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Notwasserung in St. Petersburg

„Das Wunder auf der Newa“

Am Morgen des 21. August 1963 macht sich eine Tupolew Tu-124 der Aeroflot mit 45 Passagieren an Bord auf den Weg von Tallinn nach Moskau-Wnukowo. Doch dort kommt das Flugzeug nicht an: Die Reise endet in St. Petersburg – und zwar im Wasser.

Der innersowjetische Kurzstreckenflug startet in Tallinn um 8:55 Uhr Ortszeit, doch schon kurz nach dem Start bemerken Pilot Victor Mostowoj und seine Crew ein Problem: Das Bugfahrwerk klemmt – es lässt sich weder ein- noch wieder ausfahren. Eine Rückkehr zum Flughafen Tallinn scheidet aus, denn der Airport wurde kurz nach dem Start der Tu-124 wegen dichten Nebels geschlossen. Der 27-jährige Mostowoj steuert das Flugzeug deshalb Richtung Leningrad (heute St. Petersburg). Dort will er das Flugzeug auf einer unbefestigten Behelfspiste des Flughafens Pulkowo landen – auf dem Bauch, wenn nötig.

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Die Tu-124 ähnelte der größeren Tu-104, war aber speziell für Kurzstrecken entworfen worden, auf denen sie die Iljuschin Il-14 ablösen sollte. 165 Tu-124 wurden gebaut.

Ohne Sprit über Leningrad

Unterwegs versuchen Crew-Mitglieder, das blockierte Bugfahrwerk mittels Körperkraft und einer Metallstange zu befreien und zum Einrasten zu bewegen. Vergeblich. Über Leningrad dreht die Tu-124 kurz darauf mehrere Schleifen in 500 Metern Höhe, um Kerosin zu verbrennen. Offenbar verbrennt sie dabei zu viel, denn als sie gerade ihren achten Kreis fliegt, geht plötzlich das linke Triebwerk aus. Und obwohl die Spritanzeige im Cockpit noch eine Tonne Restvorrat suggeriert (ein Fehler, wie sich später herausstellt), verabschiedet sich wenig später auch das rechte Triebwerk, mitten über dem Stadtzentrum. Die Landebahn ist mit rund 13 Kilometern zu weit entfernt – also trifft der 27-jährige Pilot Mostowoj eine riskante Entscheidung: Er will die Maschine auf dem Fluss Newa landen, der Leningrad durchfließt und im angepeilten Bereich etwa 300 Meter breit ist – wohlwissend, dass ihm dabei mehrere Brücken in die Quere kommen.

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Glücklicherweise befand sich ein Schleppboot (Baujahr 1898) in direkter Nähe zur gewasserten Tu-124 und zog das Flugzeug an Land. Von dort aus brachte ein Bus die Passagiere wenig später zum Leningrader Flughafen...

Per Schleppboot ans Ufer

Und so schwebt die Tu-124 (Kennzeichen CCCP-45021) wenig später dicht über der Bolscheochtinski-Brücke ein, streift um ein Haar die gerade im Bau befindliche Alexander-Newski-Brücke – und setzt schließlich, mit dem Heck zuerst, stromaufwärts auf der Newa auf. Keiner der 52 Insassen kommt ernsthaft zu Schaden, obwohl der Rumpf sich nach der Landung mit Wasser füllt: Ein zufällig in der Nähe fahrendes Schleppboot dreht sofort bei. Der Bootskapitän zerschlägt die Cockpitscheibe der Tupolew und bindet ein Schleppseil um die Steuersäule des Flugzeugs. Anschließend zieht er das Tupolew-Wrack an Land, wo Passagiere und Besatzung die Maschine wohlbehalten verlassen können. Pilot Mostowoj und seine Crew erhalten einen Orden. Von jeglicher Mitverantwortung für den Vorfall werden sie freigesprochen, eine detaillierte Aufarbeitung der Ereignisse findet nicht statt – vor allem aus Propagandagründen, wie mancher heute meint. Zu sehr hatte sich die Heldentat bereits im Volk herumgesprochen, als dass man die Tupolew-Crew wegen eines Fehlers hätte zur Rechenschaft ziehen können. Der Kapitän des Schleppboots erhielt übrigens eine Uhr als Dank – in der UdSSR zur damaligen Zeit ein typisches Geschenk für verdiente Staatsbürger.

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