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Schneller, besser, kostengünstiger

Die Raketen von SpaceX

Elon Musk, der Multimillionär und Firmengründer von SpaceX, polarisiert: Von genial bis größenwahnsinnig wurde er schon mit allen denkbaren Attributen belegt. Mit der NASA ist er bereits im Geschäft, jetzt will er die Etablierten auf dem kommerziellen Startmarkt angreifen.

Mit PayPal und Zip2 hatte Elon Musk enorme Gewinne erzielt, und dann erfüllte er sich einen Jugendtraum: Im Jahre 2002 gründete er das Raumfahrtunternehmen Space Exploration Technologies Corporation – allseits als SpaceX bekannt – und etablierte dieses mittlerweile als feste Größe auf dem kommerziellen Markt. Er scharte engagierte Ingenieure um sich, allesamt genauso verrückt wie er, und diese konstruierten im Laufe von nur sechs Jahren die erste ausschließlich privat entwickelte Flüssigkeitsrakete der USA. Diese Falcon 1 startete am 28. September 2008 zum Jungfernflug, doch so richtig wurde das in der Branche noch nicht ernst genommen. Immerhin hatte es in der Vergangenheit zahllose Anläufe zu solchen kommerziellen Programmen gegeben, von denen kein einziges erfolgreich geworden ist.

Musk und sein Team indessen verblüfften mit ihrem Selbstbewusstsein, was jedoch vielfach als Größenwahn gedeutet wurde. 2006 nämlich meldeten sie sich für die NASA-Ausschreibung Commercial Orbital Transportation Services (COTS) an, weil die Administration die Stationsversorgung nach dem Ende der Space-Shuttle-Ära in die Hände privater Anbieter geben wollte. Obwohl SpaceX zu dieser Zeit weder über die für die geforderten Dienste benötigte größere Trägerrakete noch über eine Raumkapsel für den Frachttransport verfügte, muss Musk die Staatsbediensteten wohl mit seiner Begeisterung angesteckt haben, denn er ging neben drei anderen Unternehmen als einer der Gewinner aus dem Wettbewerb hervor.

Während eine Falcon 1 am 14. Juli 2009 den malaysischen Satelliten RazakSat ins All brachte, arbeiteten die Experten also weiter am größeren Modell Falcon 9 mit Blickrichtung auf COTS sowie parallel dazu an der Raumkapsel Dragon, und obwohl es bei der Rakete ein paar Startverschiebungen aus technischen Gründen gab, blieben alle Beteiligten zuversichtlich und brachten den neuen Träger schließlich am 4. Juni 2010 ins Weltall – wohlgemerkt: nur acht Jahre nach Firmengründung! Zwei Testflüge mit der Dragon-Kapsel folgten, um der NASA die Zuverlässigkeit des Systems zu beweisen, und seitdem haben bereits drei Versorgungsflüge zur Raumstation stattgefunden, alle ohne größere Probleme.

Insgesamt lautet der Vertrag zwischen der NASA und SpaceX über zwölf solcher Missionen mit einer Gesamtmasse der zu transportierenden Ladung von 20 Tonnen, was – unter Berücksichtigung der geringeren Fracht beim ersten Testflug – etwa 1,7 Tonnen pro Flug entspricht. Derzeit arbeitet Musks Trupppe schon an der Schwerlastrakete Falcon Heavy, deren Erststufe aus drei baugleichen „Cores“ besteht, wie jetzt jeweils einer die Falcon ins All bringt. Das Arbeitsprinzip dieser neuen Gesamtstufe besteht darin, dass aus den äußeren Tanks ständig Treibstoff und Oxidator nach innen gepumpt wird, so dass die 18 Triebwerke der Außenblocks früher abgestellt und die dann nutzlosen Booster abgeworfen werden. Der Mittelblock indessen fliegt weiter, und das Gesamtsystem soll schon mehr als sechs Tonnen Nutzlast in eine erdnahe Umlaufbahn befördern können.

Offenbar arbeiten hier die besten ihres Faches

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Inzwischen werden jene Stimmen immer leiser, welche Musk Größenwahn unterstellt haben, und es gibt kaum noch Zweifel daran, dass er in relativ kurzer Zeit auch die Falcon Heavy einsatzbereit haben wird. Obwohl noch keine Hardware existiert und auch keine Tests durchgeführt worden sind, steht bereits ein Startauftrag von Intelsat im Auftragsbuch. Mit weniger als 500 Mitarbeitern hat dieser Visionär offenbar einige der besten Ingenieure der US-Raumfahrtindustrie um sich geschart, denen auch künftig alles zuzutrauen ist.

Ein Organisationsgenie ist er auf jeden Fall. Man darf nicht übersehen, dass unter den drei anderen COTS-Mitbewerbern nur ein privates, straff geführtes und schlank aufgebautes Unternehmen ist – Orbital Sciences mit der ebenfalls selbst entwickelten Trägerrakete Antares und der Raumkapsel Cygnus. Der dritte Mitbewerber ist der Großkonzern Boeing mit seiner bemannten Kapsel CST-100, die frühestens 2017 zu einem ersten Testflug abheben soll, und der vierte ist die Sierra Nevada Corporation mit ihrem kleinen Raumgleiter Dream Chaser, allerdings mit starker Unterstützung seitens der NASA.

Bei SpaceX denkt man aber schon an die Zeit nach der ISS, die nach derzeitiger sicherer Planung bis 2022, nach US-Vorstellungen bis 2024 betrieben wird. Dragon soll eine bemannte Nachfolgerin für bis zu sieben Astronauten bekommen, bei der Raketenfamilie arbeitet man an teilweiser und schließlich kompletter Wiederverwendbarkeit, und den kommerziellen Startbetrieb behält man auch im Auge: 2014 finden elf Flüge statt, davon drei zur ISS. Bis 2018 stehen 26 Flüge in einer Startliste auf der Website des Unternehmens. Arianespace muss sich warm anziehen, wenn alles so klappt, wie sich Musk und seine Verrückten das vorstellen.


FLUG REVUE Ausgabe 09/2014

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