in Kooperation mit

Vertrauensperson

Fliegerarzt

Piloten müssen, um fliegen zu dürfen, gesund sein. Gut, das müssen Autofahrer auch, aber die können bei einem Schwäche- oder Müdigkeitsanfall schnell mal am Straßenrand anhalten. Bei den Fliegern indessen kommt die dritte Dimension hinzu, und das erfordert bestimmte Voraussetzungen.

Fliegerarzt

Alle Piloten, egal ob sie das Fliegen als Hobby oder als Beruf betreiben, benötigen als eine wichtige Bedingung für die Erteilung ihrer Fluglizenz ein medizinisches Tauglichkeitszeugnis. In der Fliegersprache Englisch wird dieses als „Medical Certificate“ bezeichnet, weshalb es unter den Piloten einfach nur „Medical“ heißt. Dieses Dokument darf nur von einem Flugmedizinischen Sachverständigen ausgestellt werden, allgemein als Fliegerarzt bekannt, nachdem der angehende Luftfahrzeugführer eine entsprechende Tauglichkeitsuntersuchung absolviert hat. Übrigens müssen in Deutschland auch Fluglotsen und Flugbegleiter diese Tauglichkeit nachweisen; die zeitlich begrenzte Gültigkeit richtet sich nach dem Lebensalter des Piloten.

Ab dem 8. April 2013 gelten auch in der Bundesrepublik die entsprechenden Bestimmungen der Europäischen Agentur für Flugsicherheit. Ab diesem Zeitpunkt müssen beispielsweise Privatpiloten bis zum Alter von 40 Jahren alle fünf Jahre zum Fliegerarzt, ab dem 50. Lebensjahr sogar jährlich. Bei nachgewiesener Tauglichkeit gibt es dafür das Medical der Klasse 2. Für die Klasse 1 sind die Bedingungen entsprechend schärfer.

Die betroffenen Piloten sind nicht sehr glücklich über diese Regelung und schimpfen lautstark über die „ausufernde Bürokratie“, zumal die Untersuchung nicht ganz billig ist und nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Auch verweisen sie darauf, dass das Medical für Segelflieger in Großbritannien zum Beispiel jeder Hausarzt ausstellen darf, während in den USA gar keines erforderlich ist. Befürworter der Bestimmungen hingegen argumentieren damit, dass es lange in der Schweiz auch kein Medical für Segelflieger gab, dieses aber nach steigenden Unfallzahlen im Jahr 2008 wieder eingeführt wurde, zumindest für Flieger ab dem 60. Lebensjahr.

Warum aber darf ein Medical nicht auch vom Hausarzt ausgestellt werden, warum darf das nur ein Fliegerarzt machen? „Der Mensch ist ja nicht in der Luft geboren, sondern bewegt sich üblicherweise in einer zweidimensionalen Welt durch das Leben“, erläutert Götz Kluge, Leiter des Bereichs Operationelle Medizin am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR in Köln-Porz. „Die meisten Flugunfälle passieren deshalb dann, wenn sich Piloten im dreidimensionalen Raum geirrt haben.“

Aus diesem Grund müssen Fliegerärzte in Deutschland auch selbst einen Flugschein mit Praxis im Cockpit nachweisen, denn nur dann können sie die Arbeitsbedingungen von Piloten richtig einschätzen. „Zudem muss ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Pilot bestehen“, sagt Götz Kluge, „denn schließlich bin ich ja nicht dazu da, den Flieger vom Fliegen abzuhalten, sondern dafür zu sorgen, dass er möglichst lange fliegen kann.“

Seit 2003 gilt in Deutschland, dass man Facharzt sein und Kurse in der Flugmedizin absolviert haben muss, bevor man Privatpiloten begutachten und Medicals der Klasse 2 ausstellen darf. Nach drei Jahren Praxis in diesem Bereich, Weiterbildungen bei der Ärztekammer und Erwerb der Anerkennung als Flugmediziner kann man dann schließlich Sachverständiger für die Klasse 1 werden.

Arbeitsfeld der Flugmediziner

Die Augen sind bei den meisten Piloten die größten Hindernisse für das Medical. Foto und Copyright: DLR

Das Arbeitsfeld der Flugmediziner ist aber noch viel größer und umfasst unter anderem die Flugphysiologie, die Unfallanalyse, Gefahren beim Fliegen, die durch Lärm oder Schadstoffe entstehen, Jetlag und Thrombosen, die Angst vor dem Fliegen bei Passagieren, die beruflich fliegen müssen, Notdienste und Flugrettung sowie die Behandlung der Reisekrankheit. Im Kölner DLR-Institut kommt dann noch die
Raumfahrtmedizin hinzu, wozu unter anderem die medizinische Begutachtung von Astronautenkandidaten für das Europäische Astronautenkorps und die medizinische Betreuung von ESA-Astronauten während bemannter Raumflüge gehört.

Die Weiterbildungszeit für Fachärzte, welche als Flugmediziner arbeiten wollen, beträgt sechs Monate und muss bei einem „Weiterbildungsbefugten“ absolviert werden. Danach darf der frisch zugelassene Fliegerarzt selbst das fliegende Personal unter seine Fittiche nehmen.

Die Verantwortung für die Personen, die sich dem Arzt anvertrauen ist sehr groß, weil sie – siehe die Bewegung in der dritten Dimension – Fragen der Flugsicherheit betrifft. Götz Kluge berichtet von einem Piloten, bei dem er, der zuvor von Kollegen jahrelang als tauglich eingeschätzt worden ist, nach 13 Jahren Fliegerei Farbenblindheit feststellen musste. Angesichts der immer häufigeren Installation von Farbbildschirmen auch in Privatflugzeugen kann so etwas tödliche Folgen haben.

„Natürlich wird heute dank der gründlichen Ausbildung auch sorgfältiger untersucht“, meint Kluge, „aber man braucht auch Erfahrungen in der Menschenführung.“ Die meisten Piloten kennen ihre gesundheitlichen Probleme selbst am besten, und manch einer versucht sie sogar vor dem Arzt zu verbergen. Die Angst, er könnte dem Piloten, der für sein Leben gern fliegt, plötzlich und aus heiterem Himmel das Tauglichkeitszeugnis verweigern und damit den Lizenzentzug herbeiführen, sitzt mit zunehmenden Lebensalter immer tiefer. „Diese Angst müssen wir ihm nehmen. Wir kennen sie gut, denn wir sind ja selbst Piloten. Darum werden Sie mich im Untersuchungszimmer auch nie im weißen Kittel sehen“, lacht der erfahrene Fliegerarzt, „denn das sieht so offiziell aus.“

Trotzdem muss man manchmal auch streng sein, im Interesse der Flugsicherheit und der Gesundheit und des Lebens des Piloten. „Mit entsprechender Vorsorge und Therapie gibt es aber auch eine ganze Reihe Sonderregelungen. Wir haben schon vielen geholfen, dass sie ihr Hobby weiter betreiben können“.

Zur Startseite
Jobs Luftfahrtberufe Firmenkontaktmesse der Uni Stuttgart StepIN bringt Unternehmen und Studenten zusammen

Von DLR bis Safran: Auf der Firmenkontaktmesse StepIN der Fachschaft Luft-...