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Studieren, um zu fliegen

Technischer Pilot

An der Hochschule Osnabrück gibt es einen in Europa einzigartigen Studiengang: „Aircraft and Flight Engineering“. Er richtet sich speziell an Menschen, die sowohl als Piloten und als auch als Ingenieur arbeiten wollen. Der anspruchsvolle Studiengang findet in Deutschland und England statt und ist eine gute Voraussetzung für eine Karriere als technischer Pilot.

2002 entstand an der Hochschule Osnabrück ein Studiengang, der in seiner Form heute europaweit einmalig ist. Steffen H. Schrader ist Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und Informatik und hat den Studiengang mit entwickelt. Im Gespräch mit der FLUG REVUE erklärt er, warum der Studiengang überhaupt entstand: „Luftverkehr und Luftfahrttechnik sind weltweit boomende Branchen mit hohen Wachstumsraten. Damit steigt auch der Bedarf an qualifiziertem Personal. Akademische Ausbildungsgänge für die Luftfahrt konzentrieren sich traditionell auf die Entwicklung und den Bau von Flugzeugen. Die Ausbildung von Pilotinnen und Piloten sowie des Wartungspersonals erfolgt bisher weitestgehend außerhalb des Hochschulbereichs. Hier setzt unser Studiengang Aircraft and Flight Engineering an, der eine luftfahrttechnische Ingenieurausbildung mit einer Pilotenausbildung verknüpft.“

Pro Jahr gibt es zwischen 80 und 100 Bewerber für den Studiengang, von denen maximal 20 angenommen werden. „Mehr sind nicht zu bewältigen“, sagt Schrader. Im Oktober 2010 hat die Hochschule den 100. Absolventen dieses Studiengangs verabschiedet. In der Hochschule Osnabrück ist der Studiengang an der Fakultät Ingenieurwissenschaften und Informatik angesiedelt und residiert in einer ehemaligen britischen Kaserne. Die Hochschule Osnabrück mit allen Fakultäten hat derzeit rund 10 000 Studierende, ist also keine kleine Einrichtung.

Das Studium, das mit einem Numerus Clausus zugangsbeschränkt ist, beginnt in Osnabrück. „Wer seine Hochschulreife mit 2,2 oder besser abgeschlossen hat, hat ein Anrecht auf einen Studienplatz. Das Bewerbungsverfahren läuft in jedem Jahr bis zum 15. Juli.

Das Studium bietet nach Angaben der Hochschule eine breite ingenieurwissenschaftliche Grundausbildung mit luftfahrttechnischer Vertiefung. In der Regel dauert der erste Teil zwei Jahre beziehungsweise vier Semester. Aber der Studiengang ist anspruchsvoll: „Rund ein Drittel der Studierenden fällt im Laufe des Studiums raus“, berichtet Schrader aus seiner Erfahrung. Parallel zum Studium findet am Flughafen Münster Osnabrück die praktische Flugausbildung statt.

Der Flughafen Münster-Osnabrück ist die Basis beim ersten Teil der Flugausbildung. Foto und Copyright: Hochschule Osnabrück

Deswegen ist es wichtig, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin neben den für ein Maschinenbaustudium notwendigen Vorpraktika auch ein Medical der Klasse I oder II vorweisen kann. „Bereits in der Flugausbildung findet immer ein Verweis auf die technischen Bauvorschriften statt, so dass die Bewerber eine ganz andere Nähe zur Flugzeugtechnik haben“, berichtet Steffen Schrader. Der gesamte Studiengang ist modular aufgebaut und berücksichtigt die Schwerpunkte, die die Studierenden setzen. „Wir haben drei Bewerbertypen“, so Schrader. „Ein Teil sucht die Kombination von Technik und fliegen, ein anderer Teil der Studenten möchte nur fliegen und sieht seine Zukunft im Cockpit eines Linineflugzeugs und ein dritter Bewerbertyp ist in erster Linie an der Technik interessiert.

Ihre ersten fliegerischen Schritte unternehmen die Studenten auf dem einmotorigen Schulflugzeug Fuji FA200 bei der Technischen Fachschule für Flugzeugführer am Flughafen Münster Osnabrück. Im ersten Jahr wird im Normalfall die Privatpilotenlizenz PPL-A erworben, im zweiten Ausbildungsjahr steht das Allgemeine Funksprechzeugnis (AZF) und das Sammeln von Flugstunden auf dem Plan. Dazu hat die Flugschule eine Kooperation mit einer US-Flugschule in Kalifornien geschlossen. Dort sind die Flugstunden deutlich günstiger und man bewegt sich fliegerisch in einem anderen Terrain und sammelt internationale Erfahrung. Fluglizenzen, die Studenten schon vor Beginn ihres Studiums erworben haben, werden natürlich anerkannt. Im zweiten Jahr wechseln die Studenten auch das Flugzeugmuster und fliegen zunächst auf Cessna 172 und anschließend auf eine schnelle Mooney M20J, die auch als Prüfungsmuster genutzt wird.

Zweiter Teil des Studiums in England

Auf Fuji 200 absolvieren die Studenten ihre ersten Stunden. Foto und Copyright: Hochschule Osnabrück

Nach zwei Jahren wechseln die Studierenden in der Regel an die University of the West of England in Bristol, wo das Studium und die Flugausbildung fortgesetzt werden. Abhängig von der später angestrebten Berufstätigkeit liegen die Schwerpunkte unterschiedlich. Wer die Verkehrsflugzeugführerlizenz ATPL anstrebt, für den steht im dritten Jahr die ATPL-Theorie mit ihren insgesamt 14 Fächern auf dem Stundenplan. Die Flugschule in Deutschland arbeitet mit einer englischen Ausbildungseinrichtung zusammen, die sowohl e-Learning als auch Präsenzunterricht als Lehrmodule anbietet. Vorausgesetzt die Theorieprüfung wird bestanden, dann schließt sich die Instrumentenflug- und die Berufspilotenausbildung am Ende des dritten Studienjahres an. In England wird ausschließlich auf dem zweimotorigen Muster Piper PA-34 Seneca geflogen, denn die Studenten sollen ja den Umgang mit komplexen Mustern lernen. Die Ausbildung kann – abhängig von der Leistungsfähigkeit der Studenten – entweder studienbegleitend oder direkt im Anschluss an das Studium erfolgen.

In der Regel endet das Studium mit dem Bachelor, aber es gibt auch die Möglichkeit zur Promotion. „Die Zusammenarbeit mit Bristol läuft einfach hervorragend“, sagt Schrader. Da das Studium in beiden Ländern stattfindet, ermöglicht der Studiengang den Erwerb von zwei akademischen Abschlüssen und einer Luftfahrtlizenz. Neben dem Bachelor of Science aus Deutschland erwerben die Absolventen auch den englischen B.Sc. beziehungsweise M. Eng., der von der Royal Aeronautical Society akkreditiert und anerkannt ist.

Da die Zahl der Studierenden in diesem Studiengang gering ist, können sie auch in einem Maß individuell betreut werden, was bei anderen Studiengängen einfach aufgrund der hohen Zahl von Studierenden nicht möglich ist. „Wir bieten regelmäßige Zielvereinbarungsgespräche als Hilfestellung an“, sagt Steffen H. Schrader.

Absolventen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, später als technischer Pilot zu arbeiten, können nach Abschluss ihres Studiums noch eine Ausbildung für die Testflugberechtigung Klasse 2 absolvieren. Dafür wird aber eine Flugerfahrung von mindestens 1500 Stunden vorausgesetzt, die nicht im Rahmen des Studiums zu erbringen sind. Deswegen sammeln einige Absolventen die notwenige Flugerfahrung als Fluglehrer oder als Copilot bei Executive-Charterunternehmen.

Der Studiengang Aircraft and Flight Engineering ist aufgrund der fliegerischen Ausbildung mit höheren Kosten als ein reines Maschinenbaustudium verbunden. Die Kosten für die Ausbildung sind vom Studierenden selbst zu tragen. Bis zur Verkehrsflugzeugführer-Lizenz ATPL schätzt Schrader, kommen Kosten in Höhe von 50 000 Euro auf die Studierenden zu. Die Hochschule Osnabrück hat mit der Sparkasse Osnabrück eine Vereinbarung getroffen, nach der zumindest ein Teil der Ausbildungskosten finanziert werden kann. Eine Komplettfinanzierung des Studiums wird nicht angeboten.

Die Berufsaussichten für Absolventen des Studiengangs beurteilt Steffen H. Schrader positiv: „Wir haben Absolventen, die heute in vielen verschiedenen Firmen arbeiten: Diamond Aircraft, Extra, Grob, EADS, bei der ESA, bei Recaro oder beim Luftfahrt-Bundesamt. Das zu sehen, macht einfach einen Riesenspaß!“

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