10.03.2017
Erschienen in: 03/ 2017 FLUG REVUE

Leonardo Helicopters AW139Tonnenschweres Erfolgsmodell

Bald 1000 Verkäufe kann Leonardo Helicopters für seine AW139 verbuchen. Das bis zu sieben Tonnen schwere Erfolgsmodell deckt ein großes Einsatzspektrum ab.

Flüge zu Ölförderplattformen auf dem Meer, Einsätze für Sicherheitsbehörden, Such- und Rettungsdienst oder Krankentransporte, Löschflüge oder Geschäftsreisen – es gibt kaum eine Aufgabe, die die AW139 von Agusta (heute Leonardo Helicopters) nicht erledigen kann. Der mittelschwere Mehrzweckhubschrauber hat sich seit seinem Erstflug im Februar 2001 zum Bestseller des italienischen Herstellers entwickelt. Bis Ende letzten Jahres hatten fast 240 Kunden aus mehr als 70 Ländern über 970 Maschinen bestellt. An die 850 wurden ausgeliefert.

Die Erfolgsgeschichte basiert auf einer treffenden Markteinschätzung und dem Mut, für die absehbaren Anforderungen ein Muster von Grund auf neu zu entwickeln. Die Zielsetzungen dabei waren eine Verringerung der Betriebskosten gegenüber älteren Modellen, Category-A-Leistungen auch bei voller Zuladung, Zuverlässigkeit und eine Mischung aus bewährten und neuen Technologien.

So bietet die AW139 ein Kabinenvolumen von acht Kubikmetern mit einem einfachen Zugang über zwei große Schiebetüren. Dazu kommt ein 3,4 Kubikmeter großer Gepäckraum im Übergangsbereich von Rumpf und Heckausleger. Diese Räume können ohne Probleme in vielfältiger Weise ausgestattet werden. Eine VIP-Konfiguration mit nur vier Sitzen ist genauso möglich wie die Installation von 15 Sitzen für den Personentransport. Auch Tragen lassen sich leicht laden. Zwei bis vier sind möglich, dazu kommen bis zu fünf Sanitäter. Für militärische Einsätze ist die AW139 ebenfalls geeignet, ausgestattet zum Beispiel mit Rettungswinde, Seil für das Fast-Roping, Außenlasthaken oder MG.

Zur Avionikausstattung, die auf dem Honeywell Primus Epic mit fünf Farbdisplays im Cockpit basiert, gehört ein Vierachsen-Autopilot, der zum Beispiel Suchrouten automatisch abfliegen kann. Je nach Wunsch lassen sich Systeme wie Wetterradar, TCAS (Kollisionswarnung) oder HUMS (Zustandsverfolgung) installieren.

AW139 weltweit begehrt

Als Antrieb werden zwei PT6C-67C von Pratt & Whitney Canada verwendet, die der AW139 eine Höchstgeschwindigkeit von 310 km/h ermöglichen. Die Schwebeflughöhe ohne Bodeneffekt liegt bei 2475 Metern. Zu den jüngsten Verbesserungen zählt eine Anhebung der maximalen Startmasse auf 7000 Kilogramm. Diese Fähigkeit bringt dank einer optimierten Zelle mit geringerem Gewicht bis zu 700 Kilogramm mehr Zuladung. Damit reagiert man auf Konkurrenten wie die H175, die inzwischen ihrerseits auf 7800 Kilogramm aufgerüstet hat. Die optionale Abflugmasse lässt sich sogar durch Modifikationen an älteren AW139 erreichen. Nachgerüstet werden kann auch die Fähigkeit, bei Ölverlust im Getriebe noch 60 Minuten weiterfliegen zu können – bisher waren 30 Minuten üblich.

Mit diesen Leistungen hat die AW139 weltweit Kunden gefunden. Dazu zählen die großen Firmen im Offshore-Geschäft wie CHC oder Era. Era erreichte mit rund 40 Hubschraubern bereits mehr als 100 000 Flugstunden. Neben der zuletzt schwächeren Nachfrage aus der Ölbranche hat sich die AW139 auch eine gute Position bei den Rettungsdiensten und der Polizei gesichert. In den USA fliegen unter anderem zehn Maschinen bei der Maryland State Police. In Italien sind inzwischen bei der Polizei, der Küstenwache, den Luftstreitkräften und der Guardia di Finanza (Grenzschutz) rund 40 AW139 im Einsatz. Im Dezember bestellte die Guardia di Finanza sechs zusätzliche Helikopter im Wert von 90 Millionen Euro (einschließlich Ausbildung und Unterstützung).

Das Interesse an der AW139 scheint also ungebrochen. Zudem diente das Muster Leonardo Helicopters in den letzten Jahren als Basis für die Entwicklung einer ganzen Hubschrauberfamilie mit ähnlicher Auslegung. Dazu zählt die etwa einen Meter gestreckte AW149 mit einer Abflugmasse in der Acht-Tonnen-Klasse. Sie ist vor allem für militärische Nutzer gedacht, während die praktisch identische AW189 speziell für Offshore-Einsätze angeboten wird. Für sie liegen derzeit über 150 Bestellungen und Kaufabsichtserklärungen vor.

AW139 – Die Geschichte

AW139 – Die Geschichte

1990er Jahre: Agusta und Bell führen gemeinsame Marktstudien für einen mittelschweren Mehrzweckhubschrauber durch. Bell konzentriert sich dann zwischenzeitlich auf sein Kipprotorprogramm.
September 1998: Auf der Farnborough Air Show wird das Gemeinschaftsunternehmen Bell/Agusta Aerospace vorgestellt, das die AB139 entwickeln soll.

Juni 1999: Auf der Paris Air Show wird ein 1:1-Modell der AB139 gezeigt. Als Absatzziel werden 900 Maschinen über 20 Jahre genannt.

Oktober 1999: Bristow Helicopters ist der erste Kunde (2 Hubschrauber).

3. Februar 2001: Erstflug der AB139 in Cascina Costa (45 Minuten). Zwei weitere Prototypen folgen im Laufe des Jahres.

24. Juni 2002: Der erste Serienhubschrauber fliegt.

20. Juni 2003: Agusta erhält die italienische Zulassung für die AB139.

20. Dezember 2004: Zulassung durch die amerikanische FAA.

Dezember 2005: AgustaWestland übernimmt den Anteil von Bell am Programm.

Februar 2006: Umbenennung in AW139.

15. Dezember 2006: Der erste Hubschrauber aus der US-Fertigung in Philadelphia wird ausgeliefert.

2008: Erhöhung der maximalen Startmasse auf 6800 Kilogramm als Option.

Dezember 2008: Auslieferung der 200. Maschine.

Februar 2010: Zulassung der vollen Enteisungs­anlage durch die EASA.

Juni 2010: Für die Fertigung in Russland wird
das Gemeinschaftsunternehmen HeliVert in Tomolino bei Moskau gegründet.

Juli 2010: Der erste Hubschrauber erreicht
5000 Flugstunden.

12. Juli 2012: Die 500. AW139 wird auf der Farnborough Air Show an Weststar Aviation Service übergeben.

Dezember 2012: Die erste in Tomolino bei Moskau montierte AW139 fliegt.

September 2014: Der 700. Hubschrauber wird ausgeliefert. Er geht an Samsung Techwin
in Südkorea.

Februar 2015: Erhöhung der maximalen Abflugmasse auf 7000 kg.

März 2015: Die erste AW139 erreicht 10 000 Flugstunden.

FLUG REVUE Ausgabe 03/2017



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