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Lufthansa-Tochter

Eurowings auf Langstrecke

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Direktflug statt umsteigen, Wahlpreis statt Linientarif, Economy statt Business und First Class. Mit der neuen Eurowings baut Lufthansa einen Gegenentwurf zur eigenen Netzwerkairline auf. Auch Langstrecken werden jetzt bedient.

Über 50 Prozent der Kunden sagen uns, nur der Preis entscheidet. Die Kunden nutzen Direktangebote, sobald es die gibt. Das kann man nicht ignorieren. Wir wollen damit wieder Wachstumsperspektiven für die Lufthansa-Gruppe schaffen und neue Marktsegmente erobern, bevor es andere tun. Euro­wings reagiert auf eine Marktentwicklung, die offensichtlich ist. Das ist ein großer Tag für uns alle. Wir haben ein Jahr lang daran gearbeitet.“ Mit diesen Worten umriss Lufthansa-Konzernvorstand Karl Ulrich Garnadt, er leitet auch den Vorstand der Sparte Lufthansa Passage,  sein neuestes Konzept. Die als besonders kaufkräftige, reiselustige und schneller als die Geschäftsreisenden wachsende Kundengruppe der Privatreisenden soll hier ein maßgeschneidertes Angebot finden. Für sie wird die Lufthansa-Tochter Eurowings unter erneuerter Marke nicht nur Germanwings auf den Mittelstrecken beerben, sondern auch zu völlig neuen Ufern aufbrechen: Am 2. November startete am Köln Bonn Airport mit dem Airbus A330-200 (D-AXGA) das neue Flaggschiff im Niedrigpreisbereich des Lufthansa-Konzerns zur Langstreckenpremiere nach Varadero auf Kuba.

Die neue Eurowings bedient ab Köln/Bonn auch die Langstreckenziele Punta Cana und Puerto Plata in der Dominikanischen Republik, Phuket und Bangkok in Thailand sowie Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ab Mai 2016 sollen außerdem die US-Destinationen Las Vegas, Miami und Boston angeboten werden. Besonders Boston könnte auch für Geschäftsreisende interessant sein. Im Sommer 2016 folgen schließlich mit Muscat, Mauritius und Teheran die nächsten  Ziele. Sieben A330-200-Langstreckenflugzeuge sind für Eurowings schon für die Aufbauphase bis 2017 vorgesehen, weiteres Wachstum nicht ausgeschlossen. In den kommenden drei Winterhalbjahren, also 2015/2016, 2017/2018 und 2019/2020, hilft zudem die früher bei Thomson Airways in England eingesetzte und für die jetzigen Einsätze eigens ins deutsche Register aufgenommene Boeing 767-300ER, D-ATYE, von TUI saisonal im Linienflugbetrieb. Die ersten vier Flugzeuge für die neuen Eurowings-Langstrecken werden ab Köln eingesetzt. Zweiter  Langstreckenflughafen von Eurowings könnte aber, noch ist es nicht amtlich, schon ab dem Winterflugplan 2016/2017 Berlin-Schönefeld werden.

Die maximal 310 Passagiere der Eurowings-A330 finden an Bord ein reinrassiges Angebot der Economy Class vor. Allerdings ist auch dieses, nach dem bereits von Germanwings her bekannten Muster dreistufig unterteilt: Im Bug befindet sich ein Abteil mit 21 Sesseln des „Best“-Bereichs (Sitzanordnung 2-3-2), diese Plätze entsprechen den neuen Premium-Economy-Sesseln bei Lufthansa und haben satte 115 Zentimeter Sitzabstand. Dahinter folgen 46 reguläre Economy-Class-Sitze in einem gesonderten Abteil mit auf 86 Zentimeter erhöhtem Abstand, dem sogenannten „More-Comfort-Bereich“  (Sitzanordnung 2-4-2), und schließlich folgt die ganz normale „Basic“-Economy Class mit 243 Sitzen und 76 Zentimetern Sitzabstand (Sitzanordnung ebenfalls 2-4-2).  Die niedrigsten Preise gibt es, wenig überraschend, im „Basic“-Bereich.

Wer es nur auf „Sitz, Handgepäck und Wasser“ (Garnadt) anlegt, wird hier zum Beispiel bei einem Angebot Richtung Dubai schon ab 99,95 Euro pro Platz und Richtung fündig. Wer zusätzliche Wünsche hat, etwa Mahlzeiten und andere Getränke als Wasser, kann diese hinzukaufen. Dafür sind im etwas höheren „Smart“-Tarif bereits Aufgabegepäck und das Essen mitsamt Getränken inkludiert. Auch hier können als aufpreispflichtige Extras zum Beispiel Unterhaltungspakete im Filmprogramm (ab 9,99 Euro) und der Internetzugang (ab 3,90 Euro für das kleinste Paket) an Bord hinzugebucht werden. Immer kostenlos ist übrigens das Kinderprogramm an Bord. Die Mischung aus Sitzklasse, dem fest zugehörigen Komfortpaket und einzeln zubuchbaren Leistungen soll jedem Passagier eine maßgeschneiderte Versorgung an Bord ermöglichen und im Gegenzug der Airline, die am Markt nur durch die Werbung mit möglichst niedrigen Einstiegspreisen wahrgenommen wird, zusätzliche Einnahmequellen bescheren.

Mit 50 Prozent wird der Kostenvorteil gegenüber den klassischen Lufthansa-Linienflugangeboten angegeben. Zum Sparrezept gehört neben dem Direktvertrieb über das Internet eine nur geleaste, „sortenreine“ Flotte (Garnadt) aus zu günstigen Mietpreisen verfügbaren und technisch zur A320-Flotte passenden Airbus A330-200. Betrieben wird die A330 bei Eurowings durch SunExpress Deutschland. Weil Eurowings auf Business Class und First Class verzichtet, passen relativ viele Fluggäste an Bord. Zudem beschäftigt Eurowings Personal, dessen Entlohnung deutlich unter dem Gehaltsniveau des klassischen Lufthansa-Konzerntarifvertrages (KTV) liegen wird. Einzelne Erste Offiziere bei Germanwings, die teilweise nach Lufthansa-KTV bezahlt werden, erhalten ein Angebot, künftig entweder zum Eurowings-Kapitän aufzusteigen, dann aber ohne KTV, oder aber, weiter im KTV bleibend, zu Lufthansa als Copilot zurückzuwechseln.

Große Europa-Pläne

Zurück zum Sparkonzept: Germanwings bedient vor allem Strecken mit erkannt hoher und stabiler Nachfrage von Privatreisenden. Durch die enge Zusammenarbeit mit Veranstaltern füllen deren Pauschalkunden ganze Sitzplatzkontingente und sorgen für eine hohe Grundauslastung. Während die bisherige Germanwings im Gesamtjahr 2015 „nur“ die Gewinnschwelle erreicht, will die neue Eurowings schon 2016 einen Gewinn ausweisen. Ziel für Eurowings sei es außerdem, „die Nummer 3 in Europa zu werden und die Nummer 1 in Deutschland zu bleiben“, so Karl Ulrich Garnadt. Damit zielt das ehrgeizige Wachstum auf den Platz hinter den Branchenriesen Ryanair und easyJet. 2016 soll Eurowings um 40 Prozent wachsen, davon die Hälfte auf Langstrecken.

Natürlich stößt dieses neue Paralleluniversum im Lufthansa-Konzern bei den restlichen Konzernmitarbeitern auch auf Argwohn. Verlagert Lufthansa ihr Wachstum in eine Tochtergesellschaft mit geringer bezahlten Angestellten unter Umgehung des klassischen Konzern-Tarifvertrags? Genau das gilt als einer der Streikgründe bei den jüngsten Arbeitsniederlegungen von Piloten der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit und Flugbegleitern der Gewerkschaft UFO bei Lufthansa Passage. Da rechtlich gesehen Gewerkschaften nicht wegen der Inhalte einer Unternehmensstrategie streiken dürfen, sondern nur wegen Tariffragen, erhält man hierzu allerdings keine offizielle Bestätigung.

Der Lufthansa-Konzernvorstand verfolge auch Wachstumspläne für den klassischen Bereich Passage, entgegnet Karl Ulrich Garnadt. Das neue Eurowings-Konzept sei „keine Abkehr vom alten System“. So habe Lufthansa selbst gerade mit Tampa in Florida ein neues Ziel ab Frankfurt aufgenommen.

Hier verkehrt allerdings die in Star-Alliance-Farben (ohne Lufthansa-Schriftzug) lackierte und intern „Jump“ genannte Abteilung mit konzerneigenen, bilanziell bereits abgeschriebenen und damit günstigeren Lufthansa-Airbus-A340-300, in deren Cockpits nun, gegenüber der Mutter, etwas schlechter bezahlte Piloten von Lufthansa CityLine sitzen. In der Kabine findet man allerdings, anders als bei der neuen Eurowings, ein komplettes Lufthansa-Angebot mitsamt regulärer Lufthansa Business Class und regulärem Lufthansa-Essen. Nur die Erste Klasse wird auf den „Jump“-Routen mit ihrem stets touristischen Schwerpunkt grundsätzlich nicht angeboten.

Natürlich befliegt Eurowings nicht nur Langstrecken. Auch im Kurz- und Mittelstreckenverkehr will das Unternehmen wachsen. Dazu lässt Lufthansa die Marke „Germanwings“ auslaufen, um sie durch die weniger national und dafür europäischer gefärbte  Marke „Eurowings“ zu ersetzen. Schon im Januar 2016 soll die Verwendung der Marke Germanwings beendet werden. Germanwings-Flugzeuge tragen ihre Farben aber noch bis zur jeweils nächsten planmäßigen Neulackierung.

Schon als neue Marke startete Eurowings am 9. November ihren Betrieb an einer neuen Basis in Wien. Die österreichische Landeshauptstadt spielt eine derart wichtige Rolle, dass hier mit der im August 2015 gegründeten EWAT GmbH (Eurowings Austria) ein Tochterunternehmen entsteht, das ab Sommer 2016 die ersten beiden Eurowings-Flugzeuge  mit österreichischer Registrierung betreiben und eigenes Personal beschäftigen soll. Sechs Flugzeuge mit österreichischer Betriebslizenz (AOC) sind für diese Tochter bereits fest vorgesehen, die einmal den Großteil der künftigen Eurowings-Flotte für ganz Europa betreiben könnte.

Die Verwaltungszentrale und Direktion von Eurowings residiert dagegen bei der Eurowings Commercial and Service GmbH in Köln, im bisherigen Germanwings-Hauptquartier. Hier, in der Verkehrszentrale Integrated Operations Control Center – IOCC, überwachen und steuern 14 Mitarbeiter unter Berücksichtigung der aktuellen Wetterlage rund um die Uhr die Einsätze der Flotte und Besatzungen, die Wartung und die Passagierbetreuung. Derzeit sind es 16 Bombardier CRJ900, 43 Airbus A319, 25 Airbus A320, die geleaste Boeing 767 von TUI und der erste Airbus A330. Letzterer wird im reinen Flugbetrieb von SunExpress Deutschland betreut. Zwischen Januar 2016 und Februar 2017 kommen 23 fabrikneue A320ceo zur Flotte, die dann, dank der neuesten Airbus-Kabinenvariante mit verdichteter Bestuhlung sowie kleineren Küchen und Toilettenräumen, 180 statt 174 Passagiere befördern können. Dafür sollen 17 Bombardier CRJ900 und sieben Airbus A320 mit 174 Sitzen die Germanwings-Flotte verlassen.

Mit der neuen Eurowings will Lufthansa dichter an den Erzrivalen Ryanair herankommen und, erstmals in Kontinentaleuropa, ihre Angebots-Bandbreite um direkte Niedrigpreis-Langstreckenflüge erweitern. Karl Ulrich Garnadt sieht den Erfolg von Eurowings als existenzwichtig für den ganzen Konzern an: „Wir wollen wieder Trendsetter werden am Markt. Die Lufthansa-Gruppe soll mit durchdachten Konzepten, mehr als in den letzten 20 Jahren, wieder neue Kundensegmente erreichen. Wenn Lufthansa in den nächsten Jahren nicht die Transformation schafft, hat die Lufthansa-Gruppe keine Perspektive“, warnt der Konzernvorstand. Gleichzeitig wirbt er, Eurowings wolle zwar niedrigere, aber „marktübliche“  Gehälter zahlen. Das Gehaltsniveau bei Ryanair und Norwegian sei in diesem Zusammenhang „nicht marktüblich“.

Zwei Jahre lang gibt sich der Konzern Zeit, um den Erfolg des neuen Konzepts zu ermessen. Eine besondere Herausforderung für Eurowings dürfte ihre, bei reinrassigen Billigairlines aus Kostengründen sonst nicht übliche Abfertigung von Umsteigern sein. So könnte, laut Vorhersagen, in Köln/Bonn bis zu einem Drittel der Langstreckenpassagiere per Zubringerflug anreisen. Mittelfristig sollen weitere deutsche und europäische Standorte und Partnerschaften mit weiteren Airlines das Netz verdichten und noch mehr Direktflüge ermöglichen.

Eurowings will in Wien wachsen

Eurowings will in Wien wachsen. Foto und Copyright: Steinke

Ab März 2016 startet in Wien die neue Tochter EWAT GmbH ihren Flugbetrieb mit zwei dort stationierten Airbus A320-200. Jeden Monat soll ein Flugzeug hinzukommen, sodass im Dezember 2017 schon 20 Flugzeuge eingesetzt würden. Für das Jahr 2016 sucht EWAT 120 Piloten und 240 Flugbegleiter, für 2017 wird mit 270 Piloten und 530 Flugbegleitern geplant. EWAT zielt auf betont preisbewusste Kunden und soll sich innerhalb der Lufthansa-Gruppe unterhalb von Austrian Airlines positionieren. Damit sei sie deren „komplementäre Ergänzung“ am Standort Wien, so Eurowings. EWAT könnte künftig auch an anderen Standorten wachsen. Als mögliche weitere Eurowings-Basen hat Lufthansa bereits Brüssel und Basel ins Spiel gebracht. Im Standortrennen um die ersten Eurowings-Langstrecken waren auch die Bewerber-Flughäfen München und Düsseldorf.

FLUG REVUE Ausgabe 01/2016

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