05.08.2018
FLUG REVUE

Unfall am Piz SegnasAbsturz einer Ju 52 der Ju-Air fordert 20 Tote

Am Samstagnachmittag ist eine Ju 52 der Schweizer Ju-Air an der Westflanke des Piz Segnas verunglückt. Alle 17 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

Ju 52 Ju Air HB-HOT

Eine Ju 52 der Ju Air ist in der Schweiz abgestürzt (Foto: Ju Air).  

 


Die Ju 52 mit der Kennung HB-HOT war auf dem Rückweg von einer zweitägigen Erlebnisreise nach Locarno im Tessin. Sie startete laut Kantonspolizei um 16.10 Uhr auf dem Flugplatz Locarno-Magadino.

Im Anflug zum Piz Segnas (3099 m) stürzte das Flugzeug kurz vor 17 Uhr an der Westflanke in der Nähe des Martinslochs (Bergrücken der Tschingelhörner, bis 2849 Meter) auf einer Höhe von 2540 m ab. Hier ist das im Norden von einem etwa 2750 bis 2850 Meter hohen Kamm begrenzte Tal etwa 800 bis 1000 Meter breit

Bei dem Absturz kamen alle Flugzeuginsassen ums Leben, so die Kantonspolizei Graubünden. Es handelt sich um acht Paare aus den Kantonen Zürich, Thurgau, Luzern, Schwyz, Zug und Waadt, ein Paar mit dessen Sohn aus dem Bundesland Niederösterreich sowie die drei Besatzungsmitglieder aus den Kantonen Thurgau und Zürich.

Unter der Einsatzleitung der Polizei standen die örtlichen Feuerwehren, drei Privathelikopter, zwei Rega-Helikopter, die SAC-Rettungsstation Flims, die Schweizer Luftwaffe und das Care Team Grischun nach der Alarmierung am Samstag im Einsatz – insgesamt fast 100 Personen. Der Luftraum und das Absturzgebiet wurden gesperrt.

Die Ursache des Absturzes wird durch die Schweizer Bundesanwaltschaft in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST), der Staatsanwaltschaft Graubünden und der Kantonspolizei Graubünden untersucht. Da es keine Blackbox gibt, dürfte die Ursachenforschung schwierig werden.

Laut ersten Informationen der Kantonspolizei und der SUST ist die Ju 52 vermutlich nahezu senkrecht mit hoher Geschwindigkeit aufgeprallt. Es gab keinen Brand. Die Aussagen von Augenzeugen werden noch ausgewertet, hieß es auf der Pressekonferenz am Sonntagnachmittag, ohne dass Details genannt wurden. In einigen Schweizer Medien ist die Rede davon, dass die Ju eine 180-Grad-Kurve geflogen ist.

Die Ju 52 mit der Kennung HB-HOT wurde 1939 (vor 79 Jahren) gebaut und ist bis zum Unfall total 10187 Stunden geflogen, so die Ju-Air. Sie dürfte damit das älteste Flugzeug sein, dass je durch Absturz verloren ging.

Nicht zuletzt wegen ihres hohen Alters werden die Ju 52 der Ju-Air technisch streng kontrolliert. Sie müssen alle 35 Flugstunden gewartet werden. Die letzte reguläre Wartung der HB-HOT fand Ende Juli statt, so die Ju-Air. Die letzte Jahresüberholung wurde im vergangenen Winter durchgeführt. Es sind keine technischen Probleme mit diesem Flugzeug bekannt.

Absturzstelle Ju 52 August 2018

Die Absturzstelle der Junkers Ju 52 der Ju-Air am Piz Segnas am 4. August 2018 (Foto: Kantonspolizei Graubünden).  

 

Der Flug vom Samstag wurde wie gewohnt durch zwei Flugkapitäne durchgeführt. Die beiden Piloten sind ehemalige Linienpiloten und Piloten der Schweizerischen Luftwaffe, erklärte die Ju-Air.

Der eine Kapitän war 62 Jahre alt und mehr als 30 Jahre lang Linienpilot. Er flog mehr als 30 Jahre bei Swissair und Swiss, zuletzt als Kapitän auf Airbus A330 und A340. Bei der Schweizer Luftwaffe flog er insgesamt 28 Jahre als Militärpilot. Seit 2004 flog er regelmässig Ju 52 der Ju-Air. Er hatte auf dem Muster bereits 943 Flugstunden und war damit einer der erfahrenen Piloten der Ju-Air. Er hinterlässt seine langjährige Lebenspartnerin.

Der zweite Kapitän war 63 Jahre alt und seit 2013 bei Ju-Air; er hatte 297 Stunden Flugerfahrung auf der Ju 52. Er war 30 Jahre Militärpilot bei der Luftwaffe und mehr als 30 Jahre Linienpilot bei Swissair, Swiss und Edelweiss – zuletzt als Kapitän auf Airbus A330 und A340. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne.

Der Flight Attendant war 66 alt und hatte mehr als 40 Jahre Erfahrung als Flugbegleiter. Sie kam 2002 zur Ju-Air. Sie hinterlässt ihren Lebenspartner.

„Der 4. August 2018 ist der schwarze Tag in der Geschichte der Ju-Air», sagte Gründer und CEO Kurt Waldmeier, am Sonntag vor den Medien in Flims. „Wir sind tief traurig über den Unfall und denken an die 17 Passagiere, unsere drei Crewmitglieder und an die Familien und Freunde der Verunglückten. Wir sprechen ihnen unser tief empfundenes, herzliches Beileid aus. Wir alle haben einen sehr grossen Verlust erlitten.“



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