in Kooperation mit
Royal Australian Navy

Flugzeug ohne Pilot an Bord

Auf der Jagd nach der Geister-Auster

Unbemannte Fluggeräte gab es vor 60 Jahren eigentlich nicht. Als sich am 30. August 1955 eine Auster ohne Pilot in die Luft erhob, musste die Royal Australian Navy mit ihren Jägern hinterher.

Vorfälle, bei denen man einfach nur ungläubig den Kopf schütteln oder es nicht wirklich glauben kann, gibt es immer wieder. In diese Kategorie gehört auch das hier beschriebene Ereignis, das sich nachweislich am 30. August 1955 über Australien abgespielt hat.

Platzrunde mit Motorausfall

Privatpilot Anthony Tower chartert an diesem Tag bei der Kingsford-Smith-Flugschule die Auster J/1 Autocrat mit dem Kennzeichen VH-AET. Tower will ein paar Platzrunden am Flugplatz Bankstown fliegen. Er startet, und als er gerade im Endanflug zur ersten Landung ist, stirbt ihm plötzlich ohne Vorwarnung der Motor seiner Auster, ein Blackburn Cirrus Minor, ab. Tower gelingt es, die antriebslose Maschine sicher auf der Piste aufzusetzen und abzurollen. Dann probiert er, den Motor wieder zu starten. Bei der Auster, die keinen elektrischen Starter hat, muss er dafür das Cockpit verlassen und den Motor mit Muskelkraft am Propeller anreißen.

Phil Vabre (GFDL)
Die Auster J/1 Autocrat war eine dreisitzige Einmot des britischen Herstellers Auster und flog 1945 zum ersten Mal.

Handbremse und Gashebel in falscher Position

Allerdings vergisst der Pilot, die Handbremse richtig anzuziehen und den Gashebel in Leerlaufstellung zu bringen. Als er den Propeller mit voller Kraft dreht, zündet der Cirrus Minor, und die Auster rollt mit Vollgas einfach los. Tower bringt sich mit einem Sprung gerade noch in Sicherheit und sieht dann seinem Flugzeug dabei zu, wie es quer über den Platz davonrollt. Er traut seinen Augen kaum, als sie abhebt und fliegt. Die VH-AET steigt munter und ohne Probleme oder ungewöhnliche Flugbewegungen in den Himmel über Bankstown.

Erster Abfangflug

Der an diesem Tag vorherrschende Westwind sorgt dafür, dass sie immer weiter in Richtung des Stadtkerns getrieben wird und sukzessive auf die Küste bei Vaucluse zusteuert. Inzwischen hat der Flugplatz die Royal Australian Air Force (RAAF) über das herrenlose Flugzeug informiert, und die Militärs wollen vermeiden, dass die Auster ihre Runden über der Stadt dreht oder sogar über bewohntem Gebiet abstürzt. Vom Stützpunkt in Richmond startet eine CAC Wirraway, um dem Spuk mit Waffengewalt ein Ende zu machen – möglichst über offener See, wo sich der Schaden in Grenzen halten dürfte. Pilot Wing Commander D. Beattie und sein Beobachter, Squadron Leader T. Janes, staunen nicht schlecht, als sie das Zielobjekt, das inzwischen auf 9000 Fuß gestiegen ist, erreichen. Janes eröffnet das Feuer, trifft jedoch nicht. Schlimmer noch: Aufgrund der eisigen Temperaturen in dieser Höhe frieren seine Handschuhe an seinem MG fest, und es gelingt ihm nicht, nachzuladen. Die Wirraway dreht ab – und der zweite Akt der Komödie beginnt.

Zweiter Abfangflug

Auf der Air Base Williamtown wird Flight Lieutenant Max Holdsworth alarmiert und startet mit seiner Gloster Meteor zu einem erneuten Abfangflug. Mit seinem Jet erreicht er die immer noch über dem Meer fliegende Auster, doch nach einem erfolglosen ersten Angriff, bei dem er nur wenige Treffer im Flügel erzielen kann, versagen seine Bordwaffen, und er muss zu seinem Stützpunkt zurückkehren.

Die Gloster Meteor, ein britischer Kampfjet der ersten Generation, war in den frühen 50er-Jahren weltweit im Einsatz.

Dritter Abfangflug

Der dritte Akt gehört der Royal Australian Navy. Ihre Piloten fliegen zu dieser Zeit noch die Hawker Sea Fury, eines der besten Kolbenmotor-Jagdflugzeuge aller Zeiten. Die beiden Furys mit Lieutenant John Bluett und Peter McNay in den Cockpits erreichen die VH-AET um 11.35 Uhr Ortszeit. Um ihr Ziel ins Visier nehmen zu können, müssen die Piloten Landeklappen, Fahrwerk und sogar den Fanghaken voll ausfahren, um ihre Geschwindigkeit so weit es geht zu verringern.

Auster stürzt ins Meer

Einen kurzen Moment fliegen Bluett und McNay neben der Auster her und vergewissern sich, dass auch wirklich niemand an Bord ist. Dann eröffnen beide das Feuer. Die MG-Garben durchlöchern den bespannten Rumpf der Auster und schlagen schließlich im Motor ein. Damit ist es um die einsame Auster geschehen. Sie geht in Flammen auf, verliert an Höhe und stürzt nahe Palm Beach, New South Wales, ins Meer. Bluett, im Titelbild, wird im Anschluss sogar ein erfolgreicher Abschuss anerkannt, und seine Fury ziert fortan eine kleine Auster- Silhouette unterhalb des Cockpits.

Was mit den Überresten der "Geister-Auster" geschehen ist, und ob Anthony Tower später stets die Handbremse seiner Flugzeuge angezogen hat, ist nicht überliefert. Klar ist nur, dass Bluett und McNay die einzigen RAN-Piloten sind, die ein einheimisches Zivilflugzeug vom Himmel holten. Und sicher haben sie die abenteuerliche Geschichte noch lange Zeit bei einem Drink in einer Flugplatzbar zum Besten gegeben.

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