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Vought-Sikorsky OS2U Kingfisher: Multitalent der US Navy

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In der zweiten Hälfte der 30er Jahre forderte die US Navy ein Nachfolgemuster des Nahaufklärers Curtiss SOC Seagull. Nach und nach wurde dieser veraltete Doppeldecker von der modernen OS2U Kingfisher von Vought-Sikorsky ersetzt, die sich während des Zweiten Weltkriegs hervorragend bewährte.

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Für ihre großen Schlachtschiffe suchte die US Navy in den 30er Jahren ein neues Bordflugzeug. Drei Firmen bewarben sich, darunter auch die Chance-Vought Aircraft Division, die seinerzeit noch zur United Aircraft Corporation gehörte und bis 1943 mit Sikorsky zusammenarbeitete. Die Konkurrenz bestand mit der Naval Aircraft Factory XOSN-1 und der Stearman XOSS-1 aus zwei Doppeldecker-Mustern. Am 22. März 1937 erhielt schließlich Vought von der US Navy den Auftrag zur Fertigung und Erprobung eines Prototyps ihres Entwurfs VS-310. Dieser war unter der Leitung von Rex Beisel entstanden, der sich später auch als Konstrukteur des legendären Marinejägers Vought F4U Corsair hervortun sollte.

Das als Kingfisher (Eisvogel) bezeichnete Muster war im Gegensatz zu seinem Doppeldecker-Vorgänger, der Curtiss Seagull, als freitragender Tiefdecker ausgelegt. Ferner erwies er sich als der erste zweisitzige Nahaufklärer für Katapultstarts von Bord schwerer Schiffseinheiten der US Navy. Rex Beisel wandte bei diesem mit Landeklappen und Spoilern ausgestatteten Flugzeug erstmals das gewichtsparende Punktschweißverfahren an. Mit ihm sollte auch die Einsatzlebensdauer der Zelle entscheidend verlängert werden.

Am 1. März 1938 absolvierte der Kingfisher-Prototyp, die XOS2U-1 (BuAer No. 0951), in East Hartford, Connecticut, seinen erfolgreichen Jungfernflug. Am Steuerknüppel der Maschine saß Paul Baker, der am 19. Mai 1938 auch den ersten Wasserstart durchführte. Die XOS2U-1 war mit einem luftgekühlten Neunzylinder-Sternmotor R-985-4 Wasp Junior von Pratt & Whitney ausgerüstet, der eine Startleistung von 327 Kilowatt (445 PS) entwickelte und der 2160 Kilogramm schweren Maschine zu einer Höchstgeschwindigkeit von 283 km/h verhalf. Ihre Mustererprobung verlief zufriedenstellend, und es waren nur einige geringfügige Änderungen am Rumpfanschluss des Zentralschwimmers erforderlich.

Prototyp auch als Landflugzeug

Die Vought-Sikorsky OS2U-1 Kingfisher konnte auch als Landflugzeug eingesetzt werden. Foto: KL-Dokumentation

Als charakteristisches Merkmal der Kingfisher, die man zusätzlich zu ihrer ursprünglichen Hauptaufgabe als bordgestützter Nahaufklärer auch für die Küstenüberwachung und Seenotrettung vorsah, galt ihr zentrales Schwimmwerk. Es erwies sich als äußerst seefest und konnte bei Bedarf gegen ein Spornradfahrwerk für landgestützte Einsätze ausgetauscht werden. Bereits der Prototyp XOS2U-1 wurde 1938 in dieser „trockenen“ Auslegung untersucht.

Die erste Serienversion der Kingfisher stellt die OS2U-1 dar, die erstmals im April 1940 flog. Vier Monate später wurde sie zur Erprobung unter Einsatzbedingungen von der US Navy übernommen. Diese erfolgte an Bord des Schlachtschiffes USS „Colorado“ (BB45) und danach bei der VO-4 (Observation Squadron Four). Schon nach kurzer Zeit fand die Kingfisher die volle Zustimmung der Marine, so dass ihre Weiterentwicklung fortgesetzt werden konnte. Insgesamt wurden 54 Exemplare der OS2U-1 bis Ende 1940 bei Vought-Sikorsky gebaut. Davon übernahmen die NAS Pensacola, Florida, 15 Einheiten und die NAS Alameda, Kalifornien, zwölf Maschinen, während man sechs der Battle Force in Pearl Harbor, Hawaii, zuwies.

Die nachfolgende OS2U-2 unterschied sich lediglich durch die 344 kW starke Wasp-Junior-Variante R-985-50 und eine abgeänderte Ausrüstung von der ersten Kingfisher. Noch vor Ende 1940 übernahm die US Navy die ersten von insgesamt 158 Maschinen (BuAer-Nummern 2189 bis 2288 und 3073 bis 3130), die sie in erster Linie für die Neuaufstellung der so genannten Inshore Patrol Squadrons in NAS Jacksonville, Florida, verwendete.

Als letzte Serienversion galt die OS2U-3, die am 17. Mai 1941 unter der Führung von Boone Guyton erstmals flog. Unmittelbar darauf wurden der Navy die ersten Flugzeuge zugewiesen. Die OS2U-3 glich weitgehend den ersten beiden Varianten, verfügte jedoch über mehr Kraftstoff und eine zusätzliche Panzerung für die Besatzung. Nach der Auslieferung von 1006 Exemplaren (BuAer-Nummern 5284 bis 5941, 5942 bis 5989 und 09393 bis 09692) endete im Jahr 1942 die Serienfertigung der Kingfisher. Hinzu kamen aber noch 300 Maschinen (01216 bis 01515) dieser Version, die von der Naval Aircraft Factory (NAF) in Philadelphia, Pennsylvania, gebaut und als OS2N-1 bezeichnet wurden. Die Gesamtzahl aller gebauten Kingfisher belief sich somit auf 1519 Einheiten.

Großbritannien setzt auf die Kingfisher

Bis Ende 1941 waren alle 17 großen Schlachtschiffe der US Navy mit den neuen Bordflugzeugen ausgerüstet. Auch die leichten Kreuzer sowie einige Zerstörer besaßen zu diesem Zeitpunkt zwischen zwei und vier Kingfisher pro Schiff. Der Start erfolgte jeweils mit Hilfe eines rund 20 Meter langen Katapults. Zur Landung steuerte der Pilot seine Maschine auf eine Art Schlitten, der von einem Bergungsschiff gezogen wurde. Dieses schleppte dann die OS2U neben das Trägerschiff, wo ein Kran das Flugzeug an Bord hob.

Im Mai 1942 begann schließlich auch die Karriere dieses Musters in der Royal Navy, deren Fleet Air Arm für gewisse Schiffseinheiten dringend ein Bordflugzeug benötigte. Diese Aufgabe hatte bis dahin der mit zwei Schwimmern ausgestattete Doppeldecker Fairey Seafox versehen. Da es aber diesbezüglich kein britisches Nachfolgemuster gab, nahm man zwei amerikanische Typen in die engere Wahl und entschied sich letztlich für die Vought-Sikorsky OS2U-3.

Die Royal Navy erhielt im Rahmen des Pacht- und Leihabkommens ab Sommer 1942 insgesamt 100 Kingfisher (FN650 bis FN749). Als erste Einheit wurde in Lee-on-Solent die No. 703 Squadron aufgestellt, die bald einen Bestand von 40 Maschinen hatte. Die restlichen wurden von der in RNAS Piarco, Trinidad, stationierten No. 749 Squadron noch bis Frühjahr 1945 für Trainingszwecke verwendet. Die primäre Einsatzaufgabe der britischen Kingfisher stellte ebenfalls die bordgestützte Nahaufklärung dar, doch konnten sie auch von Landstützpunkten operieren. Sie kamen vorwiegend von Bord der bewaffneten Handelskreuzer zum Einsatz, und zwar in erster Linie zum Schutz der alliierten Geleitzüge im Atlantischen und im Indischen Ozean. Ende 1944 stellte die Royal Navy alle Bordflugzeuge außer Dienst, so dass auch die No. 703 Squadron aufgelöst werden musste. Unmittelbar vor Kriegsende gab man der US Navy 20 Kingfisher wieder zurück.

Zahlreiche Rettungseinsätze

Drei Vought-Sikorsky OS2U Kingfisher der US Navy im Formationsflug. Foto: KL-Dokumentation

Bezüglich dieses kleinen und äußerst vielseitigen Flugzeugs war das Pacht- und Leihabkommen aber auch für die Streitkräfte anderer Nationen von großem Wert. Für den Einsatz im Fernen Osten erhielten die Niederlande 24 OS2U-3, von denen ab April 1943 die Royal Australian Air Force 18 Maschinen übernahm. Weitere Kingfisher der dritten Version erhielten außer Chile (15), Argentinien (9) und Uruguay (6) noch Mexiko (6) und die Dominikanische Republik (3).

Schon bald nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 8. Dezember 1941 hatte die OS2U ihre Feuertaufe. Wegen ihrer Seetüchtigkeit war die Kingfisher nämlich auch zur Rettung abgeschossener Flugzeugbesatzungen hervorragend geeignet. Es sei hier nur an die Kingfisher „The Bug“ erinnert, die am 11. November 1942 das mit drei Mann besetzte Schlauchboot einer notgewasserten B-17 Flying Fortress sichtete. Sie konnte die Flieger bergen und in Sicherheit bringen. Unter ihnen befand sich auch Captain Eddie Rickenbacker, das berühmte amerikanische Fliegerass aus dem Ersten Weltkrieg.

Selbst bei der Bekämpfung von U-Booten mit Spreng- und Was-serbomben erwies sich die Kingfisher als erfolgreich, obwohl sie für diese Sonderaufgabe überhaupt nicht vorgesehen war. Nur wenige Monate nach Kriegsende nahm die Navy jedoch die Kingfisher aus dem Dienst. Damit endete die Geschichte eines überaus erfolgreichen Seeflugzeugs, das sich wegen seiner Zuverlässigkeit bei allen Besatzungen einer ähnlichen Beliebtheit erfreute wie die deutsche Arado Ar 196.
Hans Redemann/PH

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