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Lilium Montage: Harald Hornig

Lilium: Pilotenausbildung bei Lufthansa Aviation Training

„Ehe unter Verzweifelten“ Lilium will Piloten bei Lufthansa ausbilden

Die infolge der Corona-Krise angeschlagene Lufthansa Aviation Training will mit der Urban Air Mobility ein neues Marktfeld erschließen. Erster Kooperationspartner ist Lilium – das umstrittene Flugtaxi-Unternehmen aus Bayern.

Es klingt wie der nächste Coup eines revolutionären Startups: Gemeinsam mit Lufthansa Aviation Training werde Lilium ein maßgeschneidertes Rekrutierungs- und Ausbildungsprogramm entwickeln, um Piloten für das Fliegen des Lilium Jets zu qualifizieren, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens aus Weßling nahe München. Die branchenweit erste Kooperation mit der renommierten Pilotenschule werde in der ersten Phase ein maßgeschneidertes Lilium Type Rating für qualifizierte Verkehrspiloten beinhalten. Dabei sollen auch Mixed- und Virtual-Reality-Techniken genutzt werden, die die Möglichkeit eröffnen, das Programm weltweit anzubieten und so einen Pilotenstamm für das erwartete Wachstum des Lilium-Taxiservice und der gesamten Branche aufzubauen.

Lilium nutze die Stärken und Erfahrungen von vertrauenswürdigen Partnern, um die Entwicklung dieses voll integrierten Modells mitzugestalten und zu beschleunigen, heißt es in der Mitteilung weiter. Als führende Airline-Trainingsorganisation in Europa, die für die Einhaltung höchster Sicherheitsstandards bekannt sei, werde Lufthansa Aviation Training ihre Expertise in der Ausbildung und Entwicklung von Kompetenzen zur Verfügung stellen, die notwendig sind, um den Bedarf an Piloten für den neuen Sektor zu decken. LAT ergänze Liliums eigene Expertise im Bereich der E-VTOLs und des regionalen Luftverkehrsdienstes, den das Unternehmen aufbaut. Das Trainingsprogramm werde das erste seiner Art weltweit sein und einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg von Lilium zur Markteinführung darstellen. Überdies werde man gemeinsam an der Zertifizierung des Trainingsprogramms bei den zuständigen Luftfahrtbehörden wie EASA oder FAA arbeiten.

"Die Eröffnung eines neuen Berufssegments für die Piloten der Zukunft ist eine Herausforderung, der wir uns schon lange stellen wollten, und Lufthansa Aviation Training ist der perfekte Partner", kommentierte Remo Gerber, Chief Operating Officer von Lilium, die Partnerschaft. "Ihr Einblick, ihre Erfahrung und ihr Engagement für zukunftsweisende Trainingskonzepte stellen sicher, dass unsere Piloten auf höchstem Niveau ausgewählt und ausgebildet werden – ein Industriestandard, den wir durch diese Partnerschaft etablieren werden."

Tiziana Heilig, Managing Director und CFO von Lufthansa Aviation Training, ergänzte: "Wir freuen uns sehr, mit Lilium zusammenzuarbeiten, um ein völlig neuartiges Ausbildungsprogramm zu schaffen. Als eines der führenden Unternehmen in diesem dynamischen Sektor freuen wir uns auf die Zusammenarbeit, bei der wir unseren jeweils reichhaltigen Schatz an Wissen und Erfahrung einbringen, um ein einzigartiges Luftfahrttraining für unsere Kunden zu ermöglichen."

Ehe unter Verzeifelten?

Zahlreiche Medien griffen das Thema auf, beschränkten sich allerdings auf die reine Vermeldung ohne kritische Nachfragen. Das ist insofern bemerkenswert, dass die Pressemitteilung eine Hochzeit zweier Unternehmen verkündet, die beide in Problemen stecken. LAT machte jüngst durch die Ankündigung Schlagzeilen, ihre berühmte Pilotenschule in Bremen zu schließen, weil sich der Bedarf an Pilotennachwuchs infolge der Corona-Krise massiv abgeschwächt habe.

Wie das Portal Netz-Trends berichtete, hatte Tiziana Heilig selbst gemeinsam mit ihrem Kollegen der LAT-Geschäftsführung, Stefan Klar, in einem Brief an die Flugschüler geschrieben, dass die Lufthansa Group ihnen wie auch vielen Mitarbeitern aufgrund der zugespitzten Lage leider keine besseren Perspektiven bieten könne und man ihnen zu einer beruflichen Umorientierung rate. Zuvor hatten sich die Flugschüler mit einem Brief an Lufthansa-Chef Carsten Spohr gewandt und darum gekämpft, ihre Ausbildung beenden zu können. Dass Heilig nun die Zukunft ausgerechnet in einer Partnerschaft mit Lilium sieht, kann man angesichts dessen zumindest für mutig halten.

Angesichts der aerokurier-Veröffentlichungen zum Flugtaxi-Projekt und der Tatsache, dass im Februar einer der Prototypen abgebrannt war und man seitdem kaum noch Substanzielles aus Weßling hörte, verwundert es kaum, dass das Manager Magazin die Ankündigung mit der wenig schmeichelhaften Zeile "Ehe unter Verzeifelten" überschrieb.

LAT: Wir fragen nicht nach Technik

Auf eine Nachfrage, inwiefern man sich mit der technischen Machbarkeit des Lilium-Projekts auseinandergesetzt habe, gab sich LAT schmallippig. "Unsere Partnerschaft mit dem Unternehmen Lilium bezieht sich auf die Unterstützung bei der Ausbildung von Piloten. Daher erteilen wir keine Auskünfte in Bezug auf technische Aspekte des Lilium Jets und geben hierzu auch keine Einschätzung ab", sagte Dirk Sturny, Senior Manager Corporate Communications bei Lufthansa Aviation Training. Bezüglich der in Arbeit befindlichen Regelungen für das Luftfahrtpersonal bei Senkrechtstartern (FCL-VTOL) sei man im Austausch mit den relevanten Behörden und sehr optimistisch, dass hier bald entscheidende nächste Schritte kommen. "Die Sicherheit der Piloten und Passagiere hat für uns oberste Priorität. Daher tauschen wir uns intensiv aus und versuchen die Erfahrungen aus der klassischen Luftfahrt mit in das Projekt einzubringen."

Schließlich blieb – wie so oft bei Verlautbarungen vonseiten Liliums – der Zeitplan im vagen. Sturny hingegen erklärte, dass bereits mit ersten Arbeiten begonnen wurde. "Die Entwicklung eines Trainingsprogramms ist allerdings aufwändig und wird noch einige Zeit benötigen. Das Trainingsprogramm ist in Teilen auch an die Entwicklung des Lilium Jets gekoppelt und orientiert sich daher an dessen Fortschritt."

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