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Steuern Piloten Flugzeuge künftig vom Boden aus?

Interview mit Hensoldt Avionics Steuern Piloten Flugzeuge künftig vom Boden aus?

Hensoldt investiert verstärkt in Avionik. Unter dem vereinheitlichten Markennamen Hensoldt Avionics sollen die Forschung an und die Entwicklung von autonomen Flugsystemen vorangetrieben werden. Die Geschäftsführer Dieter Buchdrucker und André Hinüber im Interview.

Der Sensorspezialist Hensoldt hat Anfang März sein Tochterunternehmen EuroAvionics mit Sitz in Pforzheim umbenannt. Unter dem Markennamen Hensoldt Avionics soll der zivile Avionikmarkt künftig noch stärker adressiert werden. Zur Produktpalette ghören unter anderem Lageerfassungs- und Missionsmanagementsysteme, aber auch Enhanced-Reality-Rechner und Autopilotsysteme, speziell für Drohnen. Nach eigenen Angaben finden sich die Avionikprodukte des Unternehmens in fast allen Typen von zivilen Hubschraubern verschiedener Hersteller. Unsere Partner-Website aero.de traf die beiden Geschäftsführer Dieter Buchdrucker und André Hinüber virtuell zum Interview.

Sie entwickeln Systeme für "führerlose" Flüge – zum einen für Drohnen, aber auch für die zivile Luftfahrt. Wie kann man dieses System dort anwenden?

André Hinüber: Nachdem wir in erster Linie Missions-Equipment für bemannte Systeme zur Verfügung stellen, ist der nächste Schritt die Automatisierung, mit der man auch eine Workloadreduzierung ins Cockpit bringt. Wir sind dabei, das Ganze im nächsten Schritt auch unbemannt umzusetzen.

Ein Thema ist "unbemannte Plattformen/Drohnen", wobei wir dort (noch) nicht von einem Personentransport reden, sondern von kleinen bis mittleren Drohnen, die bis zu zehn Kilogramm Payload tragen können. Diese Drohnen müssen unsere Systeme natürlich auch steuern und kommandieren können, vielleicht in Zukunft auch mit einem bemannten System zusammen. Hier spricht man dann von Manned-Unmanned-Teaming (MuM-T).

Ein weiteres Thema sind unsere "Autopiloten", welche bemannte und unbemannte Plattformen steuern. Diese Autopiloten sind in der Lage, automatische Flüge und Missionen, die am Boden geplant werden, durchzuführen. Dabei kann interaktiv auf neue Ereignisse reagiert werden. Das könnte später in größere Plattformen im Bereich Urban Air Mobility (UAM) Anwendung finden.

Aktuell entwickeln wir zu diesen Autopiloten auch die entsprechenden Bodenstationen zur Steuerung und Überwachung dieser UAMs "on ground".

Haben Sie dafür Partner für konkrete Projekte?

André Hinüber: Wir sind mit den großen, namhaften Herstellern in engem Austausch. Wir haben auch verschiedene konkrete Projekte im Bereich Urban Air Mobility.

Dieter Buchdrucker: Auch ein vom Verkehrsministerium gefördertes Projekt namens "Falke", das sich mit der Drohnenabwehr beschäftigt, ist aktuell in unserer Entwicklung.

In welchem Zeitfenster sehen Sie ein automatisch gesteuertes Flugtaxi am Himmel über Deutschland?

Buchdrucker: Ich glaube, da sprechen wir schon über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. An der Stelle muss man auch unterscheiden: von der technologischen Durchführbarkeit sind wir gar nicht so weit weg. Aber es liegt hauptsächlich an den Regularien zur Zulassung und Zertifizierung. Da ist auch sehr viel Bürokratie im Spiel.

Hinüber: In Deutschland sprechen wir mit Sicherheit über zehn Jahre, das wird gar nicht reichen. In Deutschland ist das unklare Regelwerkaus aus meiner Sicht eines der Hauptprobleme. Die dichte Besiedelung in Deutschland und Europa erschweren das Ganze. In Singapur oder Dubai wird es solche Systeme deutlich früher geben, weil man dort sowohl von den Anwendungsbereichen als auch vom Regelungswerk deutlich offener ist.

Sie hatten vorhin angedeutet, dass Ihre Technologielösungen auch für die Anwendung in Cockpits größerer Plattformen geeignet wären. Sprechen Sie da von Passagierflugzeugen?

Hinüber: Beim Thema Anwendungssysteme sind wir in der Lage, mit unserem Autopiloten unabhängig von der Größe die Plattform zu steuern. Bei unbemannten Systemen sind wir eher im kleineren Bereich, wie gesagt, Drohnen, die vielleicht 20-30 Kilo wiegen und eine Payload von 10-20 Kilo haben. Passagierflugzeuge stehen bei uns nicht im Fokus.

Unter Piloten ist es ja durchaus umstritten, nur einen Piloten im Cockpit zu haben – genauer gesagt stößt es auf wenig Gegenliebe. Welche Argumente sprechen denn Ihrer Ansicht nach dafür?

Hinüber: In ferner Zukunft werden wir dahin kommen, dass gar keine Piloten mehr im Cockpit sitzen müssen. Der Pilot "on ground" wird wahrscheinlich die Zukunft werden. Die Technik ist in Zukunft viel unanfälliger und sicherer als der Mensch, beziehungsweise der Pilot. Natürlich muss das alles überwacht werden und wir müssen in einem Notfall eingreifen können.

Aber ich glaube fest daran, dass wir in naher Zukunft dahin kommen, dass die Piloten "on ground" sitzen und die Flüge begleiten und nur noch als safety pilot agieren werden.

In Zukunft – welcher Zeitraum schwebt Ihnen da vor?

Hinüber: Hier sind die Schritte ähnlich schwierig wie bei den UAM-Systemen. Dass man einen Piloten im Cockpit hat und einen on ground könnte ich mir in fünf oder sieben Jahren vorstellen, als Vorstufe zu einem völlig autonomen Flug.

Buchdrucker: Dabei spielt natürlich der psychologische Faktor eine große Rolle. Bei der zivilen Luftfahrt haben wir schon das Thema, dass die Akzeptanz der Passagiere auch da sein muss. Denn es gibt natürlich auch Vorbehalte und Ängste. Vom kulturellen Faktor her fühlt man sich momentan einfach wohler, wenn zwei Leute im Cockpit sitzen.

Herr Buchdrucker, Herr Hinüber, vielen Dank für das Gespräch!