25.08.2015
Erschienen in: 06/ 2015 FLUG REVUE

Zulassung nimmt Fahrt aufBombardier CSeries in der Flugerprobung

Nach den Erstflügen der CS300 und des fünften Prototyps der CS100 nimmt die Zulassungskampagne der CSeries Fahrt auf. Die neue Bombardier-Führung kämpft gegen weitere Verspätungen.

Eigentlich sollte das bisher größte in Kanada entwickelte Flugzeug schon im vergangenen Jahr starten. Da machte jüngst die wetterbedingte Verschiebung um einen Tag keinen großen Unterschied mehr. Bei stahlblauem Himmel hob die CS300 am 27. Februar in Mirabel bei Montreal zu ihrem Jungfernflug ab. Bei dem fast fünf Stunden dauernden Flug – ein Rekord für einen Erstflug eines Bombardier-Flugzeugs – erreichte die Maschine eine Flughöhe von 12 500 Metern und eine Geschwindigkeit von 470 km/h. Testpilot Andris Litavniks war voll des Lobes über die CS300: „Sie verhielt sich exakt wie vorhergesagt. Piloten werden es leicht finden, von der CS100 auf die CS300 umzusteigen.“

Rund drei Wochen später, am 18. März, startete auch der fünfte Prototyp FTV5 (Flight Test Vehicle) zu seinem Erstflug. Er verfügt über eine komplett ausgestattete Passagierkabine und führte einen Testflug mit einer Dauer von siebeneinhalb Stunden durch. Anschließend war wohl noch Treibstoff für zwei Stunden im Tank.

Mit nun sechs fliegenden Exemplaren der CSeries nimmt das Testprogramm wieder Fahrt auf; mehr als 1500 Flugstunden der nötigen 2400 sind bereits absolviert. „Die Zuverlässigkeit des Flugzeugs hat sich dramatisch verbessert“, sagt Programmchef Robert Dewar. Mittlerweile fliegen alle CS100 im normalen Betriebsmodus der Software; bei der CS300 erfolgt die Umstellung nach den Flatterversuchen.  FTV2 erhielt für Vereisungstests eine schwarze Lackierung an Leitwerk und Triebwerksgondeln, während FTV3 die Funktion des Notstromsystems nachwies. Der vierte Prototyp führt Leistungsmessungen von Wichita aus durch. Die ersten Ergebnisse scheinen positiv auszufallen. „Wir sind auf Kurs, was die geforderten Werte angeht“, sagt ein CSeries-Kunde. Erfreuliche Überraschungen könnte es bei der Reichweite geben.

Über die erfolgreichen Erstflüge konnte sich Mike Arcamone, Präsident von Bombardier Commercial Aircraft, nicht lange freuen. Auch er fiel dem umfangreichen personellen Umbau zum Opfer, den der neue Bombardier-Chef Alain Bellemare mit harter Hand durchführt. Nun soll Fred Cromer als Oberhaupt der Verkehrsflugzeugsparte „das wahre Marktpotenzial“ der CSeries realisieren. Er war sechs Jahre lang Präsident des Leasingunternehmens ILFC (International Lease Finance Corporation) und Finanzchef der Fluglinie ExpressJet. Erfahrungen bei ILFC bringt auch Colin Bole als neuer Verkaufsleiter mit. Er soll einen erneuten Anlauf machen, die Verkäufe anzukurbeln. Die andauernden Wechsel in der Verkaufsabteilung kamen bei den Kunden nicht gut an. „Im Monatsrhythmus verschwand jemand. Die Ansprechpartner fehlten, und man musste immer wieder bei Null anfangen“, meint ein Käufer.
 
Bombardier benötigt dringend weitere renommierte Kunden, zumal einige Besteller wie Iljushin Finance abzuspringen drohen. Hoffnungen setzt man auf die Präsentation des neuen Airliners auf der Paris Air Show im Juni, falls es das Testprogramm erlaubt.

Nicht zuletzt aufgrund der hohen Investitionen und der Verzögerungen des CSeries-Programms ist die kanadische Firma angeschlagen.  Da tut jede weitere Verzögerung weh. Ende März musste Bellemare zugeben, dass zwar die Zulassung der CS100 bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll, die Übergabe an Kunden aber erst für 2016 vorgesehen sei.

Zuvor hatten die Kanadier stets die zweite Jahreshälfte 2015 als Ziel ausgegeben. Damit wächst die Verspätung im Vergleich zur Planung auf rund drei Jahre. Die Zulassung der CS300 soll sechs Monate nach der der CS100 folgen. Offen ist weiterhin die Frage nach dem ersten Betreiber der CS100. Laut Bombardier sei dieser bereits identifiziert, aber man überlasse die Bekanntgabe dem Kunden. Ein Kandidat wäre weiterhin die Swiss, die ihre ersten Exemplare nun für die erste Jahreshälfte 2016 erwartet. „Unabhängig vom Erstbetreiber arbeitet Swiss mit voller Kraft daran, die CSeries baldmöglichst einführen zu können. Wir werden das Flugzeug zu dem mit Bombardier vereinbarten Termin und den Konditionen übernehmen. Ob wir nun die ersten sind oder nicht, ist zweitrangig“, teilte die Schweizer Airline mit. Die Ausbildung ihrer ersten Piloten in Kanada beginnt jedenfalls im Mai dieses Jahres.

FLUG REVUE Ausgabe 06/2015

Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Patrick Hoeveler


Weitere interessante Inhalte
Pilot Academy airBaltic bildet Nachwuchs-Piloten aus

12.12.2017 - Vom Fußgänger zum Linienpilot: Die lettische Fluggesellschaft sucht die ersten 20 Bewerber für ihre neu gegründete Pilot Academy in Riga. … weiter

CSeries EU bemängelt US-Verfahren gegen Bombardier

24.11.2017 - Einstweilen ist der Bombardier CSeries der Weg in den US-Markt durch Strafzölle versperrt. Der kanadische Flugzeugbauer erhält jetzt Rückendeckung aus Europa. Die EU-Kommission moniert "eklatante … weiter

Für Airbus A320neo und CSeries Neue Bestellungen für Getriebefan von Pratt & Whitney

16.11.2017 - Vietnam Airlines, VietJet Air, Egypt Air, Air China und Shenzen Airlines setzen auf Triebwerke der PW1000G-Familie. … weiter

Bombardier CSeries bei Swiss im Einsatz

06.11.2017 - Wie bewährt sich Bombardiers neue CSeries? Nach gut einem Jahr im Liniendienst und fast 25 000 Flugstunden haben wir die Piloten im Cockpit des neuen Zweistrahlers bei dessen größtem Betreiber, Swiss, … weiter

Zweite Endmontagelinie in Alabama Airbus übernimmt Mehrheit der CSeries

17.10.2017 - Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus steigt mehrheitlich bei Kanadas CSeries Aircraft Limited Partnership ein, die Bombardiers neuen Zweistrahler CSeries herstellt. … weiter


FLUG REVUE 01/2018

FLUG REVUE
01/2018
11.12.2017

Abonnements
Digitalabo
E-Paper
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- 100. Airbus A380 für Emirates
- Airbus-Hoffnung China
- Auftragsfeuerwerk Dubai Air Show
- Tornado-Training
- F-35 für die Luftwaffe?
- Adaptive Tragflächen
- Vorausschauende Instandhaltung
- Mehrwegraketen