Air Tractor AT-802
Was will die US Air Force mit einem Sprühflugzeug?

Ein Sprühflugzeug wird die neue Plattform für die "bewaffnete Überwachung" von Einsätzen des US Special Operations Command. Die AT-802U erhält dafür eine umfassende Sensor- und Kommunikationsausstattung.

Was will die US Air Force mit einem Sprühflugzeug?
Foto: L3Harris

Auch wenn sich der Fokus der US-Streitkräfte nach dem Abzug aus Afghanistan nun auf mögliche kriegerische Auseinandersetzungen mit gut ausgestatteten Mächten wie China oder Russland richtet, kann man Einsätze gegen Terroristen und Aufständische nicht völlig von der Aufgabenliste streichen. Dies gilt insbesondere für das US Special Operations Command, das neben zahlreichen Hubschraubern auch Flugzeuge für die Unterstützung seiner Einsatzgruppen betreibt. Dazu zählen auch U-28A Draco – Pilatus PC-12-Turboprops – mit zusätzlicher militärischer Ausrüstung, die bald zur Ablösung anstehen.

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Seit einigen Jahren wird daher unter dem Stichwort "Armed Overwatch" ("Bewaffnete Überwachung") ein Ersatz gesucht, der die nach wie vor in der nationalen Verteidigungsstrategie vorgesehenen Einsätze gegen "gewalttätige extremistische Organisationen" auf der ganzen Welt "kostengünstig" aus der Luft unterstützen kann. Es geht darum, von dem bisher notwendigen "Air Stack" wegzukommen, der die parallele Verwendung einer ganzen Reihe von spezialisierten Plattformen wie AC-130, A-10, MQ-9 oder U-28 vorsieht. Das kostet über 150.000 US-Dollar die Stunde, wie Generalleutnant James C. "Jim" Slife vom Air Force Special Operations Command im April bei einer Anhörung im Kongress erläuterte. Mit einem neuen Flugzeug sollen die Kosten auf "etwas weniger als 10.000 Dollar" gesenkt werden.

L3Harris
Unter dem Stichwort "Armed Overwatch" wurde nach einer kostengünstigen Alternative für die bald zur Ablösung anstehenden U-28A Draco gesucht.

"Sinnvolle Investition"

"Die Idee der Armed-Overwatch-Plattform ist, dass es sich um eine modulare Fähigkeit handelt, sodass man das Flugzeug mit einer umfassenden Palette von Sensoren ausstatten kann, die über das hinausgeht, was heute bei den meisten speziellen ISR-Plattformen verfügbar ist. Oder man kann die Plattform mit einer robusten Anzahl von Präzisionsmunition ausstatten", erläuterte Slife. "Es hängt wirklich von der Mission ab, und daher ist die bewaffnete Überwachungsplattform eindeutig kein Allheilmittel für jede taktische Situation, in der sich eine Bodentruppe befinden könnte. Aber für das, was wir uns unter einer dauerhaften Mission zur Bekämpfung gewalttätiger extremistischer Organisationen vorstellen, halten wir sie für eine sinnvolle Investition."

Diese Investition hat nach den Plänen des SOCOM ein Volumen von bis zu drei Milliarden Dollar und soll 75 Flugzeuge, Trainings- und Missionsplanungssysteme, Unterstützungsausrüstung, Ersatzteile und Logistik umfassen. Nachdem man die Skepsis im Kongress anscheinend überwunden hat, stehen im aktuellen Haushalt zunächst 170 Millionen Dollar für die Entwicklung und Beschaffung der ersten sechs Flugzeuge bereit. Angestrebt wird eine vorläufige Einsatzbereitschaft bis 2026 und ein Abschluss des Beschaffungsprogramms bis Juli 2029.

L3Harris
Beim Vergleichsfliegen 2021 auf der Eglin AFB, nahm ein Testflugzeug teil.

AT-802U setzt sich durch

Das Geld geht dabei an L3Harris (Communications Integrated Systems), das im August 2022 als Gewinner der Armed-Overwatch-Ausschreibung verkündet wurde, was schon eine Überraschung ist – oder eben auch nicht, denn anscheinend erfüllt ein mit militärischen Systemen ausgerüstetes und bewaffnetes Sprühflugzeug die speziellen Anforderungen des SOCOM am besten und preiswertesten. Jedenfalls hat die AT-802U in der Endauswahl einen von den Flugleistungen her besseren Turboprop (Beechcraft/Textron AT-6 Wolverine) genauso aus dem Feld geschlagen wie ein bewaffnetes leichtes Transportflugzeug (MC-145B Coyote/M-28 aus Polen, angeboten von Sierra Nevada). Diese beiden Konkurrenten waren wie die Bronco II von Leidos und die MC-208 Guardian von MAG an einem am 14. Mai 2021 beauftragten Vergleichsfliegen auf der Eglin AFB in Florida beteiligt, bevor im letzten November die finalen Angebote eingeholt wurden.

"Diese robuste, einfach zu betreibende Plattform wird in Bereichen mit wenig Luftabwehr und harten Umweltbedingungen auf der ganzen Welt eingesetzt werden, um unsere Spezialeinheiten vor Ort zu schützen", sagte USSOCOM-Kommandeur General Richard Clarke. Das Ziel sei es, "ein kostengünstiges, zuverlässiges, robustes Mehrzweck-Flugzeugsystem kleiner bis mittlerer Größe zu beschaffen, das über mehrere Fähigkeiten verfügt, die derzeit von spezialisierten Plattformen wahrgenommen werden, wie etwa Luftnahunterstützung, Präzisionsschläge sowie Aufklärung und Überwachung", so das USSOCOM in einer Erklärung.

L3Harris
Das Cockpit ist mit großen Monitoren und einer Computertastatur ausgestattet.

Lange Patrouillenflüge

Auf genau diese Anforderungen wurde die Sky Warden (Himmelswächter) zugeschnitten, so L3Harris. Basis dabei ist das Landwirtschaftsflugzeug AT-802 von Air Tractor aus Olney in Texas, das unter dem Namen Longsword für ähnliche Aufgaben bereits an die Vereinigten Arabischen Emirate verkauft wurde. Zur "Militarisierung" der Maschine gehört der Einbau einer leichten Panzerung für die zweiköpfige Besatzung, der Rumpftank und das Pratt & Whitney PT6A- 67F-Triebwerk. Außerdem wurden im Cockpit zahlreiche große Bildschirme und hinten sogar eine Computertastatur installiert, die eine optimale Anzeige und ein einfaches Management des Lagebilds ermöglichen sollen. Zur Avionikausstattung gehört ein Garmin-3000-Flight-Management-System inklusive Autopilot für die langen Patrouillenflüge – mehr als acht Stunden Flugzeit im Zielgebiet sollen möglich sein.

Für die Kommunikation mit der Einsatzzentrale und den Spezialkommandos am Boden sind zahlreiche Funkgeräte (VHF, UHF, UHF-Satcom, Link 16) installiert, einschließlich einer Antenne für Ku-Band-Satellitenkommunikation. Die Sensorausstattung umfasst je nach Bedarf einen MX-15- oder MX-20HD-Behälter von L3Harris, der hochauflösende TV- und Infrarotbilder liefert (1900 x 1080 Pixel) und auch eine Zielbeleuchtung mit Laser ermöglicht. Unter den Tragflächen können zudem ein Thales-I-Master-Radar (30 kg, vier Betriebsarten) und Behälter für die Signalaufklärung und elektronische Überwachung des Gebiets mitgeführt werden.

Was die Bewaffnung betrifft, stehen laut Hersteller bis zu elf Aufhängungspunkte unter Tragflächen und Rumpf zur Verfügung. Typischerweise werden 70-mm-Raketen (Hydra, BAE Systsems APKWS) mitgeführt, aber auch MG-Behälter (12 oder 20 mm) und Präzisionsbomben (GBU-12) sind möglich. Dazu kommen bei Bedarf AGM-114-HellfireLenkwaffen, alles angebunden über einen MIL-STD-1760-Datenbus.

Etwa 100 neue Arbeitsplätze

L3Harris plant nun den Armed-Overwatch-Prototyp des letzten Sommers schnell in die Produktionskonfiguration umzubauen, sodass die Militärs die Waffensystemtests im Frühjahr 2023 beginnen können. Die Produktion neuer, vollständig modifizierter Flugzeuge in der bestellten Einsatzkonfiguration wird ebenfalls 2023 anlaufen. Dabei liefert Air Tractor noch "leere" Flugzeuge aus Texas zum Modifikationszentrum von L3Harris in Tulsa, Oklahoma. Hier werden um die 100 neue Arbeitsplätze geschaffen, so das Unternehmen. Zunächst geht es um die Lieferung von sechs neuen Flugzeugen im Rahmen der Loses 1 Low Rate Initial Production. Geld für neun weitere Maschinen will das SOCOM im Haushalt 2023 unterbringen.

L3Harris
Lange Patrouillenflüge: Mehr als acht Stunden Flugzeit im Zielgebiet sollen möglich sein.

Technische Daten

Air Tractor AT-802U Sky Warden

Allgemeine Angaben
Besatzung: 2
Antrieb: 1 x Pratt & Whitney PT6A-67F
Startleistung bis 40 Grad C: 1190 kW

Abmessungen
Länge: 10,88 m
Höhe: 3,96 m
Spannweite: 18,04 m
Flügelfläche: 37,25 m2

Massen
Einsatz-Leermasse mit Panzerung: 3705 kg
Waffenzuladung: 2720 kg
Kraftstoff: 1438 l im Flügel, 1363 l im Rumpf
max. Startmasse: 7257 kg

Flugleistungen
Höchstgeschwindigkeit: 394 km/h in 3050 m Höhe
Patrouillengeschwindigkeit: 333 km/h
Dienstgipfelhöhe: 7600 m
Startrollstrecke bei 6000 kg Abflugmasse: 425 m
Landerollstrecke: 366 m
Reichweite mit Rumpftank: 2415 km
Patrouillenzeit: 8+ h

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