27.12.2018
FLUG REVUE

Smarte AvionikCockpits nach dem Vorbild Apple

Avioniklösungen als Apps, Sprachassistenten für Piloten und virtuelle Realität: Hersteller von Hard- und Software gehen bei der nächsten Cockpitgeneration ganz neue Wege. Übernimmt bald "Siri" das Kommando?

Smarte Avionik für das Cockpit der Zukunft

GE Aviation entwickelt mit Industrie- und Forschungspartnern das "Offene Cockpit". Das Konzept sieht vor, dass auch Drittanbieter Software-Upgrades via Appstore beisteuern können. Foto und Copyright: Ulrike Ebner  

 

Keine Knöpfe und Drehregler, keine festverbauten Monitore. Nur ein Steuerknüppel und ein am Pilotenhelm befestigtes Display. So stellt sich der britische Luftfahrt- und Rüstungskonzern BAE Systems das Cockpit der Zukunft vor, das vielleicht schon in seinem Entwurf für den Kampfjet der nächsten Generation, Tempest, zum Einsatz kommen könnte. Dreht der Pilot die Hände, erscheinen vor seinen Augen Menüpunkte, die er durch einen Fingertipp ins Leere anklicken kann. So erhält er Informationen über seine Staffel oder die Umgebung. Blickt er nach oben oder unten, sieht er durch sein Flugzeug hindurch und erkennt Bedrohungen schneller. Dabei können echte Aufnahmen einer Außenkamera mit synthetischen Bildern aus Datenbanken verschmolzen werden. Die Anordnung der Anzeigen ist individuell konfigurierbar.

Cockpit-Software aus dem Appstore

Smartes Cockpit von BAE Systems mit Virtual Reality

BAE Systems stellte in Farnborough 2018 sein virtuelles Cockpit mit Gestensteuerung und VR-Brille vor. Foto und Copyright: Ulrike Ebner  

 

Noch ist das virtuelle Cockpit Zukunftsmusik. Denn ob beispielsweise Gestensteuerung im Flug wirklich praktikabel ist, muss erst noch erprobt werden. Aber das Konzept von BAE Systems ist ein Vorgeschmack auf das, was kommen könnte. Denn die Anbieter von Hard- und Software für Cockpits wollen nicht nur Bedienung und Training vereinfachen sowie das Situationsbewusstsein der Piloten verbessern, sondern auch Gewicht sparen und die Entwicklung innovativer Avionik beschleunigen.
Letzteres soll durch eine Öffnung der Software erzielt werden, was einer Revolution gleichkommt. Bisher sind Cockpits geschlossene Systeme mit integrierten Anwendungen eines Anbieters. Änderungen und individuelle Anpassungen sind daher teuer und aufwendig, laut GE Aviation kann der Prozess bis zur Zulassung zwei Jahre und mehr dauern und zweistellige Millionenbeträge verschlingen. Für die Zukunft schwebt dem US-Luftfahrtkonzern daher ein Appstore-Konzept wie beim iPhone vor. „Wir wollen unseren Kunden eine Hardware-Plattform zur Verfügung stellen mit Software, auf der sie aufbauen können“, sagt Andrew Carlisle, Avionics Global Sales Executive von GE Aviation. Das bedeutet unter anderem, dass auch Drittanbieter Anwendungen bereitstellen können. Modifikationen sollen schneller möglich sein, weil nur die jeweilige Anwendung und nicht das komplette System geprüft und zugelassen werden muss. Dadurch, dass für Software-Upgrades nicht immer auch die Hardware ausgetauscht werden muss, soll das Ganze zudem günstiger werden. Bis es soweit ist, müssen aber noch einige Hürden, zum Beispiel in Sachen Cybersicherheit, genommen werden. GE Aviation rechnet mit der Einführung einer solchen offenen Avionik für Mitte der 2020er Jahre.

Endziel: autonomes Fliegen

Cockpit-Konzept von Thales

Thales setzt beim Nachfolger seines Avionics-2020-Konzepts auf permanente Konnektivität und künstliche Intelligenz. Foto und Copyright: Thales  

 

Eine andere Art der Öffnung von Cockpitsystemen verfolgt Thales. Dem französischen Technologiekonzern geht es darum, Informationen aus der Welt außerhalb des Flugzeugs mit Avionikdaten zu verknüpfen. Das wird durch die zunehmend verfügbare Konnektivität sowie größere Speicherkapazitäten an Bord begünstigt. Die so mögliche Echtzeitanalyse sieht Thales in Verbindung mit künstlicher Intelligenz als Basis für einen virtuellen Assistenten für Piloten, ähnlich wie die sprachgesteuerte Siri von Apple. Erste Bausteine dieses künftigen Cockpits könnten um 2025 eingeführt werden.
Bei GE Aviation sieht man die aktuellen Entwicklungen als entscheidenden Schritt: „Es wird einen Übergang vom Zwei- zum Ein-Mann-Cockpit geben“, ist Carlisle überzeugt. Peter Hitchcock, Vice President Commercial Avionics bei Thales, sieht die neuen Technologien zwar nicht als Pilotenersatz, zumindest vorerst. Stattdessen gehe es um eine Verbesserung von Qualität und Schnelligkeit von Entscheidungen. Aber: „Alle diese Technologien bringen uns weiter in Richtung autonomes Fliegen.“




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