19.07.2017
Erschienen in: 07/ 2017 FLUG REVUE

Chinas neuer ZweistrahlerErstflug: COMAC C919

Mit dem Erstflug seines ersten modernen Passagierflugzeugs aus eigener Entwicklung unterstreicht China den Anspruch auf eine größere Rolle im globalen Flugzeugbau.

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Gespenstische Stille herrschte am sonst geschäftigen Flughafen Shanghai-Pudong am Mittag des 5. Mai. Kurzzeitig ruhte der Flugbetrieb am Drehkreuz mit seinen vier Startbahnen – zugunsten eines kleinen Zweistrahlers mit blauem Rumpfband und grünem Heck: Chinas erster moderner Passagierjet, die COMAC C919, machte sich zum Erstflug bereit. Mindestens fünf Kilometer Sicht und eine nicht zu niedrige Wolkenuntergrenze hatten die Behörden für den Erstflug verlangt.

Um Punkt 14 Uhr setzt COMAC-Testpilot Kapitän Cai Jun – groß, durchtrainiert und mit Bürstenhaarschnitt und Sonnenbrille wirkt er wie das Klischee eines Testpiloten – vollen Startschub an beiden LEAP-1C-Triebwerken. Der mit 10 300 Flugstunden erfahrene Kapitän bringt das neue Verkehrsflugzeug in der Größe von Boeing 737 und Airbus A320 auf der Startbahn 4 des Flughafens zur Abhebegeschwindigkeit.

Sanft erhebt sich der Zweistrahler in den diesigen Himmel und steigt bald durch die dünne Wolkendecke in den Testflugraum vor der Küste, nordöstlich des Flughafengeländes. Live-Fernsehbilder einer Cockpitkamera zeigen Cai Jun beim ständigen konzentrierten Steuern mit feinen Bewegungen am Sidestick und an den Seitenruderpedalen. Offenbar war am Anfang die elektronische Flugsteuerung noch nicht eingeschaltet, sondern das Flugzeug wurde zunächst noch rein manuell dirigiert. „Direct law“ würde man bei einem Airbus sagen.

Mit wechselnden Schräglagen tastete sich die fünfköpfige Besatzung äußerst vorsichtig an die typischen Erstflugmanöver heran: Langsamflug, Schnellflug, simulierte Landeanflüge. Fahrwerk, Vorflügel und Landeklappen blieben während des gesamten 79-minütigen Erstflugs ausgefahren, um jegliche Risiken auszuschließen. Testpilot Cai Jun hatte sich das Systemdisplay auf den Bildschirm neben dem primären Fluglage­display geschaltet – dorthin, wo sonst die Navigationsdaten gezeigt werden – und somit sämtliche Ruderausschläge und Systemdaten ständig im Blick.

China ließ Testpiloten in den USA ausbilden

fr 07-2017 COMAC C919 Erstflug (02)

COMAC-Ingenieure in der Messwarte verfolgen den Erstflug auf Bildwänden und Datenmonitoren. Foto und Copyright: COMAC  

 

In ihren feuerfesten, orangefarbenen Overalls und mit Schwimmweste, aber ohne angelegte Helme, Fallschirme und Kopfhörer fliegend, machte die Besatzung einen relativ entspannten Eindruck. Bei einer Flughöhe von höchstens 3000 Metern hatte COMAC für den Erstflug der C919 noch keine Aktivierung der Druckkabine vorgesehen.

Gegen 15.20 Uhr setzte der nagelneue Zweistrahler mit der Registrierung B-001A wieder sanft in Shanghai auf und rollte vor die direkt neben der Startbahn in einem von Baustraßen durchbrochenen Brachland aufgebaute Ehrentribüne. Von dort aus hatte Chinas Vize-Premier Ma Kai zusammen mit hunderten Premierengästen den Flug verfolgt.

Als „sehr glatt“ und „absolut zufriedenstellend“ beschrieb Testpilot Cai Jun seine Eindrücke vom Erstflug. Der stellvertretende Staffelführer des Flugtestzentrums hatte seine fliegerische Karriere nach einem Luftfahrtmanagement-Studium an der TU Shanghai begonnen, wo er die Zulassungstests zur Pilotenausbildung bei China Eastern Airlines bestand. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen wechselte er als erfahrener Kapitän im Mai 2011 zu COMAC und wurde von dort 2012 zur Testpilotenausbildung in die USA entsandt. Als Testpilot ist er auch stark in die Entwicklungsarbeit eingebunden und führte die COMAC ARJ21-700 im November 2014 auf der Zhuhai Air Show im Flug vor. Seitdem baute er eine eigenständige Flugtestabteilung auf, die sich bereits systematisch auf die Flugtests mit höherem Risiko vorbereitet.

Beim Erstflug waren neben einem Copiloten und einem Beobachter im Cockpit noch zwei Ingenieure in der Kabine an Bord. Eine komplette Austauschmannschaft hätte kurzfristig als Ersatz bereitgestanden, falls die erste Crew gesundheitlich nicht voll flugtauglich gewesen wäre


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Sebastian Steinke


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