10.11.2017
Erschienen in: 11/ 2017 FLUG REVUE

AirportDrehkreuz Glasgow auf Wachstumskurs

Einst reiner Inlandsairport, arbeitet sich der idyllisch gelegene Flughafen von Schottlands größter Stadt, Glasgow, auf internationale Routen vor.

Hinter der Piste des Flughafens Glasgow ragen im Nordwesten die grünen Hügel der Campsies auf und verleihen dem Areal ein besonderes Flair. „Damit ergab sich die Möglichkeit für eine Gestaltung, die den Reisenden das Abenteuer des Fliegens von diesem besonderen Flughafen fühlen lässt“, schwärmte der Architekt Sir Basil Spence und entwarf hier 1966 sein brandneues Flughafenterminal ausgerechnet im Stil des „Beton-Brutalismus“.

Am 2. Mai 1966 landete das erste Flugzeug auf dem für 4,2 Millionen Britische Pfund auf einem Militärgelände erbauten Flughafen in Abbotsinch, 16 Kilometer westlich der Innenstadt. In den sechziger Jahren leistete sich Glasgow, heute eine 600 000-Einwohner-Stadt, mit Prestwick sogar noch einen zweiten Flughafen, rund 50 Kilometer südwestlich, der bereits für das Jet-Zeitalter ausgebaut worden war. Prestwick erhielt deshalb das Monopol für Trans­atlantikflüge, während der Glasgow Airport nur Flüge innerhalb Großbritanniens sowie innereuropäische Flüge abwickeln durfte. Am 27. Juni 1966 er­öffnete Queen Elizabeth II. die Anlage offiziell. 1991 wurde der staatliche Airport-Betreiber BAA privatisiert und verkaufte Prestwick, die Aufteilung endete. Sofort zog der gesamte Transatlantikverkehr nach Glasgow um, nach Prestwick gingen die Niedrigpreis-Airlines. Heute spielt sich auch dieser Verkehr vor allem am Glasgow Airport ab. Allein Ryanair, die seit 2014 Glasgow direkt anfliegt, bindet von hier rund 20 Ziele an. Neuerdings fliegt der Billiganbieter täglich auch nach Frankfurt/Main, zweiter Deutschland-Dienst neben der Verbindung nach Berlin-Schönefeld und auch von easyJet bedient.

Wettlauf mit dem Nachbarn Edinburgh

Im 50. Jahr seines Bestehens feierte Glasgow im vergangenen Jahr mit 9,3 Mil­lionen abgefertigten Passagieren einen Rekord. „Wir hoffen, dass wir 2017 die Zehn-Millionen-Grenze knacken“, sagt der leitende Flughafenplaner Paul White im Gespräch mit der FLUG REVUE.

Hauptkonkurrent für Glasgow ist Edinburgh an der Ostküste, eine gute Auto- oder Zugstunde entfernt. Dank der starken Anziehungskraft für Touristen und der Rolle Edinburghs als Finanzmetropole ist der dortige Flughafen zuletzt noch stärker gewachsen und verzeichnete 2016 insgesamt 12,3 Millionen Passagiere. „Edinburgh hat kein Interesse an Umsteigeverbindungen und ist ein Punkt-zu-Punkt-Flughafen. Glasgow gibt sehr gute Anreize, Umsteigemöglichkeiten zu schaffen, und die Landegebühren sind hier sehr viel günstiger“, lobt Jonathan Hinkles, Chef der schottischen Loganair.

2,9 Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet. Mehr als ein Viertel aller Passagiere ist von oder nach London unterwegs, 2,6 Millionen waren es 2016. Hier werden alleine sechs Flughäfen, inklusive „London-Southend“, angeflogen. Auch die Top-Drei-Strecken ab Glasgow führen alle nach London (nach Heathrow, Stansted und Gatwick, in dieser Reihenfolge). Schon auf Platz sechs folgt die erste Langstrecke, Dubai, von Emirates zweimal täglich mit der Boeing 777-300ER bedient.

Die eine Hälfte der Glasgower Passagiere fliegt auf Inlandsrouten, die andere international. Allerdings reist nur ein Drittel der Passagiere geschäftlich, während 70 Prozent privat unterwegs sind. Die Charterairlines sorgen derzeit für 1,2 Millionen Fluggäste pro Jahr. Aufgrund seiner geografischen Lage ist Glasgow überdurchschnittlich gut mit Langstrecken-Angeboten ausgestattet, vor allem im Transatlantikverkehr.

Dubai ist die einzige Fernverbindung Richtung Osten, die Golf-Carrier haben sich Schottland aufgeteilt. Edinburgh dient Etihad und Qatar Airways als Basis, allerdings starten beide dort nur je einmal täglich.

Zur Sommersaison tummelt sich in Glasgow eine illustre Airline-Schar aus Ferien- und Linienfliegern. Stark vertreten sind kanadische Airlines, Toronto wird gleich von drei Gesellschaften angeflogen: Air Transat, Air Canada sowie der Niedrigpreisairline WestJet, die im Sommer sowohl Halifax als auch Toronto mit der kleinen Boeing 737-700 bedient. Norwegian hat allerdings Edinburgh zur Basis ihrer drei neuen Trans­atlantikflüge mit der 737 MAX an die US-Ostküste erkoren.

Derzeit sind 120 Destinationen ab Glasgow direkt zu erreichen, 25 neue Routen kamen 2016 hinzu, in diesem Jahr waren es bisher sechs. Eine davon ist München, das die Lufthansa jetzt ganzjährig viermal wöchentlich im Flugplan hat. 

Ungeliebte Flughafensteuer soll halbiert werden

„Wir haben eine anhaltend steigende Nachfrage erlebt, da war dieser nächste Schritt logisch“, sagt Andreas Köster, Lufthansa-Verkaufsdirektor in Großbritannien. Das geht aber nicht allen Airlines so. HOP! Air France stellte ihre Glasgow-Dienste nach Paris nach nur einem halben Jahr wieder ein. Auch für die schottischen Flughäfen ist der Brexit ein Thema: „Wir brauchen den offenen Himmel, um unser Verkehrsniveau zu halten“, sagt Flughafenmanager Paul White. Ein weiteres Wachstumshindernis ist die verhasste Flugsteuer (Air Passenger Duty / APD), die zwischen 13 und 150 Britische Pfund auf jedes Ticket aufschlägt. „Das ist eine der höchsten Abgaben der Welt“, ärgert sich Flugbetriebsdirektor Mark Johnston gegenüber der FLUG REVUE. Bis 2021 will das schottische Parlament diese Abgabe halbieren. „Das wird uns einen Verkehrs­zuwachs von 30 Prozent bringen“, hofft Johnston.

Bis dahin muss sich am über die Jahre ziemlich zusammengestückelten Terminalgebäude noch einiges tun. Derzeit können bis zu 2400 Passagiere pro Stunde abgefertigt werden. „In den nächsten drei Jahren wird sich bei der Anzahl der Flugzeug-Parkpositionen, beim Check-in mit zusätzlichen Selbstbedienungskiosken und an der Zahl der Sicherheitskontroll-Einrichtungen einiges verbessern“, verspricht Johnston. Besonders stolz ist er zu recht auf die geringen Wartezeiten an den Sicherheitskontrollen: „Im letzten Jahr passierten 99,4 Prozent aller Passagiere die Checks in weniger als zehn Minuten.“ Bei der einzigen Start- und Landebahn (2665 Meter lang) wäre noch Luft nach oben: Bisher können 34 Bewegungen pro Stunde abgefertigt werden. Nur morgens wird die Startbahn bisher voll ausgelastet. Laut Mark Johnston ließe sich die Piste bei Bedarf durch technische Verbesserungen und zusätzliche Rollwege auf 45 Flugbewegungen pro Stunde bringen.

FLUG REVUE Ausgabe 11/2017

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Andreas Spaeth


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