedow, ein für das sowjetische Satellitenprojekt mitverantwortlicher Wissenschaftler, aber sprach über ein interessantes Problem der Überschallströmung am Einlauf eines Staustrahltriebwerks.

Seither ist auch weiterhin über "Vanguard“ sehr viel und über das russische Gegenstück sehr wenig geredet und gedruckt worden. Für das amerikanische Projekt war die Publicity wohl notwendig. Wegen der Bewilligung der Gelder. In der Sowjetunion gibt es derartige Überlegungen nicht. Wir wissen es jetzt: die Sowjets haben die einmalige psychologische Chance erkannt und genutzt. Welche Anstrengungen personeller und materieller Art hinter dem geglückten Start des Sputnik liegen, ist uns nicht bekennt. Für die Beurteilung der Wirkung ist diese Frage auch nicht mehr wesentlich. Das Ganze erinnert an ein Fußballspiel, bei dem die eine Mannschaft betörend schön in Stellungsspiel und Ballbehandlung agierte, während die andere Elf zwar primitiveren aber zweckmäßigeren Fußball spielte. Am Ende entscheiden allein die Tore: und in unserem Fall heißt es unmißverständlich 1 : 0 für den Überraschungssieger Sowjetunion.

Von amerikanischer Seite war zuerst geplant, den Satelliten über die Pole kreisen zu lassen. Dabei hätte sich die ganze Erde unter seiner Flugbahn weggedreht und damit auch das Gebiet der Sowjetunion. Weil man aber kein politisches Porzellan zerteppern wollte, wurde eine neue Flugbahn mit einer verhältnismäßig flachen Neigung zum Äquator gewählt. Das zu überfliegende Gebiet beschränkte sich damit auf einen Streifen beiderseits des Äquators, der das sowjetische Hoheitsgebiet lediglich berührte. Die Russen sahen sich nicht zu einer ähnlichen Rücksichtnahme verpflichtet. Die Bahn des Sputnik ist zwar auch zum Äquator geneigt - aber steiler, so daß sie eigentlich nur die beiden Polkappen ausschließt.

Großer Propagandaerfolg für die Sowjetunion

Was für eine guten politischen Griff die Planer des Sputnik getan haben, geht aus der Äußerung eines mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung seines Heimatlandes eng vertrauten Amerikaners hervor. Dieser Mann sagte sinngemäß: Wir Amerikaner haben sehr viel für Sport übrig und haben es von dorther gelernt, auch einmal anständige Verlierer zu sein. Wir wissen auch, daß wir gleichziehen können - beim nächsten Match. Was dem Mann auf der Straße aber die Courage abgekauft hat, ist in diesem Fall etwas ganz anderes. Nämlich: daß ein Sowjetsender die Nachricht ausstrahlen kann: "Bewohner von Kansas City, morgen um 18.03 Uhr steht der russische Satellit über eurer Heimatstadt!“ Punktum. Und - daß die Sache stimmt.

Man muß dabei bedenken, daß die Unberührbarkeit seines Landes dem Durchschnitts-Amerikaner bisher als Eckpfeiler des Sicherheitsgefühls gedient hat. Die Erschütterung dieses tragenden Pfeilers hat den tiefen Schock ausgelöst. Von dieser Sicht aus werden wir Europäer die weiteren Auswirkungen in den USA beurteilen müssen. Die Vertrauenskrise reicht plötzlich bis ins Weiße Haus,

Eigentlich hätte man alles voraussehen können. Die Russen kündigten die Fertigstellung ihres Projektes rechtzeitig an. Sogar in westlichen Fachzeitschriften wurde der Start für Ende September angegeben. Es war bekannt, daß die russischen Radio-Amateure bereits im Juli seitens des Elektronischen Instituts der Moskauer Akademie der Wissenschaften aufgefordert wurden, mit dem Institut zwecks näherer Angaben über die ins Auge gefaßten Funksignale der Satelliten Fühlung aufzunehmen.

Wir haben mit der Tatsache - wenn auch nicht zu diesem frühesten Zeitpunkt - gerechnet. Von amtlicher sowjetischer Seite war darauf hingewiesen worden, daß der Start zwischen Herbst 1957 und Frühjahr 1958 zu erwarten sei. Was wir aber von vornherein bedauert haben, war der Umstand, daß das lange vorbereitete amerikan ische Projekt - trotz seiner unbestreitbaren psychologischen Möglichkeiten - bei den im Endstadium aufgetretenen Schwierigkeiten so wenig Unterstützung fand und im Rahmen der beengten Möglichkeiten nur unter Zeitaufschub nicht vor April 1958 zum Abschluß gebracht werden kann. Damit überließ man doch der "Konkurrenz  mehr oder weniger kampf los das Feld.

Wir wollen ruhig zugeben: auch wir wurden von der Heftigkeit der Sputnik-Reaktion erfaßt. Schon spricht man von "Raketen-Diplomatie“. Regierungen überprüfen ihre vertraglichen Bindungen auf die Konsequenzen, die aus den Ereignissen zu ziehen sind. Es ginge über den Rahmen dieser Zeilen hinaus, wollten wir nun die äußerst komplizierte technische Seite beleu chten. Es geht um den Kernpunkt: der ganze Westen lebt im Raketenfieber. Fieber ist aber ein Zeichen dafür, daß in einem Organismus irgend etwas nicht ganz stimmt.

Konzentration der Kräfte notwendig

Wir wiederholen hier nur, was von verantwortungsbewußten amerikanischen Fachleuten schon vor Jahren gesagt wurde. Nämlich: daß auch ein Land mit den Möglichkeiten Amerikas sich einfach den Luxus einer mehrgleisigen Entwicklung, eine Verzettelung der Mittel und Möglichkeiten, und Rivalitäten zwischen interessierten Waffenzweigen und Industriegruppen im Angesicht der heutigen Situation nicht mehr leisten kann.

Der Raketenstreit im Pentagon und die Flucht in die Öffentlichkeit, mit der ein amerikanischer Raketen-Oberstleutnant bewußt ein Kriegsgerichtsverfahren gegen sich heraufbeschwor, waren sichtbare Zeichen, daß nicht alles stimmt.

Kein Wunder, wenn nun das amerikanische Volk und seine Verbündeten sich plötzlich ernüchtert fragen: Muß das sein, daß bei uns nur geplant, gestritten und - eine Chance nach der anderen verbummelt wird, während Rußland handelt?

Wir liebäugeln hier nicht mit den Methoden einer autoritären Staatsführung. Wir glauben an die Demokratie. Zum Wesen der Demokratie gehört aber die Mitverantwortung.

Wir sollten unsere Politiker mehr darauf an sehen, wie sehr sie nach in der Lage sind, die Dinge, die sie mitbestimmen und die sie mit ihren Entscheidungen fördern oder blockieren, auch zu verstehen! Politik an sich gibt es nicht mehr. Jeder wissenschaftliche und technische Fortschritt ist heute dazu angetan, politisch zu werden - wirtschaftspolitisch oder militärpolitisch.

Und damit bleibt nur eins: die Politiker werden um technische Lektionen nicht herumkommen und die Wissenschaftler und Techniker werden politisch denken lernen müssen. Mehr als bisher!

Das ist die Nutzanwendung der Botschaft, die ein russischer Erdtrabant neben den Code-Signalen unmißverständlich ausstrahlt.




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