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Billigflug-Riese

Ryanair plant Wachstumsschub

Die Nummer eins im europäischen Niedrigpreis-Flugverkehr will noch größer werden. Mit neuer Freundlichkeit und weniger Gebühren will Ryanair die nächste Zielgruppe erobern: Geschäftsreisende.

Neues Interesse an Primärflughafen

Ab September 2014 bekommen wir endlich wieder neue Flugzeuge geliefert, nach eineinhalb Jahren Pause„, sagt Ryanair-Vorstandschef Michael O’Leary bei einer Pressekonferenz in Frankfurt-Hahn Mitte Mai 2014. Bei Boeing liegen Ryanair-Bestellungen für 180 neue Jets vor. Die letzten fünf Aufträge wurden erst Ende April 2014 unterzeichnet. Bis März 2019 sollen alle diese Flugzeuge ausgeliefert werden, bis zu 50 pro Jahr. Bis dann will Ryanair auf 110 Millionen Passagiere im Jahr gewachsen sein. Damit hat die Fluggesellschaft bisher 528 Boeing 737-800 geordert. Sie betreibt nur dieses eine Muster in dieser einen Version, aktuell 300 Flugzeuge mit einem Durchschnittsalter von unter fünf Jahren. Mit 81,5 Millionen Passagieren im Jahr ist die mit 523 Millionen Euro Betriebsgewinn im Jahr hochprofitable Ryanair die größte Fluggesellschaft im europäischen Linienverkehr. Sie bedient 186 Flughäfen in 30 Staaten auf über 1600 Routen. Der Durchschnittspreis pro Ticket liegt bei Ryanair derzeit bei 48 Euro, der Branchendurchschnitt dagegen bei 160 Euro.

In Deutschland ist Ryanair seit 15 Jahren aktiv. “Heute sind wir hier die Nummer drei. Aber wir möchten weiter wachsen„, kündigt der Vorstandschef an. In Deutschland bedient Ryanair derzeit zwölf Ziele mit 169 Routen. 8,6 Millionen Passagiere werden hier im Jahr befördert. Erkennbar nimmt man neuerdings auch verstärkt Kurs auf die größeren Flughäfen wie Nürnberg, Köln oder Leipzig. “Frankfurt-Hahn ist aber kein Sekundärflughafen für uns„, stellt O’Leary klar. “In Hahn sind im Sommer sechs und im Winter vier Flugzeuge fest stationiert, in Köln nur eins. Wir wollen überall wachsen. Im nächsten Winter legen wir alleine hier in Hahn drei neue Routen auf. Ohne Luftverkehrsabgabe könnten wir unser Passagieraufkommen in Hahn in wenigen Jahren locker von heute zwei auf vier Millionen, vielleicht sogar auf sechs Millionen Fluggäste bringen.„ In Sachen Luftverkehrsabgabe hat Ryanair mit dem für Hahn zuständigen Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz (SPD), einen Verbündeten gefunden, der vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Abgabe geklagt hat.

Zurück zur Ryanair-Strategie: Neben einer größeren Flotte und attraktiveren Flughäfen will Ryanair vor allem neue Kunden gewinnen, indem sie kundenfreundlicher wird. “Wir müssen die Dinge reparieren, die die Kunden nicht mögen„, sagt Svenja Damzog, Sales & Marketing Executive aus der Ryanair-Zentrale. So habe das Unternehmen im April seine Website neu strukturiert, so dass man statt vorher 15 Klicks nur noch fünf Klicks bis zur Buchung brauche. 24 Stunden lang dürfe man zudem kleinere Schreibfehler beim Namen ausbessern, was früher nicht gebührenfrei möglich war. Außerdem wurde ein bei den Kunden ungeliebter “Recaptcha„-Sicherheitscode auf der Website entfernt.Wichtiger dürften aber deutliche Nachlässe bei den gefürchteten Gebühren für nicht selbst ausgedruckte oder vergessene Bordkarten (15 Euro statt vorher 70 Euro Gebühr) oder nachträglich aufzugebendes Gepäck (15 Euro statt vorher 60 Euro) sein. Zehn Kilogramm Handgepäck und neuerdings zusätzlich eine Tüte, Laptop- oder Handtasche darf man bei Ryanair ohne Aufschlag mitnehmen. Jeder Fluggast erhält neuerdings einen festen Sitzplatz, so dass etwaige “Rangeleien„ entfallen. Eltern mit kleinen Kindern und Behinderte (mit Voranmeldung) boarden bei Ryanair zuerst, noch vor den Kunden mit aufpreispflichtigen Wunschplätzen in der vorderen Kabine. Seit Februar dürfen an Bord elektronische Geräte durchgehend im Flugmodus benutzt werden. Bei Früh- und Spätflügen verzichtet die Fluggesellschaft auf die tagsüber üblichen Werbedurchsagen an Bord, um die Ruhebedürftigkeit müder Passagiere zu respektieren.

Seit Januar 2014 findet man Ryanair auch auf der Website Google Flight Search, seit März desselben Jahres ist Ryanair über Reisebüros buchbar, und ab Juni 2014 will man elektronische Bordkarten per Mobiltelefon anbieten. Dann soll auch ein noch nicht näher erläutertes, vierstufiges Angebot für Geschäftsreisende starten. Diese können dann, gegen Aufpreis, Tickets mit zeitlich befristeter Umbuchungs- und Namensänderungsoption erwerben – ein weiteres Indiz dafür, wie stark der Billigflieger künftig auf den Markt der Geschäftsreisenden zielt. Hier dürfte sich ein erbitterter Kampf mit den klassischen Linien airlines anbahnen.

Die Konkurrenz wirbt Piloten ab

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Natürlich müssen die zusätzlichen Flugzeuge auch von Piloten gesteuert werden. Deshalb sucht Betriebsgeschäftsführer (COO) Mick Hickey verstärkt fliegendes Personal. Rund 3000 Piloten und 6000 Flugbegleiter hat Ryan air bisher. Im Jahr 2013 habe man 440 neue Copiloten eingestellt, 2014 seien “etwas mehr„ Einstellungen geplant, so Hickey: “Bei uns fliegen Piloten aus 45 Nationen. Dabei sind Polizisten, Zahnärzte, Bauern, Militärpiloten, Bankiers und Künstler, nur keine Journalisten„, sagt Hickey, der sich nach zwölf Jahren als Flugzeugmechaniker beim Irish Air Corps bei Ryanair von ganz unten hochgearbeitet hat. “Von unseren Pilotenbewerbern fallen 50 Prozent durch. Aber von denen, die durchkommen, schaffen es anschließend 99 Prozent„, sagt Chefpilot Ray Conway. Wir prüfen technisches Verständnis, fliegerisches Gefühl und fliegerische Grundkenntnisse, die Auge-Hand-Koordination und Lernfortschritte bei einem 737-Simulatorflug. Die müssen keine Experten sein. Wir wollen aber sehen, können die das Wissen von Kleinflugzeugen auch bei großen Jets anwenden? Und wie reagieren sie bei Schwierigkeiten?“ Etwa 1000 Bewerber werden jedes Jahr näher begutachtet.

Wer bei Ryanair einsteigen will, muss die kostspielige Linienpilotenlizenz („Frozen ATPL“) bereits mitbringen und auch das 737-Rating haben oder noch selbst erwerben. Nur die Hälfte der Piloten wird fest angestellt. Der Rest wird über Personalagenturen beschäftigt. Die Gehälter liegen im Mittelfeld. Für viele Piloten interessanter sein dürften feste Dienstpläne mit freien Tagen, Einsätze ohne Nachtflüge und die regelmäßige abendliche Rückkehr an die Heimatbasis.

Immerhin winken relativ schnelle Beförderungen nach vier bis fünf Jahren zum Kapitän. So sind 180 Erste Offiziere 2013 auf den linken Sitz gerückt. Weitere 60 fertige Kapitäne wurden extern eingestellt. Typischerweise wird ein First Officer nach etwa zweieinhalb Jahren, also vor dem Aufstieg zum Kapitän, zunächst Simulatorlehrer. Hier soll er sein aktuelles Praxiswissen an die „Frischlinge“ weitergeben. Erfahrene Kapitäne können dagegen später zum Simulator-Examiner (Prüfer) aufsteigen.

Die schnell wachsende Flugerfahrung der auf sehr diszipliniertes Fliegen gedrillten Ryanair-Piloten macht diese auch bald zu begehrten Kandidaten bei anderen Fluggesellschaften. Ryanair räumt ein, dass kürzlich etwa Emirates und Norwegian gezielte Abwerbungskampagnen durchgeführt hätten. Trotzdem sei die Fluktuation mit unter fünf Prozent pro Jahr beim fliegenden Personal eher gering.

Auch beim Flugbetrieb merkt man Ryanair das Geschäftsmodell „Niedrigpreis-Airline“ an. So liegen die Iren, laut einer Studie der britischen Flugsicherung, in Großbritannien seit sieben Jahren an der Spitze bei der treibstoffsparenden Nutzung von Anflügen. Außerdem verursacht Ryanair die wenigsten Verletzungen vorgegebener Flughöhen. Nicht gespart werde dagegen beim Reservekraftstoff, tritt Chefpilot Ray Conway anderslautenden Medienberichten entgegen. Im Jahr 2013 seien 99,987 Prozent aller Ryanair-Flüge mit mehr als der laut Flugplan vorgeschriebenen Kerosinmenge gestartet. Die Mitnahme zusätzlicher Reserven müsse schriftlich begründet werden, „wir erwarten aber, dass die Piloten mehr Kraftstoff mitnehmen“, sagt Conway. Er habe die Daten von 517 000 Flügen den Luftfahrtbehörden zur Prüfung übermittelt, ohne dass dort Bedenken aufgekommen seien.

„An erster Stelle steht bei uns ‚sicher‘, an zweiter Stelle ‚effizient‘“, sagt Mick Hickey. „Wir haben alleine 42 Ersatztriebwerke, Stückpreis 9,65 Millionen Dollar, in den Lagern. In den letzten fünf Jahren hatten wir weltweit die geringsten technischen Probleme aller 737-Betreiber.“ Außerdem überwache man die gesamte Flotte per Daten-Telemetriesystem. 18 000 Flüge pro Jahr würden systematisch hinsichtlich Fehler-Trends beobachtet. Wenn man etwa eine Häufung harter Landungen an einem Flughafen feststelle, lasse man dessen entsprechende Anflugverfahren prüfen und notfalls ändern. In 29 Jahren Flugbetrieb sei bei Ryanair noch kein Passagier zu Schaden gekommen.

Ryanair Schlüsselmärkte 2013

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Ryanair Schlüsselmärkte 2013

Niedrigpreisverkehr verliert die Exotenrolle

Land Sitze* Ryanair-Marktanteil
Spanien 103 Mio. 18 %
Italien 84 Mio. 21 %
Belgien 17 Mio. 21 %
Irland 16 Mio. 40 %
Polen 14 Mio. 27 %
Portugal 20 Mio. 13 %
Großbritannien 115 Mio. 13 %
Marokko 11. Mio. 13 %
Deutschland 112 Mio. 4 %
Frankreich 73 Mio. 6 %

*angebotene Sitze

FLUG REVUE Ausgabe 07/2014

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