Am 21. Januar 1968 stürzt ein amerikanischer B-52-Bomber mit vier Wasserstoffbomben brennend in Grönland ab. Eine riesige arktische Fläche wird dabei mit radioaktivem Plutonium kontaminiert. Auch fast 60 Jahre später sind nicht alle Details des Unglücks öffentlich.
Geheime Kernwaffenmission
Die Boeing B-52G Stratofortress des 380th Strategic Bomb Wing war auf einer Routinemission über Grönland unterwegs. Das Flugzeug mit der Seriennummer 58-0188 und dem Rufzeichen HOBO 28 kam aus dem Bundesstaat New York, um die Frühwarnsysteme für ballistische Raketen auf der von den USA betriebenen Thule Air Base (heute Pituffik Space Base) in Grönland zu überwachen.
An Bord des Langstreckenbombers waren vier Wasserstoffbomben mit je 1,1 Megatonnen Sprengkraft. Seit ihrer Indienststellung bei der US Air Force im Februar 1955 diente die achtstrahlige B-52 als primärer Träger von Atomwaffen und fungierte als ein strategisches Abschreckungsmittel im Kalten Krieg.

Drei B-52G Stratofortress beim Start: Ein US-Bomber dieses Typs stürzte am 21. Januar 1968 in Grönland ab.
Feuer im Cockpit und Crash
Durch eine defekte Heizung fing am 21. Januar 1968 im Cockpit der 58-0188 ein Kissen unter dem Sitz eines der Piloten Feuer. Löschversuche der Besatzung blieben erfolglos. Als eine Notlandung auf der Thule Air Base durch den Rauch im Cockpit und einen Stromausfall unmöglich wurde, gab der Kommandant den Befehl zum Absprung. Sechs Besatzungsmitglieder überlebten. Einer der Piloten starb beim Absprung an einer Kopfverletzung.
Das nun unbemannte Flugzeug durchbrach gegen 15:40 Uhr Ortszeit das Eis des Wolstenholme-Fjords etwa zwölf Kilometer von der Thule Air Base entfernt und sank bis 250 Meter ins Wasser.
Die vier nuklearen Sprengköpfe detonierten nicht. Trotzdem verteilten sich Plutonium und Bombenfragmente bei der Explosion, die durch den Aufprall verursacht wurde, über Kilometer hinweg auf dem Eis. Für die US Air Force war es bereits der dreizehnte Absturz einer Maschine mit Nuklearwaffen an Bord seit 1958.
Über 10.000 Kubikmeter kontaminierter Schnee und verseuchtes Eis mussten nach dem Absturz entfernt werden. Feines schwarzes Eis, entstanden aus einer Mischung aus Kerosin, Kohlenstoff und winzigen Bombenfragmenten, entpuppte sich als das größte Risiko an der Absturzstelle. Etwa 80 Prozent des freigesetzten Plutoniums waren darin eingelagert.

Das schwarze Eis an der Absturzstelle musste restlos entfernt und in die USA gebracht werden.
Die US-Luftwaffe übernahm die Reinigung unter extremen Bedingungen. Bei Temperaturen von minus 27 Grad Celsius, völliger Dunkelheit und regelmäßigen Schneestürmen mussten Schnee und Eis abgetragen werden. Schließlich wurden tausende Tonnen verstrahlter Abfall in die USA verschifft und in South Carolina gelagert.
Die verschollene vierte Bombe?
Nach dem Absturz suchte die US Air Force intensiv um die Absturzstelle herum nach einzusammelnden Wrackteilen und Waffenresten. Im Juli und August 1968 entsandte sie das U-Boot Star III, um den Meeresgrund des North Star Bay abzugrasen, wo das Flugzeug nach dem Absturz aufgekommen war. Offiziell war dieses Unterfangen Teil eines Radioaktivitätsmessprogramms; tatsächlich handelte es sich um eine geheime Suchaktion. Gerüchten zufolge war eine der vier Bomben nie gefunden und von den USA im Eis zurückgelassen worden.

Die Thule Air Base (inzwischen Pituffik Base) ist die nördlichste militärische Entrichtung der USA.
Suche nach dem Urankern
Doch nach einer ganzen Bombe wurde nicht gesucht. Das vermisste Teil war der Urankern, der die Fusionsstufe der Bombe triggert. Das U-Boot machte zahlreiche Tauchgänge, entdeckte zwar viele Flugzeugtrümmer, das gesuchte Bombenteil aber nie. Der Urankern blieb verschollen. Die vier Bomben selbst wurden nach dänischen Forschungsergebnissen alle beim Aufprall zerstört.
Das Unglück offenbarte eine unbequeme Wahrheit. Dänemark hatte öffentlich eine strikte Nichtnuklearpolitik proklamiert, aber heimlich US-amerikanische Kernwaffenlager und -flüge über Grönland geduldet.
Die USA stationierten zwischen 1958 und 1965 mindestens 48 Nike-Hercules-Luftverteidigungsraketen mit Atomsprengköpfen sowie zeitweise vier- und zweistufige Atombomben in Thule. Seit 1961 führte das Strategic Air Command täglich zwei Flüge mit nuklear bewaffneten B-52 durch, um die Anlage zu überwachen – ohne dass die dänische Regierung offiziell darüber unterrichtet wurde.
Zoff zwischen Dänemark und den USA
Nach dem Absturz am 21. Januar 1968 erklärte die dänische Regierung öffentlich, dass "Grönland dem atomwaffenfreien Status unterliegt" und dass "es keine amerikanischen Überflüge mit Atomwaffen gibt".
Was folgte, war ein intensives diplomatisches Pokerspiel. Washington konnte einen möglichen Bruch des Verteidigungsabkommens mit Dänemark nicht riskieren, das die militärische Präsenz in Grönland garantierte. Das Frühwarnsystem in Thule war strategisch zu wertvoll.
Im Mai 1968 einigten sich die beiden Regierungen auf ein geheimes Abkommen. Die USA würden keine Atomwaffen in Grönland lagern oder mit Atombomben über Grönland fliegen. Zumindest nicht in Friedenszeiten. Im äußersten Notfall behielten sich die USA vor, es trotzdem zu tun – womit Dänemark sich einverstanden erklärte, unter der Prämisse, vorab informiert zu werden. Eine Klausel, die im Kriegsfall schwer durchzusetzen wäre, wie alle Beteiligten wussten.
Die Details zum Absturz blieben damals geheim. Viele Informationen halten die USA bis heute zurück.





