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Kabine in Pandemie-Zeiten: Hygiene-Demo

Hygiene-Demo Die Flugzeugkabine in Pandemie-Zeiten

Wie können Menschen im Flugzeug voneinander Abstand halten? Wie lässt sich die Sauberkeit an Bord verbessern? Die Corona-Pandemie fordert neue (und alte) Ideen für die Kabine. Eine Auswahl.

Einen Mundschutz können wir auch im Flugzeug tragen, aber wie steht es um "Social Distancing" und Hygiene an Bord? Für den langsamen Neustart der Airline-Branche sind neue und ungewöhnliche Maßnahmen nötig. Das könnte auch Konzepten, die sich bisher nicht durchgesetzt haben, Vorschub leisten.

Trennung trotz Nähe

Das Abstandhalten ist in herkömmlichen Kabinen, vor allem in der Economy-Klasse, schwierig. Nachdem die Fluggesellschaften zu Beginn der Pandemie noch die Mittelsitze freihielten, sind zumindest die meisten europäischen Airlines unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen wieder davon abgerückt. Ein freier Sitz (durchschnittliche Breite etwa 45 Zentimeter) würde ohnehin nicht die empfohlenen 1,5 bis 2 Meter Abstand zwischen zwei Personen ermöglichen.

Trotz dichter Bestuhlung schützen

In den vergangenen Wochen wurden deshalb zahlreiche Ideen vorgestellt, wie man Passagiere trotz dichter Bestuhlung schützen könnte. Der italienische Sitzhersteller Aviointeriors zeigt gleich zwei Konzepte. Ein nach Janus, dem römischen Gott mit zwei Gesichtern, benannter Entwurf sieht vor, dass der Mittelsitz entgegen der Flugrichtung gedreht ist. Eine zusätzliche Abschirmung zwischen den Sitzen soll die Fluggäste bestmöglich voneinander trennen. Inwieweit eine solche Sitzanordnung das Boarding erschweren und den Reisekomfort für den rückwärtsfliegenden Passagier beeinträchtigen würde, oder ob er überhaupt zulassungsfähig wäre, müsste die Praxis zeigen. Bei dem nachrüstbaren Konzept "Glassafe" bliebe zumindest vom Layout alles wie bisher. Es handelt sich um eine nach vorne hin offene, lichtdurchlässige Haube, die an den Rückenlehnen vorhandener Sitze befestigt wird. Das Interesse der Airlines sei groß, so Aviointeriors. Janus könnte innerhalb von acht, Glassafe innerhalb von zwei Monaten erhältlich sein.

Factorydesign
Das „Isolate Kit“ von Factorydesign soll die Passagiere separieren und auch nach der Corona-Pandemie für mehr persönlichen Raum in der Kabine sorgen, beispielsweise als schnell installierte Economy-Plus-Lösung.

"Isolate Kit"

Ebenfalls zum schnellen Nachrüsten ist das "Isolate Kit" des Londoner Designbüros Factorydesign gedacht. Eine Platte aus transparentem Thermoplastik oder einem leichten Schaumstoff könnte für eine physische Trennung zwischen Fluggästen sorgen. Allerdings wäre dafür ein freier Sitz nötig, denn die Halterung wird von den Armlehnen gestützt und mit dem Gurt gesichert. Factorydesign hält eine Markteinführung innerhalb von drei oder vier Monaten für möglich. "Es könnte auch in einer Post-Covid-Ära einen Wert haben, vor allem in Economy-Plus-Kabinen oder in der Business Class auf Kurzstrecken", so Peter Tennent, Leiter von Factorydesign.

Gemischte Kabine

Fracht als Abstandshalter zwischen Passagieren sieht der Vorschlag des US-Zulieferers HAECO Cabin Solutions vor. Eine gemischte Kabine ließe sich mithilfe verschiedener Lösungen umsetzen, die über ergänzende Musterzulassungen zertifiziert werden sollen. Die unterschiedlichen Varianten könnten miteinander kombiniert werden und seien sowohl für Standardrumpf- als auch Großraumflugzeuge gedacht.

"Interspace"-Set

Der französische Sitzhersteller Safran Seats will zusammen mit dem britischen Unternehmen Universal Movement noch diesen Sommer das nachrüstbare "Interspace"-Set für die Premium Economy auf den Markt bringen. Es umfasst gepolsterte Seitenteile, die sich aus der Rückenlehne ausklappen lassen. Sie sollen nicht nur für etwas mehr räumliche Trennung sorgen, sondern vor allem den Schlafkomfort verbessern. Die beiden Unternehmen arbeiten zudem an einer Adaption namens "Interspace Lite" für die Economy-Klasse, die ähnlich wie das "Isolate Kit" funktionieren soll.

Diehl Aviation
Diehl Aviation arbeitet an gestengesteuerten Schließmechanismen für Türen, Fächer und Sonnenblenden.

Möglichst wenig anfassen

COVID-19 dürfte dem klassischen, in die Rückenlehne integrierten Bordunterhaltungssystem mit Touchscreens auf mittlere Sicht den Garaus machen. Denn zu den Kosten für Wartung, Hard- und Software-Upgrades sowie dem Gewicht der Technik kommen nun noch ernsthafte hygienische Bedenken hinzu. Stattdessen werden Smartphones und Tablet-Computer der Passagiere wohl eine noch größere Rolle für das Entertainment übernehmen. "Bring your own device" (BYOD), bring dein eigenes Gerät mit, nennt sich der Trend, den auch etablierte Inflight-Entertainment-Hersteller wie Panasonic Avionics und Thales seit Längerem berücksichtigen, indem sie drahtlose Streaming-Lösungen anbieten.

Allerlei Abfälle und Bakterien

BYOD beeinflusst auch die Sitzhersteller. Viele Flugzeugsitze, auch für die Economy-Klasse, verfügen bereits über Halterungen für private Geräte. Obsolet werden könnte die Literaturtasche, in der neben Kundenmagazin und Duty-Free-Prospekten auch die Safety Card untergebracht ist – und in der sich allerlei Abfälle und Bakterien tummeln. Möglicherweise werden bald mehr Fluggesellschaften, ähnlich wie bereits Ryanair,die Sicherheitshinweise auf die Rückenlehne kleben und Lesestoff nur noch digital anbieten.

Gestengesteuerte Schließmechanismen

Ohne Berührung könnten sich in Zukunft auch Gepäckfächer und Fensterblenden öffnen und schließen lassen. Der deutsche Zulieferer Diehl Aviation beschäftigt sich unter anderem mit gestengesteuerten Schließmechanismen.

Hygienische Waschräume

Diehl Aviation trägt auch dem Umstand Rechnung, dass so mancher Passagier bereits vor Corona möglichst wenig Kontakt mit der Bordtoilette haben wollte. Derzeit wird ein berührungsloser Waschraum entwickelt. Tür, Klodeckel und -brille sowie Abfalleimer öffnen und schließen sich automatisch mithilfe von Elektroantrieben und ergänzen berührungslose Wasserhähne und Seifenspender. Das Ganze soll nach Angaben von Diehl auch nachrüstbar sein.

Boeing
Innerhalb weniger Sekunden werden nahezu alle Keime abgetötet.

Selbstreinigende Toilette

Einen anderen Ansatz schlug Boeing bereits vor einigen Jahren mit einer selbstreinigenden Toilette vor. UV-Licht soll dafür sorgen, dass innerhalb weniger Sekunden nahezu alle Keime abgetötet werden. Zum Einsatz kommt dabei sogenanntes fernes UV-Licht, das für Menschen ungefährlich ist. Es soll dennoch nur aktiviert werden, wenn die Toilette nicht besetzt ist. Das Konzept erhielt 2016 den Crystal Cabin Award, einen internationalen Preis für Kabineninnovationen. Ob und wann eine solche Bordtoilette in der kommerziellen Luftfahrt Einzug hält, ist noch unklar.

GermFalcon

UV-Licht kann auch zur Entkeimung der ganzen Kabine verwendet werden. Das US-Unternehmen Dimer UVC Innovations hat bereits 2014 ein mobiles Gerät namens GermFalcon für Flugzeuge entwickelt; laut Medienberichten lässt Corona die Nachfrage nach oben schnellen. Seit kurzem stellt der US-Technologiekonzern Honeywell das Gerät in Lizenz her und vertreibt es. Damit lässt sich nach Angaben des Unternehmens eine Kabine innerhalb von weniger als zehn Minuten kostengünstig sterilisieren. Auch der israelische Luftfahrtkonzern Israel Aerospace Industries arbeitet an einem Reinigungsroboter, der UV-C-Licht nutzt, um Bakterien und Viren abzutöten. Kurzwelliges UV-C wird in Krankenhäusern und Labors schon länger für diesen Zweck eingesetzt.

Neue und alte Beschichtungen

Für mehr Hygiene am Sitzplatz und in der Toilette könnten auch antibakterielle und antivirale Beschichtungen sorgen. Boeing hat bereits vor der Pandemie eine neuartige Polymerbeschichtung entwickelt, die auf Armlehnen, Tische und sonstige Oberflächen aufgebracht werden kann. Die Beschichtung ziele auf Erkältungs- und Grippeviren sowie "andere, ernstere Viren", so Boeing in der Bewerbung für den Crystal Cabin Award 2020. Das Polymer breche die äußere Hülle von Viren und Bakterien auf und trockne sie aus. Die antivirale Oberflächenbehandlung hält nach Angaben von Boeing mindestens ein Jahr und lässt sich auf alle Materialien, inklusive Glas, Metall, Stoff und Plastik, auftragen.

Hochreaktiv gegenüber Bakterien

Der deutsche Lackhersteller Mankiewicz hat ebenfalls antimikrobielle Beschichtungen im Angebot, anders als bei Boeing basieren sie auf Silberionen. Sie sind hochreaktiv gegenüber Bakterien und unterbrechen lebenswichtige Prozesse in deren Zellen. Silberbeschichtungen werden bereits seit Jahren in Waschräumen verwendet und halten länger als eine Polymer-Oberflächenbehandlung. Die Wirkung von Silber gegen Viren ist aber bisher wissenschaftlich nicht zweifelsfrei bewiesen.

Emirates
Die Leistung von HEPA-Partikelfiltern in Flugzeugen entspricht dem Luftgütestandard in Operationssälen.

Und die Kabinenluft?

Um das Vertrauen der Passagiere zurückzugewinnen, muss die Branche auch über die Funktionsweise der Klimatisierungssysteme aufklären. Denn in geschlossenen Räumen wird das Infektionsrisiko als besonders hoch eingestuft. Anders als oft angenommen, wird die Kabinenluft nicht nur umgewälzt, sondern ständig mit frischer, abgekühlter Zapfluft aus den Triebwerken gemischt. Die Luft strömt in der Kabine vertikal von der Decke nach unten, wo sie unterhalb der Fenstersitze abgesaugt wird. In modernen Flugzeugen wird die Luft nach Angaben von Airbus etwa alle drei Minuten komplett ausgetauscht.

High Efficiency Particulate Air Filter

Viele Verkehrsflugzeuge verfügen zudem über sogenannte HEPA-Filter (High Efficiency Particulate Air Filter), die die Umluft von Staub, Pilzen, Viren und Bakterien befreien. Da diese Filter sich bei Partikeln in der Größe des SARS-CoV-2-Virus (70–120nm) bewährt hätten, empfiehlt die europäische Agentur für Flugsicherheit, EASA, Betreibern, diese im Zweifel nachzurüsten oder stattdessen weitgehend auf die reine Luftumwälzung zu verzichten. Zudem rät die EASA, die Frischluftzufuhr zu erhöhen. Die gefilterte Luft in Flugzeugen sei sicherer und sauberer als das, was viele von uns am Boden einatmeten, so die Behörde.

Bis zu vier Minuten lang in der Kabine

Auch wenn es bisher wenige Fälle gibt, in denen sich Seuchen nachweislich an Bord von Flugzeugen verbreitet haben, bleibt wohl ein Restrisiko. Das legte bereits vor Corona die Forschung des Maschinenbauprofessors Qinyang Chen von der Purdue University in West Lafayette, Indiana, nahe. Computersimulationen zeigen, dass Tröpfchen nach Husten und Niesen bis zu vier Minuten lang in der Kabine zirkulieren, bevor sie in die Filter gelangen. Passagiere, die direkt neben einer erkrankten Person sitzen, sind am stärksten gefährdet, sich anzustecken. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt untersucht nun mithilfe von Simulationen und Experimenten die Ausbreitung von Viren in Flugzeugen.