Mechaniker im Lightning-Cockpit
Pilot wider Willen: Wie Taffy Holden einfach abhob

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Immer wieder liest und hört man davon, dass Flugzeuge versehentlich in die Luft kommen. Im Juli 1966 erlebte ein Mechaniker der Royal Air Force bei so einem Vorfall zwölf ganz besondere Minuten.

Pilot wider Willen: Wie Taffy Holden einfach abhob
Foto: Luca Perinotto

Walter "Taffy" Holden hatte am Morgen des 22. Juli 1966 die Aufgabe, die English Electric Lightning, Kennung XM135, zu überprüfen. Der Jäger hatte bei den letzten Flügen einige elektrische Probleme. Holden versuchte, das Problem zu reproduzieren, indem er kurze Strecken mit hoher Triebwerksdrehzahl auf der Bahn in Lyneham rollte. Dafür stieg er ins Cockpit, startete die beiden Avon-Triebwerke und rollte langsam los. Doch er schob die Schubhebel bei einem Test zu weit nach vorn und schaltete so versehentlich in den Nachbrenner-Modus. Die Lightning beschleunigte, mit dem verdutzten Chefmechaniker im Cockpit, immer mehr und schneller. Holden ging langsam die verbleibende Piste aus und er raste auf einen in der Nähe stehenden Tankwagen zu und verfehlte auch nur knapp eine Comet, die sich gerade ebenfalls auf der Bahn befand. Hinzu kam noch, dass er sich einem Dorf näherte, das jemand unglücklicherweise am Ende der Start- und Landebahn gebaut hatte. Holden blieb nur noch der Start mit dem Jet. Nachdem er an Höhe gewonnen hatte, dachte er zuerst daran, der Comet auszuweichen, die er gerade verpasst hatte und die sich inzwischen auch in der Luft befand. Doch sie war außer Sicht und er konnte sich wieder auf sich und seine nicht unerheblichen Probleme konzentrieren. Erschwerend kam noch dazu, dass für die Wartung die Cockpithaube abgenommen worden war und er keinen Helm trug. Die Geräuschkulisse war immens.

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Die einzige Möglichkeit

Der Schleudersitz war keine Option, denn dieser wurde, wie es für Arbeiten am Boden üblich ist, in den Wartungsmodus gebracht und war somit außer Funktion. Holden entschied sich für die einzig sinnvolle und sicherste Möglichkeit: Er wollte die Lightning landen. Bisher hatte er jedoch in seiner Ausbildung nur verschiedene Schulflugzeuge gelandet. Was nun auf ihn zukam, war etwas völlig anderes. Er wusste, dass er die Nachbrenner ausschalten musste, bevor er einen Landeversuch unternehmen konnte. Zu seinem Glück hatte ihm jemand vor den Tests gezeigt, wo sich der Schalter dafür befand. Er schaltete die Nachbrenner aus und machte sich daran, das Flugzeug wieder auf den Boden zu bringen. Nach drei abgebrochenen Landeversuchen aufgrund falscher Anfluggeschwindigkeiten und Sinkraten setzte Holden beim vierten Versuch schließlich auf.

Glück im Unglück

"Taffy" landete mit hohem Anstellwinkel, so wie man es ihm in der Pilotenausbildung auf den alten Harvards beigebracht hatte. Doch Lightnings sollten eigentlich mit allen drei Rädern gleichzeitig aufsetzen. Wegen der hohen Geschwindigkeit braucht man nach dem Aufsetzen nicht nur die Bremsen, sondern auch einen Bremsschirm. Unglücklicherweise hatte "Taffys" unsanfte Landung dazu geführt, dass die Seile des Schirms, gerissen waren. Dies führte dazu, dass der Schirm ungenutzt abfiel. Nachdem die Bremsen durchgebrannt waren, kam der Jet etwa 100 Meter vor dem Ende der Bahn zum Stillstand. Dank ungeheurem Glück, grundlegenden fliegerischen Fertigkeiten sowie seinem Mut konnte "Taffy" einen schlimmeren Ausgang seines zwölfminütigen Flugs verhindern. Er blieb noch bis Ende der 1970er Jahre in der RAF. Heute steht die XM135 im Imperial War Museum in Duxford.

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