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Eurofighter Typhoon der Royal Air Force. Crown Copyright 2021
Die vier Eurofighter-Partnerländer haben neue Modernisierungsmassnahmen für den Eurofighter beauftragt.
RAF Typhoon Aircraft
RAF Typhoon Pilot Climbs into the Cockpit Before a Mission Over Libya
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Warum die Royal Air Force bald noch kleiner wird

Auf Sparkurs Warum die Royal Air Force bald noch kleiner wird

Die Mitte März vorgestellte "integrierte" Überprüfung der britischen Außen- und Verteidigungspolitik bescherte der Royal Air Force weitere herbe Einschnitte. Die Hoffnung ist, dass im Gegenzug Milliarden-Investitionen bald neue Fähigkeiten bringen werden.

Nach dem Brexit definiert Großbritannien seine Position in der Welt neu. Oberstes Ziel ist es dabei, "eine wohlhabende und widerstandsfähige Nation mit einer globalen Perspektive zu werden". Diesbezüglich veröffentlichte die Regierung von Boris Johnson bereits im März mehrere Grundlagendokumente, wie "Globales Großbritannien im Zeitalter des Wettbewerbs – Die integrierte Überprüfung der Sicherheits-, Verteidigungs-, Entwicklungs- und Außenpolitik" und, davon abgeleitet, die "Verteidigung in einem wettbewerbsorientierten Zeitalter" mit Details für die Streitkräfteplanung. Dazu kam die "Defence and Security Industrial Strategy", ein strategischer Ansatz für die britische Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie.

Neue Strategie

Laut Verteidigungsminister Ben Wallace soll die neue Strategie sicherstellen, dass "unsere Streitkräfte bedrohungsorientiert, modernisiert und finanziell tragbar sind. Unser Militär wird bereit sein, sich zukünftigen Herausforderungen zu stellen", wobei eine kontinuierliche Anpassung an neue Bedrohungen in den Bereichen Land, See, Luft, Weltraum und Cyberspace notwendig sei. In dieser Hinsicht will die britische Regierung in den nächsten fünf Jahren 14 Prozent mehr für das Militär ausgeben.

Enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Militär

Allein 85 Milliarden Pfund (98 Mrd. Euro) sind bis 2025 für Ausrüstung eingeplant, "damit unsere Streitkräfte anpassungsfähig und wettbewerbsfähig sind und im Bedarfsfall entschlossen kämpfen können. Dies wird 400 000 Arbeitsplätze (…) im Vereinigten Königreich erhalten", so Wallace. Gefordert ist dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Militär, auch hinsichtlich einer Steigerung der Rüstungsexporte, um die für Großbritannien wichtige Hightech-Industrie langfristig abzusichern. Bisher hatte das Ministerium mehr auf harten Wettbewerb gesetzt.

BAE Systems
Zukunftshoffnung von BAE Systems ist der neue Kampfjet Tempest.

Hohe Investitionen für Tempest und UAVs

Allein für die weiteren Arbeiten am neuen Kampfflugzeug Tempest und seinen "Loyal Wingman" sollen in den nächsten vier Jahren zwei Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) investiert werden, um zusammen mit internationalen Partnern ein "weltweit führendes Luftkampfsystem zu schaffen". Daneben gibt es Pläne, gegen Mitte des Jahrzehnt in einen neuen mittelschweren Mehrzweckhubschrauber zu investieren, der mehrere aktuelle Muster ablösen kann. Hier dürfte Leonardo (ehemals Westland) in Yeovil eine wichtige Rolle spielen, um diesen Industriebereich zu sichern. Erwähnt wird auch die Intensivierung der Forschung für neue Hyperschallwaffen sowie die Notwendigkeit für neue Marschflugkörper und Seezielflugkörper.

Space Command

Mehr Geld (1,4 Milliarden Pfund über zehn Jahre) fließt nun in die militärische Raumfahrt, zumal gerade das eigenständige Space Command aufgestellt wurde. Die Rede ist von neuen Aufklärungssatelliten. Für die Aufklärung werden auch 16 (statt der zunächst geplanten 20) General Atomics Protector als Ersatz für die aktuell neun MQ-9 Reaper beschafft. Als AWACS sollen ab 2023 drei Boeing E-7 zulaufen, die auf Basis gebraucht gekaufter 737-Verkehrsflugzeuge ausgerüstet werden. Hier waren ursprünglich fünf Maschinen geplant – nur drei Maschinen sehen Experten als viel zu wenig für einen vernünftigen Einsatz an. Die E-7 werden im schottischen Lossiemouth neben den neun Boeing P-8A Seefernaufklärungsflugzeugen stationiert, die derzeit ausgeliefert werden.

Verbesserung der Flugabwehr

Beim Heer gehen derzeit neue AH-64E Apache in den Dienst. Schließlich plant das Verteidigungsministerium zu den 48 bisher bestellten Lockheed Martin F-35B weitere Lightning II zu beschaffen, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Die einmal angestrebte Stückzahl von 138 Joint Strike Fightern dürfte jedenfalls bei weitem nicht erreicht werden. Was das Heer betrifft, so geht es um eine Verbesserung der Flugabwehr gegen Drohnen, ein Thema, dessen Dringlichkeit der jüngste Krieg im Kaukasus aufgezeigt hat.

Nimrod E-3D Sentry Air Early Warning Aircraft
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Noch in diesem Jahr werden die letzten Boeing E-3D verabschiedet.

Mehrere Flugzeuge werden ausgemustert

Diesen und diversen anderen Zukunftsversprechen für die Teilstreitkräfte steht allerdings eine lange "Verlustliste" entgegen. Der Sentimentalität, "ehemals kampferprobte, jetzt aber veraltete Fähigkeiten zu schützen", erteilte Verteidigungsminister Wallace dabei ein klare Absage. "Deshalb haben wir die Aufgabe, künftige Bedrohungen ausfindig zu machen und zu verstehen und in die Fähigkeiten zu investieren, die wir brauchen, um sie zu besiegen, in den Mittelpunkt (...) gestellt". Zumindest für die Royal Air Force heißt dies, dass sie weiter zusammenschrumpft:

  • Die verbliebenen Eurofighter Typhoon der Tranche 1 werden bereits bis 2025 statt bis 2030 ausgemustert, so dass für die weiterhin geplanten sieben Einsatzstaffeln lediglich 107 Maschinen der Tranche 2 und 3 verbleiben. Diese sollen immerhin weiter modernisiert werden, unter anderem durch den Einbau eines AESA-Radars und durch die Integration der Abstandswaffe SPEAR Capability 3.
  • Die noch vorhandenen 14 Lockheed Martin C-130J Hercules werden bis Ende 2023 aus dem Verkehr gezogen, obwohl die Streitkräfte eigentlich in der Lage sein sollen, "schneller und effektiver über lange Distanzen zu intervenieren". Im Transportbereich fallen jedenfalls 5500 Flugstunden jährlich weg. Entsprechend müssen die neuen A400M Atlas intensiver genutzt werden, sofern es deren bisher mangelhafte Verfügbarkeit zulässt. Auch taktische Einsätze müssen sie übernehmen, ganz im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland, die gerade eine neue, gemeinsame Hercules-Staffel aufstellen.
  • Die Boeing E-3D Sentry AEW1, die mangels Modernisierung und Wartungsinvestitionen eine sehr geringe Verfügbarkeit vorweisen, werden noch in diesem Jahr ausgemustert. Dies führt zu einer zweijährigen Fähigkeitslücke bis zur Einführung der E-7, die in Kooperation mit der AWACS-Flotte der NATO überbrückt werden soll.
  • Die fünf Sentinel-R1-Gefechtsfeldüberwachungsflugzeuge (auf Basis des Bombardier Global-Express-Geschäftsreisejets) wurden bereits zum 31. März aus dem Betrieb genommen, obwohl sie kaum älter als zehn Jahre sind. Somit verbleiben in Waddington nur noch drei Boeing-Rivet-Joint-Flugzeuge der No 51 Squadron.
  • Neun ältere Chinooks des Heeres (aus einer Flotte von etwa 60) werden ausgemustert, wobei aber in neuere Versionen des bewährten Transporthubschraubers investiert werden soll (bisher sind 14 Maschinen des CH-47F-Models im Dienst).
  • Die in die Jahre gekommenen Puma HC2 werden abgestoßen und wie oben erwähnt durch ein neues Muster ersetzt.
  • Die etwa 35 Hawk T1 von BAE Systems, die noch für das Training genutzt werden, sollen bis 2025 verschwinden. Lediglich die Red Arrows werden das Flugzeug behalten. Sie müssen bis Ende 2022 nach Waddington umziehen, da Scampton geschlossen wird. Generell wird das neue militärische Flugtrainingssystem durch weitere Investitionen in synthetisches Training verbessert, um schneller und effizienter fähige Piloten zu produzieren, heißt es.
  • Die vier BAe 146 werden im nächsten Jahr in den Ruhestand gehen; ihre Rolle wird von einem Airbus A321 übernommen, der von Titan Airways geleast wurde und neben der Voyager ZZ336 als wichtigstes VIP-Flugzeug Großbritanniens eingesetzt wird. Der Jet, G-XATW, hat eine ähnliche Ausstattung wie die Voyager erhalten.

Defence Review

Insgesamt wird die Flotte der Royal Air Force ab Mitte des Jahrzehnts also deutlich anders aussehen als bisher – vorausgesetzt, die aktuelle Defence Review bringt bessere Ergebnisse als die bisherigen, die "zu ehrgeizig und unterfinanziert waren, was dazu führte, dass die Streitkräfte überfordert und unterausgerüstet waren", so Verteidigungsminister Wallace im Parlament.