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MilEvakOp Afghanistan Bundeswehr
Evacuation at Hamid Karzai International Airport
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Flucht aus Kabul - Wettlauf gegen die Uhr

Wettlauf gegen die Uhr Rückblick auf die große „Flucht aus Kabul“

Mit einer großen Luftbrücke flogen westliche Luftstreitkräfte bis Ende August etwa 124 000 Menschen aus Afghanistan aus, nachdem die Taliban die Macht übernommen hatten. Auch die Luftwaffe war mit sieben A400M dabei.

Eine Minute vor Mitternacht war es am 30. August 2021, als die letzten US-Soldaten den Hamid Karzai International Airport im Norden von Kabul verließen und damit die "größte Evakuierungsoperation für Nichtkombattanten in der Geschichte" beendeten, wie General Stephen R. Lyons, Kommandeur des US Transportation Command, betonte. Als Letzte stiegen US-Botschafter Ross Wilson und Generalmajor Chris Donahue, Kommandeur der 82nd Airborne Division, in eine Boeing C-17A Globemaster III.

Vormarsch der Taliban

Donahue befehligte die über 5000 amerikanischen Soldaten, die nach dem rapiden Vormarsch der Taliban und dem Zusammenbruch der afghanischen Armee in aller Eile wieder nach Afghanistan gebracht wurden, um den Flughafen zu sichern. Unterstützt wurden die Amerikaner dabei von Soldaten aus anderen Ländern wie Großbritannien und Frankreich. Auch die Bundeswehr war mit einer Einsatzgruppe aus Fallschirmjägern und Spezialkräften unter Brigadegeneral Jens Arlt vor Ort.

MAXAR
Das Flughafengelände liegt am Nordrand von Kabul, mit dem zivilen Terminal unten im Bild.

Chaos nach dem Einmarsch

Ziel war es, "deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sowie einheimische Ortskräfte und ihre Familien und weitere Schutzbedürftige in Sicherheit zu bringen". Das Problem dabei: In dem Chaos nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul war es für die Menschen extrem schwierig, zum Flughafen zu kommen und Einlass zu erhalten. Zeitweise mussten alle Tore geschlossen werden. Angesichts der dramatischen humanitären Lage im Umfeld des Flughafens flog die Bundeswehr auch Lebensmittel, insbesondere Babynahrung, Windeln, Hygieneartikel und andere Hilfsgüter über Taschkent nach Kabul.

Auch die Kontrollen, wer für einen Ausflug berechtigt war, gestalteten sich sehr schwierig. Gegenüber der undurchsichtigen und gefährlichen Lage am Boden war der Flugbetrieb selbst weniger problematisch, denn nach Gesprächen mit General Kenneth F. McKenzie, dem Kommandeur des US Central Command, hatten die Taliban am 15. August zugesichert, die Evakuierungsflüge nicht zu behindern. Trotzdem wurden natürlich taktische Steilanflüge durchgeführt. Die Airbus A400M des Lufttransportgeschwaders 62 aus Wunstorf pendelten zwischen Kabul und Taschkent in Usbekistan; ein Flug dauerte etwa eine Stunde und zwanzig Minuten.

SAC
Auch die der NATO gehörenden C-17A des Heavy Airlift Wing in Pápa wurden genutzt.

Landeerlaubnis

Zunächst mussten aber die Bodenkräfte nach Kabul gebracht werden. Dafür starteten am 16. August zwei A400M in Wunstorf. Um 21.57 Uhr erwirkten die Piloten nach langem Kreisen im Luftraum über Kabul eine Landeerlaubnis. Nach einer durch die USA genehmigten Stehzeit von nur 30 Minuten, einer Ausgangssperre ab 21 Uhr, welche die Taliban verhängt hatten, einer nicht etablierten Schleuse am Flughafen und einer bis zuletzt unsicheren Landeerlaubnis konnten um 22.42 Uhr die ersten sieben Personen evakuiert werden. Neben den Soldaten wurden am 20. August noch zwei Hubschrauber des Typs H145M nach Kabul geflogen, um "die Handlungsmöglichkeiten des Kommandeurs vor Ort zu erweitern". Eingesetzt wurden sie letztlich aber – soweit bekannt – nicht.

Während der Evakuierungsoperation wurden bis zu knapp 1000 Personen pro Tag aus Kabul ausgeflogen. Um das zu schaffen, hatte man, wie bei anderen Nationen auch, die regulären Beladerichtlinien aufgehoben. So passten für den Flug nach Taschkent statt der üblichen 116 Soldaten bis zu 230 Personen in den Laderaum einer A400M. Von Taschkent aus erfolgte der Weitertransport nach Deutschland dann mit Flugzeugen der Lufthansa (u.a. A340) oder A310 der Flugbereitschaft.

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Bundeswehr
Die Luftwaffe flog mit ihren A400M von Taschkent aus nach Kabul.

Notfallpläne

Als sich der Endtermin 31. August für die internationale Operation abzeichnete, gaben die Amerikaner offenbar das Ende der Flüge für die Verbündeten vor. Für die Luftwaffe hieß dies, dass am Nachmittag des 26. August die deutschen Soldaten aus Kabul zurückverlegt werden sollten. Diese Aktion wurde überschattet durch einen Selbstmordanschlag der Terrormiliz ISIS-K, der zufällig zur selben Zeit stattfand. Daher wurden die "Notfallpläne für eine Emergency Departure ausgelöst".

Insgesamt 37 Evakuierungsflüge waren am Ende zusammengekommen, bei denen 5347 Menschen aus mindestens 45 Nationen in Sicherheit gebracht wurden. Laut Bilanz des Innenministeriums vom 6. September waren darunter 4129 afghanische und 469 deutsche Staatsangehörige. Eingereist sind 248 Ortskräfte und 916 Familienangehörige, also insgesamt 1164 Personen.

Bundeswehr
Bis zu 230 Personen wurden im Frachtraum der A400M befördert.

Civil Reserve Air Fleet

Diese Zahlen reihen sich ein in die Bilanz von insgesamt 124334 ausgeflogenen Menschen. Den größten Anteil daran haben mit etwa 79000 Personen natürlich die USA, die vor allem ein Großaufgebot an C-17 und C-130 im Einsatz hatten (387 Flüge ab Kabul). Deren Ziel war meist die große Basis Al Udeid in Katar, von wo aus die Evakuierten weiter auf Basen in Europa wie Ramstein oder Rota und Moron verteilt wurden. In Ramstein wurde für die Ankömmlinge eine große Zeltstadt vor den Hangars errichtet. Für den Weitertransport in die USA wurde erst zum dritten Mal überhaupt die Civil Reserve Air Fleet (CRAF) aktiviert.

Hilfslieferungen per Flugzeug

Insgesamt 18 Maschinen von American, Atlas Air, Delta, Omni Air, Hawaiian und United wurden angefordert. Nach dem Ende der militärischen Evakuierungsaktion wurde der Betrieb des zivilen Flughafens für einige Inlandsflüge am 5. September wieder aufgenommen. Zuvor hatten Techniker aus Katar Funkgeräte im zerstörten Tower installiert und die beschädigte Start- und Landebahn repariert. Noch sind die Flugbetriebseinrichtungen aber sehr lückenhaft. Ein Radar steht derzeit nicht zur Verfügung. Katar begann am 5. September auch mit Hilfslieferungen per Flugzeug nach Kabul. Am 9. September flog Qatar Airways die ersten Passagiere aus der afghanischen Hauptstadt aus.

Außenministerium
Ab 5. September flog Qatar Airways wieder Hilfsgüter nach Kabul.

Afghanistan-Evakuierung – Länderübersicht

Australien (Operation Accordion): 4100.
C-17, C-130J nach Nahost. KC-30A und 787-9 von Qantas weiter nach Australien, A340 gechartert von Hi Fly
Belgien (Operation Red Kite): knapp über 1400.
C-130, zwei A400M von Kabul nach Islamabad, 23 Flüge dann weiter mit A330 MRTT und zivilen Airlines nach Brüssel
Dänemark: etwa 1000.
C-130 Hercules bis Islamabad
Frankreich (Opération Apagan): 2834.
Drei A400M und C-130 nach Al-Dhafra (26 Flüge), dann zwei A330 Phénix nach Paris
Großbritannien (Operation Pitting): über 15 000.
Etwa 100 Flüge mit C-17 Globemaster III (99 Squadron), vier A400M C1 (LXX Squadron), C-130J Hercules nach Al Minhad AB in den VAE, A330 Voyager
Indien (Operation Desi Shakti): über 800.
C-17 nach Delhi und C-130J nach Duschanbe
Italien (Operation Aquila Omnia): 5011.
3 KC-767 und 5 C-130J bis Kuwait
Japan: 1.
Eine C-2 und zwei C-130 im Einsatz
Kanada (Operation AEGIS): 3700.
Kabul–Kuwait. CC-130 J Hercules, CC-150 Polaris und CC-177 Globemaster
Neuseeland (Operation Kōkako): 276.
Drei Flüge mit C-130 Hercules
Niederlande: 2500.
C-130 bis Islamabad, C-17 direkt nach Holland
Norwegen: knapp 1000.
C-130J nach Tiflis, Georgien
Polen: an die 1000.
Kabul nach Usbekistan, dann weiter mit LOT
Rumänien: 23.
Drei Flüge mit C-130
Schweden: über 1100.
Zwei C-130 Hercules vor Ort
Spanien (Operation Antígona): 1898.
Fünf A400M nach Dubai
Südkorea (Operation Miracle): 390.
Drei C-130J
Tschechien: 195.
Drei Flüge mit Airbus A319 CJ
Türkei: 1400.
Vier A400M nach Islamabad, dann weiter mit Turkish Airlines
Ukraine: etwa 600.
Kam Air 737 und Il-76 nach Islamabad.
Ungarn (Operation Sámán): 540
USA (Operation Allies Refuge): 79 000.
C-17A und C-130, insgesamt 387 Flüge nach Al Udeid Airbase (Katar). Von dort weiter nach Europa und USA