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Philipp Prinzing
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Jakowlew Jak-9

Die eiserne Faust der Roten Armee

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In den frühen 1990er Jahren machte sich Strela Aircraft Co. daran, eine Jak-9 nachzubauen. Es war die Zeit, als die große Warbird-Restaurierungsbewegung begann. Die Jak-9 gilt als der erfolgreichste sowjetische Jäger im Zweiten Weltkrieg.

Strela konnte bereits mit dem Neubau der Jak-3 große Erfolge verzeichnen, und so entschloss man sich, auch den Erfolgsentwurf Jak-9 wieder zu bauen. Dafür holten sich die Verantwortlichen die Firma Shadetree Aviation aus den USA mit ins Boot. Man konnte auf originale Seriennummern zurückgreifen und auch auf Teile aus den ursprünglichen Produktionsjahren. Was man nicht mehr zur Verfügung hatte, wurde auf den alten Maschinen der Firma Jakowlew nachgebaut.

Allison V-1710-Zwölfzylinder

Einzig beim Motor mussten die Ingenieure ein Zugeständnis machen. Den originalen Klimow V-12 gab es einfach nicht mehr, und so griff man ins Regal der US-Hersteller und wurde bei Allison mit dem V-1710-Zwölfzylinder fündig. Dies brachte nicht nur eine bessere Zuverlässigkeit, sondern auch eine hohe Verfügbarkeit von benötigten Ersatzteilen mit sich. Eine gute Wahl, die sich bis heute bewährt hat, denn aus der "neuen" Produktionslinie fliegen noch die meisten der vermutlich 23 gebauten Exemplare. Eines davon ist die inzwischen in Deutschland beheimatete D-FIST (deutsch: Faust).

Die neue Jak-9UM

Wie es sich anfühlt, in einem Jäger von 1944 zu fliegen, der aber tatsächlich erst 30 Jahre alt ist, erfahre ich beim Ostblock-Fly-in 2019 nahe Berlin. Einer der wärmsten Tage im Mai wird in den kommenden 30 Minuten noch heißer werden. Bereits am Vorabend habe ich probiert, mit meinen 1,80 Metern im hinteren Cockpit der D-FIST Platz zu nehmen: Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass man seine Beine unter einer massiven Querstrebe durchfalten und zumindest für den Einstieg eine recht unnatürliche Position einnehmen muss. Doch erst am Vormittag des darauffolgenden Tages passt es, und ich rutsche ganz leicht in die hintere Sitzschale, die nur durch den umgelegten Fallschirm etwas gepolstert ist.

Philipp Prinzing
Im engen Cockpit dominiert der für die 1940er Jahre übliche Uhrenladen. Einzig das moderne GPS in der Mitte stört die Nostalgie etwas.

Ein Flug in einem Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg

Die Sonne brennt von oben herab, und schon bevor der Motor überhaupt angelassen wird, komme ich mir vor wie in einer Sauna. Aber was bevorsteht, ist alle Umstände wert: ein Flug in einem Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, den man nicht mal eben buchen kann. Vielen Dank an dieser Stelle an das Jak-Team Wümme für diese einmalige Aktion.

"Prop frei"

Die Schweißperlen tropfen mir unter der Fliegerhaube vom Gesicht. Der Pilot geht gut hörbar seine Checkliste durch, und als die Worte "Prop frei" ertönen, weiß ich, dass es jetzt losgeht. Drei Propellerblätter drehen noch langsam am Sichtfeld vorbei, bevor vorne die Zündung zugeschaltet wird und die zwölf Zylinder beim ersten Schlag zum Leben erwachen. Die Zelle schüttelt sich unter der Kraft des noch im Leerlauf drehenden Allison. Über Funk kommt die Freigabe zum Rollen. In Schlangenlinien rollen wir langsam zum Rollhalt der Piste 12 des Flugplatzes Bienenfarm. Die Sicht nach vorn ist für mich auf dem tiefen hinteren Jumpseat gleich null. Immer wieder hört man das Zischen der Bremsen, mit deren Impuls die Richtungsänderung angegeben wird.

Luftdrucksystem

Das Zischen ist die entweichende Luft des Bremssystems, denn die Jak verfügt über ein Luftdrucksystem für die Bremsen, die Klappen und das Fahrwerk. Dies hat einen ganz einfachen Grund: Für den ursprünglichen Einsatzzweck in den Weiten der Sowjetunion und der Ausbildung in Sibirien wurde ein zuverlässiges System gesucht, welches niedrigen Temperaturen standhalten konnte. Denn Hydrauliköl kann bei Minusgraden gefrieren und auch elektrische Bauteile bei unwirtlicher Kälte ihren Dienst versagen. Daher entschied man sich für diesen einfachen Weg, denn Luft kann weder gefrieren noch verdampfen.

Wahnsinnige Kraft

Am Rollhalt angekommen, beginnen die letzten Checks vor dem Start. Der Pilot schiebt den Leistungshebel nach vorn und macht den Magnetcheck. Alles funktioniert einwandfrei. Wir warten noch den anfliegenden Verkehr ab. Es dauert einige Zeit, bis die Bahn frei ist. Wir brauchen die ganze Piste für uns, denn die Jak ist, wenn sie erstmal fliegt, schon kurz nach dem Takeoff sehr schnell. Da wäre ein langsam fliegender Doppeldecker eine leichte Beute. Wir schwitzen in unserem Cockpit, die Sonne brennt von oben auf uns herab, und von unten füllt die Hitze des großen Wasserkühlers den engen Raum. Auch die leicht geöffnete Haube bringt keine wirkliche Abkühlung. Die Bordwände reichen bis weit über die Schultern, und man wird das Gefühl nicht los, von einer eisernen Faust umschlossen zu sein: eng, heiß und mit wahnsinniger Kraft.

Wie ein Messer

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit auf die Piste rollen und der Gashebel gefühlvoll nach vorne geschoben wird, sind die Kraft und die Geräuschkulisse unglaublich. 1450 PS zerren am mächtigen Hamilton-Standard-Dreiblattprop, während wir Fahrt aufnehmen. Das Heck kommt hoch, und erstmals kann auch ich in Startrichtung sehen. Die Unebenheiten der Piste werden fast ungedämpft an den Rücken weitergegeben. Nach ungefähr 600 Metern gibt uns die Erde frei, und die D-FIST schießt wie eine Kugel in den Himmel. Das stellt alles bisher im Cockpit Erlebte in den Schatten. Die Landschaft zieht schnell vorbei, und die Häuser werden immer kleiner.

Philipp Prinzing
Die rot-weißen Stäbchen dienen als optische Kontrolle für die ordnungsgemäße Funktion des Fahrwerks.

Optische Kontrolle für das Fahrwerk

Das Fahrwerk wird eingezogen, auf den Flächen verschwinden die kleinen, rot-weißen Stäbchen, die als optische Kontrolle für die ordnungsgemäße Funktion des Fahrwerks dienen. Der Pilot fragt über Funk, ob alles okay ist. Ich kann ihn trotz gutem Headset kaum verstehen. Ich nicke nur, hebe die Hand und zeige ihm den aufgerichteten Daumen, als er sich kurz umdreht.

Highlight des Ostblock-Fly-ins

Wir steigen schnell auf über 2500 Fuß, müssen jedoch vorerst etwas Strecke machen, damit wir nicht an den Luftraum der Berliner Flughäfen stoßen. Wir erreichen das vorher festgelegte Zielgebiet innerhalb weniger Sekunden, denn wir sind zu einem Videoflug mit einer North American T-6 verabredet. In dieser sitzen Kameramann Roman und Pilot Schrambo, die die Aufnahmen vom Highlight des Ostblock-Fly-ins machen sollen. Die Sache gestaltet sich aber nicht so leicht, denn die Geschwindigkeiten könnten nicht unterschiedlicher sein.

Wohlfühl-Speed

Die Jak hat mit ausgefahrenen Klappen eine Stall Speed von 150 km/h. Nähert man sich dieser an, wird die Steuerung weicher und ist nicht mehr so exakt kontrollierbar. Doch wenn sie einmal ihre Wohlfühl-Speed erreicht hat, dann fliegt die Jak wie ein scharfes Messer: punktgenau. Mit minimalen Bewegungen am Knüppel schneiden wir durch die Luft und peilen unser Ziel an. Beim ersten Anflug überschießen wir die T-6, doch der zweite Join-Up funktioniert, und wir drehen einige Runden mit dem Fotoflugzeug. Dann wechseln wir das Programm und kreuzen nach Anweisung des erfahrenen Tornadopiloten im T-6-Cockpit noch mehrfach den Flugweg der Texan, um möglichst dynamische Aufnahmen zu bekommen.

Philipp Prinzing
Der Motor der D-FIST hat gerade einmal 80 Stunden auf der Uhr. Er liefert rund 1450 Pferdestärken.

Kraftvoller und satter Klang des US-Triebwerks

Das Intercom zur internen Verständigung haben wir kurzerhand ausgeschaltet, da die vorherrschende Lautstärke immer wieder die Mikrofone öffnet und man daher ein unangenehmes Rauschen im Ohr hat. So kann man den kraftvollen, satten Klang des US-Triebwerks genießen. Als wir mit den Videoaufnahmen fertig sind, lassen wir es nochmal richtig krachen. Die Wendigkeit ist unglaublich, eine Rolle ist extrem schnell geflogen. Die anliegende Geschwindigkeit von rund 500 km/h ist eine wahre Freude!

"Fotovorbeiflug"

Wir sind schnell wieder in der Nähe des Platzes und holen uns über Funk die Freigabe für einen "Fotovorbeiflug". Die Flugleitung erteilt uns diese gern und schafft uns gleichzeitig genügend Platz im Luftraum rund um EDOI. Nach dem Überflug gehen wir in den Gegenanflug. Das Fahrwerk wird ausgefahren, die Klappen kommen heraus. Auch die Landegeschwindigkeit ist nicht zu verachten. 180 km/h liegen am Staurohr an, als wir in den Endanflug gehen und uns auf die Bahn ausrichten. Die Landung sitzt, doch muss man bis zum absoluten Stillstand auf der Hut bleiben, dass einen die eiserne Faust am Ende nicht doch noch zerdrückt und man einen Ringelpietz verursacht. Die Arbeit mit den Seitenruderpedalen verlangt wirklich die ganze Aufmerksamkeit des Piloten. Als die Haube wieder ein Stück geöffnet werden kann, bin ich glücklich über die frische Luft, die in das Cockpit hineinströmt.

Die Faust lässt los

Am Abstellpunkt angekommen, brüllt der Allison ein letztes Mal auf, bevor er abgestellt wird und Ruhe einkehrt. Ich öffne meine Haube und löse mein Gurtzeug. Durchgeschwitzt und tief beeindruckt sitze ich noch kurz auf dem Rand des Cockpitrahmens. Beim Händeschütteln mit dem Piloten bedanke ich mich für die unglaubliche Erfahrung. Sie sorgt bei mir dafür, dass ich noch mehr Respekt für die heutigen und besonders für die damaligen Piloten empfinde. Sich mit einem solchen Gerät in die Luft und sogar noch in einen Luftkampf zu wagen, erfordert einiges an Übung und Erfahrung.

Philipp Prinzing
In der Luft ist die Jak eine wahre Freude. Ihre Jagdflugzeug-Gene sorgen heute für jede Menge Spaß beim Piloten und beim Fluggast.

Absolut gelungene Mischung

Als ich meine Füße wieder auf festen Boden setze und mich nochmals zur 9 umdrehe, die dort mit einem vor Hitze knisternden Motor steht, bin ich begeistert von dem alten/neuen sowjetischen Jagdflugzeug mit dem amerikanischen Motor. Was die Firma Strela hier geschaffen hat, ist eine absolut gelungene Mischung aus historischem Fluggerät und zuverlässiger und noch verfügbarer Technik.

Neue Maßstäbe

Der Flug mit der D-FIST wird mich noch lange in Gedanken begleiten, er hat für mich neue Maßstäbe gesetzt. Am Abend falle ich erschöpft in mein Bett und denke über das Erlebte nach. Ich bin am Ende auch ein wenig froh darüber, dass diese "eiserne Faust" ihren Griff gelöst und mich wieder freigegeben hat.

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