08.08.2015
Erschienen in: 04/ 2015 FLUG REVUE

Business-JetsDie Topmodelle in der Business Aviation

Die Nachfrage nach Business-Jets erholt sich langsam wieder. Zugpferde der Markterholung sind jedoch nicht die Leichtjets, sondern die Geschäftsreiseflugzeuge mit großen Kabinen.

Länge läuft, ist eine Weisheit, die nicht nur in der Seefahrt gilt. Auch in der Business Aviation, die sich erst langsam aus dem Nachfragetief des Jahres 2008 emporarbeitet, sind große Geschäftsreisejets immer noch gefragter als Midsize- beziehungsweise Leichtjets. Kleinere Jets werden in erster Linie von Privateignern sowie kleinen und mittelständischen Firmen gekauft. Nicht selten fliegen die Eigner ihre Jets bei dienstlichen Terminen auch selbst. Das Vertrauen in die Geschäftsentwicklung ist bei diesen Kunden von entscheidender Bedeutung für oder gegen eine Kaufentscheidung. Im Gegensatz dazu besteht die Klientel für große Jets in erster Linie aus Flugbetrieben von Unternehmen sowie aus Executive-Charter- und Fractional-Ownership-Firmen, die eine gänzlich andere Einkaufspolitik haben als Mittelständler.

Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der generellen Aktienkursentwicklung und der Kaufbereitschaft für große Business-Jets. Da die weltweiten Aktienindizes sich in den vergangenen Monaten zu immer neuen Rekordhöhen aufschwangen, verläuft auch die Verkaufskurve für diese Flugzeugklasse wieder nach oben. Eine große Kabine mit mehr Komfort, mehr Reichweite sowie neue Technologien sind nach Umfragen von Honeywell Aerospace die treibenden Faktoren für den Kauf neuer und die Ausmusterung alter Geschäftsreiseflugzeuge.

Die am 11. Februar veröffentlichte Bilanz des Herstellerverbands GAMA  (General Aviation Manufacturers Association) bestätigt diesen Trend. Von 722 Business-Jets, die 2014 von allen Herstellern ausgeliefert worden sind, entfallen rund 260 auf die beiden größten Jetkategorien.

Bombardier Aerospace hat von seinen beiden Topmodellen Global 5000 und Global 6000 im vergangenen Jahr 80 Exemplare ausgeliefert. Nicht zuletzt deswegen arbeitet der kanadische Konzern mit Hochdruck an der Ausweitung seiner Global-Jetfamilie, die in den nächsten Jahren um die Muster Global 7000 und Global 8000 ergänzt wird. Das derzeitige Spitzenmodell ist die Global 6000, die entsprechend ihrer Reichweite von 6000 nautischen Meilen (11 112 km) benannt wurde. Mit einer Kabinenlänge von 13,18 Metern muss sie sich in ihrer Kategorie und in dieser Disziplin nur der Gulfstream G650 geschlagen geben. Die  7000 und die 8000 werden ab 2016 beziehungsweise 2017 auf den Markt kommen. Sie glänzen durch globale Reichweiten und entsprechend große Kabinen.

Auch beim französischen Hersteller Dassault Aviation aus Saint Cloud bei Paris lief 2014 das derzeitige Topmodell, die dreistrahlige Falcon 7X, besser als die anderen Muster. 27 Stück des mit einer Länge von 23,38 Metern größten  zugelassenen Falcon-Jets wurden ausgeliefert. Die Reichweite der 7X liegt bei 5950 nautischen Meilen (11 020 km), allerdings kann das Muster bei den Startstrecken gegenüber den Wettbewerbern punkten. Außerdem ist die Falcon 7X auch für Anflüge auf den Londoner Stadtflughafen London City zugelassen. Seit der Zulassung der Falcon 7X im Jahr 2007 hat Dassault weit über 250 Exemplare des knapp unter 50 Millionen Dollar teuren Jets an Kunden übergeben.

Die guten Verkäufe der 7X erfolgten trotz der Tatsache, dass der Hersteller mit der Falcon 8X bereits einen größeren Jet mit höherer Reichweite auf den Weg gebracht hat, der schon ab der zweiten Jahreshälfte 2016 zugelassen sein soll und die 7X als größte Falcon ablösen wird. Normalerweise hat eine solche Ankündigung  bei langlebigen Investitionsgütern wie großen Business-Jets eine nachfragedämpfende Wirkung auf bestehende Produkte. Beide Muster sollen aber künftig parallel gebaut werden.

Größere Jets stehen schon am Start

Der brasilianische Hersteller Embraer lieferte von der Legacy 600 und ihrem Schwestermodell 650 im letzten Jahr 18 Exemplare aus und stellt damit eine Ausnahme von der Regel dar, denn Embraers Phenom-Leichtjets waren im vergangenen Jahr stärker gefragt als die Legacy 600/650. Von den in Melbourne, Florida, und Brasilien endmontierten Phenom 300 und Phenom 100 wurden 73 beziehungsweise 19 Einheiten an Kunden übergeben. Obwohl die Legacy 600 und ihre Langstreckenschwester Legacy 650 aus dem Regionaljet ERJ-135 entwickelt wurden, haben diese beiden Muster nur noch die äußere Form mit den Regionaljets gemeinsam. Die erste Legacy 600 wurde bereits 2002 in Dienst gestellt, die 650, die mit 3900 nautischen Meilen über 500 nautische Meilen mehr Reichweite verfügt, folgte 2011. Der brasilianische Hersteller hat bislang über 260 Flugzeuge dieser Typen an Kunden aus aller Welt übergeben.

Gulfstream Aerospace aus Savannah, Georgia, meldet der GAMA die Auslieferungen seiner Muster nur nach Flugzeugfamilien geordnet und nicht nach Einzelmustern. Auch hier sind die „Dickschiffe“ erfolgreicher als die kleinen Jets. 2014 lieferte der Hersteller 117 G450, G550 und G650 und nur 33 G150 und G280, wobei zu vermuten ist, dass die G650/G650ER den größten Anteil an den Auslieferungen haben. Zu welchen Leistungen die Gulf­stream G650ER, das Topmodell des Herstellers fähig ist, hat das Unternehmen Mitte Februar wieder einmal unter Beweis gestellt. Drei Passagiere und vier Crewmitglieder waren an Bord des von zwei BR725-Turbofans angetriebenen Zweistrahlers, als er mit nur einem Stopp um die Welt flog. Der Jet beflog die 12 851 Kilometer lange Strecke vom Flugplatz White Plains bei New York nach Peking in 13 Stunden und 20 Minuten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug auf diesem Flug Mach 0.87. Der Rückflug – ebenfalls mit östlichem Kurs – endete in Savannah. Die 12 171 Kilometer, die zwischen Start- und Zielort liegen, überbrückte Gulfstreams Topzweistrahler in genau zwölf Stunden.

„Es gibt keinen anderen Business-Jet weltweit, der diese Mission fliegen könnte“, sagte dann auch Scott Neal, Senior Vice President von Gulfstream für Marketing und Verkäufe, nach dem Flug. Die Nachfrage nach der G650 und G650ER ist entsprechend hoch. Obwohl erst 2012 das erste Exemplar in Dienst gestellt wurde, hatte der Hersteller bereits im November 2014 das 100. Exemplar der G650/G650ER an einen Kunden übergeben. Das Flugzeug ist nicht nur das leistungsfähigste aus dem Hause Gulfstream, sondern mit 66,5 Millionen Dollar auch das mit dem höchsten Preis. Die Markterholung in der Business Aviation wird durch die Verkäufe der großen Jets getrieben. Wenn die Nachfrage nach kleineren Jets wieder anzieht, kann sich die Branche auf gute Zeiten freuen.

FLUG REVUE Ausgabe 04/2015



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